© Meinrad Schade
Walter Ludin

Statt einer Weihnachtspredigt

Ein unheiliger Abend in Bethlehem

«Was mag es am Heiligen Abend Schöneres geben, als in Bethlehem zu weilen, dem Geburtsort Jesu? Dort die Ruhe der ‘Stillen Nacht’ zu erleben, mit Rührung an das ‘traute, hochheilige Paar’ zu denken, am Ort des biblischen Geschehens.»

So habe ich meinen Artikel eingeleitet, den ich für die Zeitschrift des Pflegeheims Steinhof, Luzern, über Weihnachten geschrieben habe.

Tote Kinder

Nach dieser «romantischen» Einleitung wurde ich realistischer: Ganz anders erlebte der Walliser Priester Ernst Schnydrig (die Deutschen nennen ihn «Pater Schnüdrig …) im Jahr 1952 den Heiligen Abend in Bethlehem. Der Mitarbeiter des Deutschen Caritasverbandes war auf dem Weg zur Geburtskirche. Was er sah, war keineswegs dazu angetan, romantisch-nostalgische Gefühle zu wecken. Er musste ansehen, wie man vor einem Lager palästinensischer Flüchtlinge reihenweise tote Kinder buchstäblich verscharrte. Sie waren verhungert oder litten an Krankheiten, die man ohne weiteres hätte heilen können. Nur: Für diese verarmte, vertriebene Bevölkerung gab es kein solches Spital.

Der Priester aus der Schweiz liess es nicht bei einem folgenlosen Mitleid bewenden.  Er mietete in Bethlehem eine Zweizimmer-Wohnung und stellte 14 Bettchen hinein. In einem Artikel heisst es dazu lapidar: «Das Caritas Baby Hospital war gegründet.»

Grosszügige Spender

Dass das Spital seither Zehntausende von Kindern das Überleben ermöglichen konnte, verdankt es unzähligen grosszügigen Gönnern aus der Schweiz und aus Deutschland. (Bis heute wird dort an jedem Heiligen Abend in jeder Pfarrei ein Opfer eingezogen.)

Die Zahlen sind beeindruckend: Jedes Jahr werden rund 46 000 Kinder im Spital behandelt; davon etwa 500 auf der neuen Intensivstation. Ein fast 40-köpfiges Team von Ärzten und Pflegenden kümmert sich um die kleinen Patienten, unabhängig von ihrer Religion.

Pilgergruppen

Es ist mittlerweile ein sehr sinnvoller Brauch, dass Pilgergruppen im Heiligen Land nicht nur die altehrwürdigen Steine bewundern, sondern auch das Kinderspital besuchen. Alle Pilgerinnen und Pilger werden dort gastfreundlich aufgenommen. Wohl am meisten beeindruckt zeigen sie sich von den vielen ausgemergelten, unterernährten oder zu früh geborenen Kinder; und vom Personal, das unter schwierigsten Bedingungen arbeitet.mit grossem Engagement und Wissen arbeitet.

Die politische Situation, der Konflikt zwischen Palästinensern und Israelis, ist vielfach ein grosses Hindernis für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Spitals. Schwierige Fälle müssen mitunter in ein Spital im nahen Jerusalem gefahren werden. Zum Passieren der Strassensperren zwischen palästinensischem Autonomiegebiet und dem israelischen Staat braucht es eine Bewilligung, die oft erst nach vielen Stunden erteilt wird; Stunden, die nicht selten über Leben und Tod entscheiden.

Oft werden die Check Points (Grenzübergänge) auch für das palästinensische Personal zu einem langwierigen Hindernis. Vor allem während der Intifada, dem Aufstand der Palästinenser, wurden Pflegerinnen und Ärzte vielfach während langer Zeit zurückgehalten. Man stelle sich vor, was es für eine Pflegeabteilung bedeutet, nicht zu wissen, wie viele Mitarbeitende rechtzeitig eintreffen werden …

Hoffnung spenden

Dr. Hiyam Marzouqa, 2006 Chefärztin des Caritas Baby Hospitals, erzählt, sie gehe oft am Morgen in die Geburtskirche, um eine Kerze anzuzünden und zu beten, dass möglichst viele Kinder ihr Spital wieder gesund verlassen können:

«Medizinische Hilfe zu leisten ist das eine – jeden Tag Schicksale zu sehen und Hoffnung zu spenden, obwohl ich selber Angst Sorge habe um meine Patienten, Mitarbeiter und meine Familie – ist das andere. Wenn ich aber sehe, wie Kinder schwerkrank auf die Intensivstation kommen und diese mit einem Lächeln wieder verlassen können, sogar gesund nach Hause dürfen, motiviert mich das immer wieder von Neuem.»

Es lohnt sich, hineinzuschauen:

https://www.kinderhilfe-bethlehem.ch/

© Meinrad Schade
25. Dezember 2017 | 14:14
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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