Auf sehr hartem Boden von Tatsachen angekommen sehen sich zurzeit viele, die sich vor religiös-theologischem Hintergrund für Pazifismus bzw. Gewaltlosigkeit engagiert haben. Hohn und Spott sind ihnen seitens ihrer ideologischen Gegenseite gewiss, das ist sicher zunächst mal einfach unfair. Denn unter pazifistisch eingestellten Menschen (etwa den Dienstverweigerern, denen ich im Verlauf meines Studiums begegnete) gab und gibt es viele mit einem hohen Ethos und auch dem dazu nötigen gelieferten Tatbeweis. Es ist nicht zu zweifeln am individuellen Gewissensentscheid. Jedoch:
Es hat sich eben gar nicht so viel verändert, seit ich als 18jähriger Gymnasiast die mehrseitige Begründung für meinen Antrag auf Einteilung in den waffenlosen Dienst der Schweizer Armee geschrieben hatte und mich auf die Suche nach Referenzen machte – ein übrigens sehr spannender und lehrreicher Abschluss der Pubertät, der mich dann (nebst anderem, das heute nicht Thema sein soll) direkt ins Studium der Theologie führte. Dienstverweigerung war für mich als Kind von Aktivdienst-Eltern nie eine Option.
Nicht so viel verändert hat sich, weil nach dem Ende des sogenannten «Kalten Krieges» fast sofort die brutalen Jugoslawien-Kriege mit ihren Genoziden und Vertreibungen folgten. Die Illusion einer Generation von Europäern, dass mit dem Zusammenwachsen der alten Feinde nun dauerhafter Friede möglich sei, wurde damals durch nichts so deutlich konterkariert wie durch die Tatsache, dass es mit Joschka Fischer exakt ein Aussenminister einer pazifistischen Partei war, der die Intervention auf dem Balkan unterstützte. (Und eine wesentliche Wurzel dieser Kriege waren religiöse, ja sogar konfessionelle Gräben – man vergesse dies nie!)
Nur Blinde und Verblendete konnten und können einem Pazifismus pur das Wort reden. Jesus von Nazareth spricht ja nur vom individuell begründeten und verantworteten Entscheid des einzelnen Menschen, auf Gewalt nicht mit Gegengewalt zu antworten. Als Maxime, Schwache und Bedrängte vor Gewalt zu schützen, taugen seine Worte nicht. Ich hatte als junger Mensch die Sache wohl schon richtig erfasst, als ich schrieb, dass ich nicht auf Befehl eines Vorgesetzten eine Waffe gebrauchen, sondern selber entscheiden wolle, ob Waffengewalt in einer konkreten Situation nötig sei.
Und der Tyrannenmord war in der gesamten christlichen Soziallehre immer eine blutige Option, wie Menschenrechte und -Würde auch christlich verteidigt werden konnten. Wo finden sich heute 2022 die Stauffenbergs?
Ich ziehe Conclusiones
– nie mehr eine allgemeine Wehrpflicht, aber die Verpflichtung für alle jungen Männer und Frauen, einen längeren sozialen Einsatz für unser Land zu leisten, so dass keine/r sich mehr um Solidarität drücken kann
– eine starke Armee, die auch imstande ist, die Schwachen wirksam zu schützen (dazu gehören nun wohl oder übel auch einige blitzschnelle Kampf-Flugzeuge)
– maximale juristische Macht für internationale Gerichtshöfe
– und (nie nie mehr) Verzicht unseres Schweizer demokratischen Gemeinwesens auf irgendwelche Komplizenschaft mit Tätern und Aggressoren
Heinz Angehrn
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant