Ich will das jetzt hier einmal dokumentieren, sonst wird Unrecht zu Recht, wird Beleidigung zum Fakt, wird alte Diskriminierung zur neuen.
(Vorbemerkung zunächst: Ich habe mich zur causa Pfeifroth/Sabo hier schon klar geäussert. Was der Kollege damals als Priester und im Gefolge eines Beichtgesprächs getan hat, ist in mehrfacher Hinsicht indiskutabel und wäre wohl m.E. auch Grund zur Entlassung aus dem Dienst gewesen. Doch mit Pädophilie hatte das nichts, aber gar nichts, zu tun: Der junge Herr hatte sich im Gespräch geoutet und zudem dem Priester gesagt, dass er ihn attraktiv finde. Und in solche Paradies-Äpfel haben leider schon manche Kollegen, Hetero wie Homo, gebissen, das ist übel aber Fakt.)
Doch nun zu Herrn Niklaus Herzog und seinem Medium swiss.cath.ch. Schon vor einiger Zeit und dann kürzlich wieder, als er dort in ausführlicher Länge einen Text der deutschen Arbeitsgemeinschaft Homosexualität und Kirche (HuK) dokumentierte, in der diese (sic!) ausführte, dass sie sich kritisch mit einer unreflektierten Nähe zu pädophil fühlenden Mitgliedern in den 70er/80er Jahren auseinandersetzen wolle, schaffte er es nicht, den wissenschaftlich-psychologisch schon längst erkannten Unterschied zwischen der schweren Persönlichkeitsstörung Pädophilie und dem Thema Homosexualität zur Prämisse zu machen.
Und warum ist diese Prämisse in konservativen Kreisen so unbeliebt? Weil es eben kein besseres Killing-Argument zum Thema Homosexualität gibt als dieses, welches unterstellt, dass alle schwulen Männer im Grunde ihres Wesens pervers und abartig sind. Keine Reflexion darüber, dass unzählige Hetero-Familienväter, unzählige Hetero-Sport- und Schwimmlehrer, unzählige Hetero-Kinderbetreuer pädophile Überbegriffe begingen, keine Reflexion, dass der prozentuelle Anteil bei Heteros und Homos etwa gleich ist. Nein: Man will und kann so die unbequeme Minderheit prügeln, die es sich noch frech erlaubt hatte, den abwertenden Terminus «schwul» zur stolzen Selbstdeklaration zu machen (wie es auch der Schreibende tut).
Es ist eigentlich wie bei den Themen Antisemitismus und Sinti/Roma/Fahrende. Eine kleine nicht ins Schema passende gesellschaftliche Minderheit stört die gesellschaftlichen Normalabläufe, stellt Selbstverständliches (der christliche Glaube, die Sesshaftigkeit, das Hetero-Familien-Idyll) in Frage und wird darum als bedrohlich empfunden, ausgegrenzt und verfolgt (die NS-Zeit lässt grüssen).
Denn: Es könnte ja bei einem selber auch nichts alles so klipp und klar sein, das öde bürgerliche Dasein etwa (vgl. Udo Jürgens, «Ich war noch nie…»). Es könnte ja auch sein, dass Freddie Mercury eben wirklich faszinierend war, auch das Männer-Leben in den Brokebacks, ein Gegenentwurf. Und das verunsichert, kann Angst machen. Und dann werden gerne Sodom und Gomorrha (biblisch wie sprichwörtlich) beschworen, dann werden Boys in conversion camps geschickt und an den Rand des Suizids getrieben, dann wird gespottet und abgewertet. (Wir wissen: Die ärgsten Homophoben sind fast immer selber betroffen…)
Ich habe Herrn Herzog (gekürzte Fassung, die keine Persönlichkeitsrechte tangiert) geschrieben:
«Ist Ihnen eigentlich bewusst, dass Sie mit Ihren (nun zwei Mal) pointiert-scharfen Randbemerkungen zum von uns verhandelten Thema verunsicherte und ängstliche Betroffene noch mehr in ihr Schneckenhaus vertreiben können? X verfügt auch über diese Persönlichkeitsstruktur, der Mitbruder, der mir gestern alarmiert anläutete (darum allein las ich Ihren Text), ebenso. Sie könnten ja auch einmal über die Frage schreiben, warum es in den letzten Jahren vermehrt zu Suiziden von Priestern gekommen ist. Nur schon die Erwähnung des Begriffs «Pädophilie» in solchen Kontexten ist pures Gift.»
Er hat nie geantwortet. Tut er das jetzt hier?
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant