Gian Rudin

Strukturen des Denkens

Barth und Balthasar

Der aus dem aargauischen Safenwil stammende grosse reformierte Theologe Karl Barth hatte in seiner unabgeschlossenen «Kirchlichen Dogmatik» die analogia entis als die Grundform des katholischen Denkens bezeichnet. Diese war für ihn jedoch ein Täuschungsmanöver des Antichristen und somit der erheblichste Einwand gegenüber dem Katholischen, der überhaupt formuliert werden kann. Die eifrige Verehrung Mariens ist dagegen Peanuts. Die analogia entis meint vereinfacht ausgedrückt ein Entsprechungsverhältnis zwischen Gott und Welt. In den sichtbaren Strukturen dieser Welt lässt sich etwas erahnen von der Wirklichkeit Gottes. Diese Entsprechung, welche beispielsweise in Symbolen zum Ausdruck kommen kann, ist jedoch immer von einer jeweils grösseren Unähnlichkeit in Bezug auf die Wirklichkeit Gottes bestimmt, wie es das 4. Laterankonzil im Jahre 1215 festgestellt hat. Barth und die von ihm mitbegründete dialektische Theologie stellt jedoch die Unvereinbarkeit von Absolutem und Geschaffenem ins Zentrum des theologischen Nachsinnens über das Gott-Welt-Verhältnis. Diese Abgeschiedenheit von Gott und Welt wird nur durch das Offenbarwerden des eingeborenen Gottessohnes Jesu Christus überbrückt.  Hans Urs von Balthasar hat in seinem Buch über Karl Barth das katholische Nahdenken über Gott und die Welt als elliptisch gekennzeichnet. Durch die Bestimmung von Brennpunkten in einer Ellipse ist es möglich, klare Verhältnisbestimmungen von verschiedenen auf dem Bogen der Ellipse gelegenen Punkten vorzunehmen. Diese Verbindungslinien können auch gespiegelt werden und so ergeben sich klare und dennoch verschiedenartige Strukturen. Entscheidend sind hier die beiden Brennpunkte, denn die Form (das Denkgerüst) ist durch den Bezug zu diesen gegeben. Diese oberflächliche geometrische Betrachtung erscheint hilfreich, um die integrative Kraft der katholischen Weltdeutung zu kennzeichnen. Die reformatorische Opposition zu den Auswüchsen katholischer Glaubenspraxis hat sich in den scharfen und strikten Abgrenzungsmarkierungen des sola (sola scriptura, sola gratia etc.) manifestiert. Diese im geschichtlichen Zusammenhang durchaus verständliche Vehemenz des Sprachgebrauchs hat aber wiederum die Tendenz, Komplexitäten unsachgemäss zu reduzieren. So sind Glauben und Wissen keine unversöhnlichen Gegensätze, wie dies bei Luther anklingt, wenn er von der Erzhure und Teufelsbraut Vernunft spricht, welcher man mit dem Glauben die Augen ausstechen sollte. Gerade im Gespräch mit der griechischen Philosophie ist das Christentum nicht einfach negativ hellenisiert und so seiner eigentlichen Botschaft beraubt worden, sondern hat versucht sich in neuen Denkkategorien Gehör zu verschaffen. Auch bei der Gegenüberstellung von Schrift und Tradition ist ein Denken in einseitigen Polaritäten nicht nützlich. So kann die reichhaltige kirchliche Tradition als Milieu betrachtet werden, in welchem langsam die Schrift als destilliertes Glaubenszeugnis herangereift ist. Paulusbriefe und Märtyrergedenken in der Form einer Ehrerbietung ihrer Gebeine bilden einen bunten Flickenteppich des frühchristlichen Glaubenslebens.

Nomaden und Rhizome

Diese auf verschiedene Brennpunkte bezogene Wirklichkeitsdeutung ermöglicht eine Wertschätzung der Pluralität, ohne in Beliebigkeit abzudriften und auf unverzichtbare Orientierungsmarken im Denken zu verzichten. In der poststrukturalistischen Philosophie haben sich neue Denk»formen» herausgebildet, deren Ziel es ist, erkennbare Strukturprinzipen möglichst zu vermeiden. Solches Denken kann im Anschluss an Gilles Deleuze nomadisches Denken genannt werden. Die umherziehende Lebensform der Nomaden dient hier als Ausgangpunkt. Das Charakteristische hierbei ist das stetige Unterwegs-Sein und das Nicht-Zur-Ruhe-Kommen-Wollen. Grenzüberschreitungen und eine flüssige Vitalität werden dem Ewigen und Dauerhaften gegenübergestellt. Flexibilität versus Starrsinnigkeit. Der aus der Botanik entlehnte Begriff des Rhizoms spielt hier eine ähnliche Rolle. Ein Rhizom ist eine spezifische Ausformung eines Sprossachsensystems, dass sowohl unter-als auch oberirdisch wuchert. Wenn wir eine Ingwerknolle betrachten haben wir ein derartiges Gebilde vor Augen. Dieses Geflecht wird der Form des Baumes gegenübergestellt, um so verschiedene Weisen des Erkenntnisgewinnungsprozesses zu beschreiben. Der Baum und seine multiplen Verästelungen münden im Stamm und somit in einem einheitsstiftenden Prinzip. Das Rhizom ist hierbei kein eigentliches Gegenmodell, sondern versinnbildlicht unaufhörliche Veränderungen und Übergänge. Von überall her ergeben sich neue Möglichkeiten für Verknüpfungen und Weiterentwicklungen. Das rhizomatische Denken verharrt niemals, es entwindet sich allen Kategorie-Kerkern. «Jeder beliebige Punkt eines Rhizoms kann und muss mit jedem anderen verbunden werden.» So formuliert es Deleuze in seinem mit dem Psychoanalytiker Felix Guattari veröffentlichten Werk «Tausend Plateaus: Schizophrenie und Kapitalismus II».Hier offenbart sich ein grundlegender Unterschied zur oben skizzierten katholischen Denkform. Ein Denken, welches Orientierung und Halt vermitteln will, kann nicht ohne Brennpunkte und hierarchische Bezugsgrössen auskommen. Im letzten ist das Denken gemäss christlicher Auffassung auf Gott verweisen, welcher diesem jedoch niemals einverleibt und von ihm gefügig gemacht werden kann. Ein wildwucherndes Denken, welches sich aufgrund der geschichtlichen Erfahrung lebenszersetzender Absolutismen letztbegründenden Instanzen zu entziehen versucht, droht seinerseits wiederum in den Abgründen einer absurden Chaosmacht zu versinken. So bietet die katholische Weltanschauung eine geeignete Möglichkeit die Mannigfaltigkeit der Welt positiv anzunehmen und ihr die eigene Geltung zuzusprechen. Ein elliptisches Denken vermag die Komplexität der Welt ernstzunehmen, ohne Gegensätze gegeneinander auszuspielen. Die Unbegreiflichkeit des Geheimnisses, welches wir Gott zu nennen pflegen, führt jedoch nicht zwangsläufig zu einer Auflösung aller Kategorien und ebnet den Weg für eine willkürliche Aneinanderreihung von Sprachspielen. Ein tastendes Denken ist hier gefragt, welches sich mit Kant seiner eigenen Grenzen bewusst ist, aber dennoch den Horizont der Wahrheitsfähigkeit des Menschen nicht aus dem Blick verliert.

Bildquellen

  • Struktur: © Gian Rudin 2020
© Gian Rudin 2020
16. Mai 2020 | 13:16
von Gian Rudin
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