Celia Gomez

Tochter Gottes oder Messias braucht kein Geschlecht

London: Im Passionsspiel wird Jesus von einem jungen britischen Mann mit asiatischer Herkunft gespielt. Wären wir für eine Frau als Jesus bereit?

Ein wahres Passionsspiel

Palmsonntag, St. Matrin-in-the-Fields am Trafalgar Square: Neben der Kirche zog der Londoner Marathon vorbei. Vergleichbar wenige Leute betraten die St. Martins Kirche. Das Gotteshaus war spärlich besetzt, was jedoch daran lag, dass ein sich eine Prozession mitsamt Esel durch den Marathon schlagen musste.

In der Mitte der Messe fand ein Passionsspiel statt. Ich hatte mich auf Kinder im Primarschulalter eingestellt, die SchauspielerInnen waren jedoch junge Leute und Erwachsene, drei Kinder spielten ebenfalls mit. Der Text sass bei allen und sie spielten ihre Rollen überzeugend. Der Jesus-Darsteller musste sich einige Schläge mit Ruten einstecken, die Soldaten folterten ihn mit Waterboarding, verhöhnten ihn und machten Fotos mit ihm – eine Szene, die stark an den Missbrauch der Gefangenen im Abu Ghraib erinnerte. Die Kreuzigung und die Bestattung waren mit ergreifender Musik untermalt, die ganze Kongregation war ergriffen, als Jesus ins Grabtuch eingewickelt wurde, während der Chor «Pie Jesu» von Andrew Llyold Webber sang und Maria herzergreifend weinte.

Jesu Herkunft spielt keine Rolle

Der Cast setzte auf Diversität: Zwar waren alle DarstellerInnen (gemäss ihrem Akzent) aus Grossbritannien, ihre Herkunft konnte jedoch nicht unterschiedlicher sein: Schwarze BritInnen spielten u.a. Maria und Petrus, Jesus war ein junger Mann asiatischer Herkunft und Judas war eine Frau.

Besonders die Besetzung von Judas mit einer Frau fand ich gewagt und mutig. Kurz darauf kam mir der Gedanke, dass auch die Rolle des Jesus mit einer Frau besetzt werden könnte. Das Passionsspiel war absichtlich in die moderne Welt transferiert worden und versuchte in keiner Weise, historisch akkurat zu sein. Was spricht daher gegen Jesus als eine Frau?

Warum wurde Jesus als Mann geboren? Dies ist eine Frage, die ich heute der Theologin oder dem Theologen meines Vertrauens stellen würde. Ich, Theologie-unerfahrene Religionswissenschaftlerin mit katholischem Hintergrund, wage mich an eine Erklärung – wobei ich keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhebe, diese Ansichten meinen persönlichen Glauben widerspiegeln und ich mich gerne von TheologInnen eines Besseren belehren lasse.

Das Christentum stammt aus einer patriarchalen Zeit

Die Bibel stammt aus einer Zeit, in der es Frauen kaum möglich war einen Messias zu sein. Die Inexistenz einer weiblichen Form für Messias zeigt diese Tatsache. Wer biblisches Hebräisch lernt, weiss, dass die Sprache sehr nach maskulinen Formen ausgelegt ist – weil Sprache unser Weltbild reproduziert und unser gedankliches Bild beeinflusst oder um es mit Wittgenstein auszudrücken: «Die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt».

Eine Religion, die in einer patriarchalischen Gesellschaft entstanden ist, trägt natürlich auch patriarchalische Strukturen, Lehren und Moral. So wird durch die Sprache klar, dass Gott (JHWH) eine männliche Entität ist und daher auch einen Sohn, keine Tochter, haben muss.

Die Geschichte kennt jedoch einige Ausnahmen: Eine syrische Kirche im 3. Jh. betete jedoch tatsächlich zu Gott durch feminine Referenzen und in ihrem Kanon spricht St. Thomas über den Heiligen Geist als «sie». Andere gnostische und mystische christliche Gruppen der frühen Kirche glaubten, dass Gott weiblich und männlich zugleich ist. Auch St. Anselm, Erzbischof von Canterbury, betete im 11. Jh. zu Jesus als «meine Mutter» und Gott als «der grossen Mutter».

Entwicklungen seit dem 20. Jh.

Erst in den letzten fünfzig Jahren begannen feministische TheologInnen darauf hinzuweisen, dass die Kirchen eine unnötig frauenausschliessende Sprache benutzten. So schrieb Mary Daly 1973: «Wenn Gott männlich ist, muss das Männliche Gott sein».

Neue Bibelübersetzung bemühen sich nun um eine inklusive Sprache und Pronomen für Gott werden, wenn möglich, vermieden. Eine inklusive Sprache in Bibelübersetzungen zeigt die Bemühung, den Inhalt der Bibel möglichst unserer Zeit anzupassen – andererseits ist es fragwürdig, wie nützlich dies tatsächlich ist. Wer die Bibel liest, sollte meines Erachtens sehen, dass es sich um ein Dokument handelt, das aus einer patriarchalen Zeit stammt. Dadurch können auch andere Themen problematisiert werden, die heute anders gehandelt werden – z.B. Eheschliessung, Scheidung, Strafen u.a. Die Bibel ist aus dieser Perspektive ein historisches Dokument, das nicht 1:1 auf heute übertragen werden kann.

Jesu Geschlecht spielt keine Rolle

Jesus könnte gut eine geschlechtslose Person gewesen sein und die Botschaft wäre dieselbe geblieben. Kein Teil der christlichen Lehre Jesu, die wir aus den Evangelien erfahren, war durch sein Geschlecht bestimmt. Nächstenliebe, Barmherzigkeit, Mitgefühl – für viele ChristInnen die Kernlehren Jesu – ändern sich nicht mit dem Geschlecht, Messias braucht kein Geschlecht!

Trotzdem warte ich freudig gespannt auf das nächste Passionsspiel mit einer Frau in der Rolle der Tochter Gottes.

Die Tochter Gottes? | © pixabay.com CC0
25. März 2018 | 17:52
von Celia Gomez
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