Ist die Kirche tot?

Vielen von Ihnen geht es sicher so wie mir: Ich mag das Jammern über die Kirche kaum mehr hören. Und doch: Wir dürfen nicht so tun, als ob es die Krise der Kirche nicht gäbe; oder besser gesagt: die Krise der Kirchen. Denn nicht nur die katholische, auch die evangelisch-reformierte leidet, zum Beispiel unter massiven Austritten.

Das alles ist nicht bloss das Problem von Kirchenfunktionären. Es geht uns alle an; jedenfalls alle, die nicht ausgetreten sind.

Zwei Bilder sollen dies zeigen. Das erste: Ein Pfarrer predigte über den Tod der Kirche. Er stellte sogar einen Sarg auf und lud die Gemeinde ein, einen Blick hineinzuwerfen. Und sie schauten – in einen Spiegel! Der Pfarrer drückte damit aus: Die Kirche seid ihr. Und: Wenn ihr den Glauben lebt, ist sie nicht tot.

Ein ähnliches Beispiel: Ist die Kirche tot? So fragten sich einige Leute. Ein Weiser nahm einen Vogel in die Hand und stellte die Gegenfrage: «Ist dieser Vogel tot?» Es war eine Fangfrage. Denn die Antwort war: «Wenn ich ihn fliegen lasse, lebt oder bleibt er am Leben. Aber, wenn ich die Hand zudrücke, stirbt er.»

Den Sinn der Geschichte erklärte der Weise mit den Worten: «Ob tot oder lebendig, liegt in unserer Hand.» Ja, die Zukunft der Kirche ist nicht ein unabänderliches Schicksal. Sie hängt auch nicht bloss vom Willen der Obern ob, in Rom, Chur oder Solothurn. Sie hängt auch vom Verhalten der Gläubigen an der sogenannten Basis ab. Sät man dort Resignation, wächst Verzagtheit und Zukunftslosigkeit. Sät man aber Hoffnung, kann Neues entstehen.

Und: Spätestens seit dem Konzil wächst die Einsicht: Glaube ist keineswegs bloss etwas Individuelles, Privates. Die nicht mehr ganz Jungen unter uns erinnern sich: Die traditionellen Volksmissionen standen unter dem Motto: «Rette deine Seele!» Inzwischen werden Glaubenden eingeladen, nicht nur ihr eigenes «Seelengärtlein» zu pflegen. Der Sinn des kirchlichen Lebens ist der Aufbau von Gemeinschaft. Und ebenso: Die Kirche hat die Aufgabe, Sauerteig in der Gemeinschaft zu sein.

Es gab eine Zeit und sie ist noch nicht so lange her, da meinte die Kirche, sie müsse das ganze Leben bestimmen: sozusagen Brot für die ganze Gesellschaft zu backen. Nun aber ist sie bescheidener, indem sie nach dem Wunsch Jesu als Sauerteig wirkt und zum Gelingen des Gebackenen beiträgt.

   Die lateinamerikanische Theologie der Befreiung hat mit Blick auf die Kirche den Begriff des «buen vivir» geprägt. Das Ziel ist ein gutes, geglücktes, befreites Leben für alle. Und dazu kann jede Pfarrei, können alle Gläubigen beitragen. So wird das Dorf, die Stadt bereichert. Und die Kirche lebt.

In diesem Zusammenhang die provokative Frage: «Würde sich an unserem Ort etwas ändern, wenn es keine Pfarrei gäbe? Würden die Menschen etwas vermissen?»

(Wort zum Sonntag bei Radio Central)

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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