Mariologisches

Der Rüffel, der kath.ch von der SBK anlässlich ihrer letzten Sitzung erteilt worden war und an dem sich die Rechtsaussen-Fraktion ergötzte bzw. über den der Katholische Presseverein sich enervierte, nahm im Kern Bezug auf Berichte von kath.ch zur Situation im Bistum LGF und zur Themenreihe zu den mariologischen Dogmen. Nun das erstere ist in unserem föderalen Land schon ein heikel Ding; dass die Medienseite der deutschsprachigen Mehrheit sich über quasi Missstände im grössten (fast ausschliesslich – der Sense-Bezirk macht das nicht besser) französischsprachigen Bistum mehrfach auslässt, ist politisch einfach ungeschickt. Für mich entsteht auch der unangenehme Eindruck, man/frau wolle suggerieren, dass es jenseits des Rösti-Grabens mehr Missstände und mehr Missbrauch gibt als bei uns. Warten wir alle doch besser den 12.September ab.

Der andere Kritikpunkt ist (ausnahmsweise!) ein dogmatischer und brachte die Bischöfe seitens ihrer frommen Fraktion in arge Verlegenheit. Annalena Müller war die «Täterin» mit ihrem «Crash-Kurs zu den Marien-Dogmen», erschienen in vier Passagen zu den Themen Gottesmutterschaft, Jungfrauengeburt, Unbefleckte Empfängnis und Aufnahme in den Himmel. Wenn ich seriös recherchiert habe, ist Frau Müller Historikerin und Journalistin, nicht Theologin. Naja, das war nicht geschickt von Euch, liebe Kollegen/innen, sie auf diese Reizthemen anzusetzen. Und nur schon die Idee vom «Crash-Kurs» hätte Euch aufhorchen lassen sollen.

Man(n) erlaube dem altgedienten Theologen Stellung zu beziehen und eine Auslegeordnung vorzunehmen:

1. Mariologie als Spezifikum katholischen Denkens
2. Die Differenz zwischen dem ersten und dem zweiten Jahrtausend
3. Die späteren Dogmen als reine conclusiones
4. Das wahre Skandalon

ad 1) Jede Religion und auch jede Konfession hat ihre Spezifika, die jenseits der alle Gruppe verbindenden Aussagen zur Gottesfrage bzw. zur Christologie (der Substanz) ihr ein eigenes Gesicht und Gepräge, quasi ein akzidentielles Wesen, geben, an dem sie immer und überall erkennbar ist, auf das sie auch stolz ist und sein darf. Dazu gehört im Katholizismus nebst der Heiligenverehrung und der hierarchischen Ordnung insbesondere die Mariologie (theoretisch) bzw. Marienfrömmigkeit (praktisch). Kein Katholizismus ohne Marienbilder, Mariengrotten und Rosenkränze. Vorsicht also, auf diesem Territorium unnötig Geschirr zu zerschlagen.

ad 2) Mit dem geistigen Rasenmäher fuhr Frau Müller über das gewichtige Faktum hinweg, dass die Lehre von der Gottesgebärerin und das Reden von der Jungfrauengeburt sehr frühe, alle christlichen Kirchen (Orthodoxie, Reformation, Anglikanismus, Freikirchen) verbindende Grundlagen unserer Religion sind, keine Akzidenzien, sondern harte Substanz. Die Dogmatisierungen in Nicäa und Ephesos sind verbindlich, nicht zur Disposition.

ad 3) Ganz anders sind die späten Dogmen der Neuzeit, dasjenige der Unbefleckten Empfängnis Mariens und dasjenige der Aufnahme in den Himmel, zu werten. Sie sind rein katholische Spezifika, Conclusiones im Katholizismus aus jahrhundertelangem Nachdenken über den Befund, den Schrift und Tradition geschaffen haben; man kann sie dogmatisierte Volksfrömmigkeit nennen. Mit ihnen hat unsere Kirche den verbindenden Boden mit den übrigen christlichen Kirchen (bei der unbefleckten Empfängnis den mit der reformierten Kirche, bei der Himmelfahrt mit allen ausser der Orthodoxie) verlassen. Trotzdem sind sie (im Sinne meines verehrten Lehrers Alois Müller) als mögliches und logisches Fortdenken zu sehen.

ad 4) Das eigentlich Stossende ist einzig, dass Pius IX. und Pius XII. bei ihren Dogmatisierungen bereits am Rande dessen, was man heute synodale Beteiligung nennt, agierten.

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/mariologisches/