Sehr ausgewogenes Buch «Israel – Palästina»

Alain Gresh: IsraelPalästina: Hintergründe eines Konflikts | Rotpunktverlag 2025 | ISBN/GTIN978-3-03973-057-5 | ca. CHF 33.– | 271 S.
Kaum ein anderes der nicht wenigen Bücher, die ich über den Nahost-Konflikt gelesen habe, gibt einen so faktenreichen, klaren Überblick über die komplizierte Problematik. Der Autor Alain Gresh zeigt die Position beider Seiten auf. Und beide kritisiert er schonungslos.
Seine Herkunft erleichtert ihm dies: Er hat eine jüdische Mutter und wuchs im arabischen Raum auf, in Ägypten, und hat einen koptischen, also christlichen Stiefvater. Viele Jahre war er Chefredaktor von «Monde diplomatiqe», einer Publikation, die wie kaum eine zweite in Europa durch gescheite politische Analysen auffällt. Er schreibt ohne Vereinfachungen in einer verständlichen Sprache, zumal er das äusserst lesenswerte Buch seiner Tochter widmet.


Kommentar
Gaza und der zionistische Traum
Schon Jahrzehnte, bevor Donald Trump vorschlug, den Palästinenser «vorzuschlagen», Gaza zu verlassen, stand die «ethnische Säuberung» auf der Traktandenliste der israelischen Politiker. Die Vertreibung der palästinensischen Bevölkerung war bereits eine Idee der ersten Zionisten.
«Ein Traum für Zionisten»
Am 26. Mai 25 titelte die angesehene Frankfurter Allgemeinde Zeitung/FAZ: «Umsiedlung und Vertreibung: Ein Traum für Zionisten.» Die Zeitung begann ihren Bericht mit der Feststellung: «Eine grosse Mehrheit der jüdischen Israelis befürwortet eine gewaltsame Vertreibung der Palästinenser in Gaza. Die Idee hat eine lange Vorgeschichte.»
Ich werde nun diese Vorgeschichte skizzieren, nicht aufgrund des vorliegenden Artikels, sondern des Buches «Israel – Palästina. Hintergründe eines Konflikts.» Dem Autor Alain Gresh ist nicht leicht Antisemitismus vorzuwerfen. Er hatte eine jüdische Mutter …
«Verjagt sie»
Theodor Herzl, der «Vater» der zionistischen Idee, hatte bereits 1895 in seinem Tagebuch mit Blick auf die Palästinenser im erträumten jüdischen Staat festgehalten: «Die arme Bevölkerung trachten wir unbemerkt über die Grenze zu schaffen.»
Gresh bemerkt dazu: «Der Umsiedlungsgedanke ist vom Projekt der Gründung eines jüdischen Staates schlechterdings nicht zu trennen.»
David Ben Gurion, der erste Ministerpräsident Israels, war ein gelehriger Schüler Herzls. Sein späterer Nachfolger Jitzchak Rabin erinnert sich an 1948: «Wir marschierten an der Seite Ben Gurions los.» Die Truppe eroberte zwei wichtige Städte. Der Kommandant fragte, wie die Bevölkerung zu behandeln sei. «Ben Gurion machte eine Handbewegung, die bedeutete ›Verjagt sie’», berichtet Rabin und fügt hinzu: «Ich war mit ihm einer Meinung, dass es wesentlich darauf ankam, sie zu verjagen.»
Es ist offensichtlich: Netanjahu hat aus dieser «langen Vorgeschichte» gelernt.

Walter Ludin

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