Stunde der Wahrheit

Es ist auch wahr: In der momentan aufgeladenen Diskussion um LGBT (oder wie immer wir dies gerade schreiben wollen) geht die Stimme der Vernunft im allgemeinen Geschrei unter. Das ist wirklich schade, und ich möchte das Geschrei heute wieder mal auf die essentielle Fragestellung hinunterfahren.

Diese lautet nämlich: Wie können wir (wir verstanden als: Eltern, Familien, Gesellschaft, Schule, Kirche, Organisationen) jungen Menschen helfen, dass sie die schwierige Phase der Selbstfindung und Selbstwerdung, gerade auch die der körperlich-sexuellen Selbstfindung und Selbstwerdung gut schaffen und bewältigen, ohne Schaden an ihrer Seele und Integrität zu nehmen?

(Anmerkung 1: Ich lese zurzeit Louise Pennys Gamache-Krimis mit Quebec als kulturellem Hintergrund. Gleich im ersten Krimi – «Das Dorf in den roten Wäldern» – wird unsere Frage thematisiert. Unter dem sozialen Druck seiner Kumpels wirft der 14jährige Philippe mit Entendreck gegen das Bistro des schwulen Paares im Dorf und damit gegen sich selbst. Die Reaktion der Bistro-Betreiber: Als Strafe soll Philippe bei ihnen kellnern, einfach um zu erleben, wie normal eine solche Beziehung sein kann. Toleranz versus Ausgrenzung. Anrührend.)

Ich komme nun auf unsere Kirche zu sprechen. Lange Zeit war ich wie viele überzeugt, dass die Frage der Gleichstellung und Gleichberechtigung der Frau der Knackpunkt sein wird in der zentralen Frage, ob die katholische Kirche wirklich in der Neuzeit, die von den Werten der Aufklärung geprägt wurde, ankommen kann oder ob sie – analog den evangelikalen Sekten – für immer im Morast eines katholikal-unaufgeklärten Denkens stecken bleiben wird. Heute denke ich, dass es das Thema der Anerkennung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen und gleichgeschlechtlicher Liebe ist, an dem sich diese Frage entscheiden wird.

(Anmerkung 2: Aus bibeltheologischer Sicht ist alles klar. Die zeitgebundenen und kulturbedingten «Ausrutscher» in Leviticus sind zu vernachlässigen, wenn wir sie neben die zwei zentralen Aussagen der beiden Testamente zu unserer Frage auf die Waagschale legen. Einmal die Gesamtbeurteilung im ersten Schöpfungsbericht in Gen1f, dass alles, was Gott geschaffen hat, «sehr gut» ist, zum anderen die lapidare Aussage des Paulus in Gal 3,28, dass wir alle in Jesus Christus zum neuen Menschen ungeachtet unserer Differenzierungen geworden sind.)

Die Frage der gleichberechtigten Stellung der Frau in der Institution greift also immer noch zu kurz. Am Ende des Weges sind wir erst angekommen, wenn es eine schöpfungstheologisch begründete Anerkennung aller Spielarten, wie menschliches Leben sich körperlich-sexuell entfaltet, als Grundlage des Denkens, Lehrens und Urteilens in dieser Institution gibt. Solange es in dieser Institution noch geduldet wird, dass salbadernd Termini wie Bedauern und Mitleid verwendet werden, so lange noch geduldet wird, dass ohne jeden Skrupel die Fragestellung auf Pädophilie und Missbrauch umgedeutet wird, so lange geduldet wird, dass gar von «Ungehorsam gegen Gottes Schöpfungsordnung» gesprochen wird, so lange sind wir weder in der Neuzeit und schon gar nicht in einem Vorhof der Reiches Gottes, das in Jesus angebrochen ist, angekommen.

Und deshalb noch einmal und zum Mitschreiben und hinter die Ohren Schreiben (gerade zur heutigen Pride in Zürich): Wie können wir als Kirche, die sich auf Jesus und seine Botschaft vom barmherzigen Schöpfergott beruft, heute jungen Menschen helfen, dass sie die werden können und dürfen, als die sie dieser Schöpfergott geschaffen hat? Oder wollen wir weiter abwerten, diskriminieren und so in die Not von Selbstverleugnung und Suizid-Gedanken treiben?

Wie wird das denn, wenn – Mt 25 – der Weltenrichter einst sagen wird: Ich war schwul/lesbisch und Ihr habt mich abgelehnt …

Heinz Angehrn

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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