Schon vor Jahren hat jemand eine Notlösung in Zeiten des Priestermangels vorgeschlagen, eine wohl nicht ganz ernsthafte. Nämlich: Wenn es immer weniger Priester gäbe, die am Sonntag Eucharistie feiern können, würde doch eine Fernsehschaltung in den Vatikan helfen. So könnten auch bei uns Gläubige mit dem Papst Messe feiern und seine Predigt hören, in einer Übersetzung …
Nun, einen Teil dieses Vorschlags möchte ich mit Ihnen ausprobieren: nämlich in der Predigt auf den Papst hören. Der äussere Anlass: die Autobiographie von Papst Franziskus, die übrigens mit ihren 50’000 Exemplaren praktisch schon ausverkauft ist.
Franziskus erzählt ganz am Anfang seines fast 400-seitigen Buches vom Schicksal seiner Grosseltern. Diese hatten 1927 als Migranten von Genua aus eine Fahrt auf einem Schiff nach Argentinien gebucht. Da kam etwas dazwischen und sie mussten umbuchen. Zu ihrem Glück! Das ursprünglich gebucht Schiff versank im Sturm. Hunderte kamen um.
Der Papst ist sich bewusst: Wären die Grosseltern auf diesem Schiff gefahren, gäbe es ihn nicht. Er schreibt: «Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich der Göttlichen Vorsehung noch zu danken hatte.»
So erzählt Franziskus auf den ersten Seiten seines Buches nicht zuerst von seiner Geburt oder der Wahl zum Papst. Nachdem er zeigt, wie es seinen Grosseltern ergangen ist, widmet er fast zehn Seiten den Menschen von heute, die wie seine Vorfahren vor Armut oder Krieg fliehen. Sehr anschaulich, sehr mitfühlend erklärt er ihr unglückliches Schicksal.
Und er gedenkt jener 25 000 Flüchtlinge, die in den letzten zehn Jahren auf ihrer Flucht im Mittelmeer umgekommen sind; ähnlich wie damals zur Zeit seiner Vorfahren. Gerade darum ging Franziskus auf seiner ersten Reise nach dem süditalienischen Lampedusa, wo viele der Leichen angeschwemmt wurden und immer noch werden.
Auf seiner Reise macht er damals Schlagzeilen mit der Aussage: «Das Gegenteil von Liebe ist nicht Hass. Das Gegenteil der Liebe ist Gleichgültigkeit.» Dazu schrieb vor einigen Tagen mein Kollege Heinz Angehrn hier in seinem Blog: «Nicht gleichgültig sein heisst:
– sich einmischen, protestieren, Gegenargumente formulieren».
Genau das tut Papst Franziskus in seinem Buch immer wieder. Ich möchte dies jetzt kurz am Beispiel von Krieg und Frieden illustrieren.
Gegen den Krieg findet er, gerade auf dem aktuellen Hintergrund, deutliche Worte wie:
Palästinensern wurde ihr Land weggenommen
(Fortsetzung der Thesen der Friedensbewegung Gush Shalom)
In ihren 80 Thesen erinnert die Bewegung daran, dass durch den Teilungsplan der UNO den Juden 55% des Landes zugeteilt wurden. «Die zionistische Bewegung akzeptierte den Teilungsplan, davon überzeugt, dass es das Wichtigste war, eine feste Basis für jüdische Souveränität zu schaffen. In geschlossenen Sitzungen hat David Ben Gurion nie seine Absicht verhehlt, bei der nächsten Gelegenheit das den Juden gegebene Land zu erweitern. Deshalb definiert Israels Unabhängigkeitserklärung nicht Israels Grenzen, und der Staat hat bis heute keine festgelegten Grenzen.» (28)
«Die arabische Welt lehnte den Teilungsplan ab und betrachtete ihn als einen nichtswürdigen Versuch der Vereinten Nationen (die damals ein Klub von westlichen und kommunistischen Staaten waren), ein Land zu teilen, das ihnen nicht gehörte. Dass man den größten Teil des Landes der jüdischen Minderheit übergab, die nur ein Drittel der Bevölkerung ausmachte, machte die Sache in arabischen Augen noch weniger entschuldbar.» (29)
Und noch etwas zur zionistischen These «Ein Land ohne Volk für ein Volk ohne Land»: «Nicht weniger bedeutsam als die Vertreibung ist die Tatsache, dass es den Flüchtlingen nicht erlaubt war, nach den Kämpfen in ihre Häuser zurückzukehren, anders als es nach einem konventionellen Krieg üblich ist. Im Gegenteil, das neue Israel sah im Verschwinden der Araber einen grossen Segen und beeilte sich, 450 arabische Dörfer völlig zu zerstören. Auf den Ruinen wurden neue jüdische Ortschaften gebaut, denen neue hebräische Namen gegeben wurden. Die verlassenen Häuser in den Städten wurden neuen Immigranten überlassen.» (36)
Dieser Landraub geht bekanntlich durch die Siedlerbewegung Tag für Tag weiter. Bis kein Land mehr da ist, um einen palästinensischen Staat zu gründen???
PS: Nachdem ich den ersten Teil dieser Thesen zusammengefasst hatte, wurde von einem Kommentator postuliert, «sich seriös mit historischen Gegebenheiten des Konflikts auseinanderzusetzen». Was heisst: Die von einer israelischen NGO veröffentlichten Thesen seien nicht seriös … Übrigens: Federführend war Uri Avnery, Träger des Aachener Friedenspreises und des Alternativen Nobelpreises.
Der Kommentator, ein Urner Jurist, weiss es offenbar besser. Ich bin gespannt auf seinen neuen Kommentar.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/was-sagt-der-papst-zu-krieg-und-frieden/