Heinz Angehrn

Nochmals: Kriterien für einen guten Bischof

Ich habe mich zu dem Thema hier schon einmal ein- und ausgelassen. Nun, da eine für die Deutschschweizer Kirche und ihr gesellschaftliches Ansehen wichtige Nomination und Wahl bevorsteht, und sich die Spekulationen hier in diesem Medium förmlich überschlagen, einige Gedanken aus der Sicht eines pensionierten Diözesanpriesters mit Erfahrungen und Erlebnissen mit vier Bischöfen vor Ort (da ich als 9jähriger Knirps Ministrant in der Kathedrale wurde, reicht das so weit zurück) und vielen Bischöfen in der Schweizerischen Kommission Bischöfe-Priester (in der ich über zwanzig Jahre Einsitz hatte).

Gestatten Sie mir die Frechheit, Schweizer Bischöfe zu zitieren (in jedem Fall war ich persönlich anwesend, ich werde Ihnen aber keine Anhaltspunkte liefern, ob der Zitierte noch am Leben/noch im Amt ist oder nicht, und wer er sein/gewesen sein könnte):

«Sie können beschliessen, was Sie wollen, wir Bischöfe sind nicht verpflichtet, uns danach zu richten.»
«Sie sind mir zu wenig doktrinär und darum für diese Position nicht geeignet.»
«Meinen Sie wirklich, dass die Wahrhaftigkeit in der Kirche einen hohen Stellenwert hat?»
«Wenn Du das so schreibst, dann wirst Du nie Bischof.»

Da haben wir sie, so eine Auslegeordnung dessen, was ein kirchliches Amt im worst case aus einem Kleriker machen kann: einen autoritären Klotz, einen Zyniker, einen Anpasser. Solche Deformationen sind typisch für ein von keiner Gerichtsbarkeit hinterfragbares System und Systemdenken (ich verweise auf Professor Bogners Buch «Ihr macht uns die Kirche kaputt»).
Es gab und gibt aber auch die anderen Bischöfe, die, die sich nicht biegen liessen, die sich selber blieben, authentisch, ehrlich, nicht an Macht interessiert. Zumindest den Bischof, der mich damals geweiht hat und der in diese Liste gehört, möchte ich namentlich nennen: Otmar Mäder. Er blieb immer der einfache, bescheidene Mensch, der er schon als Pfarrer war.

Das katholische System war und ist ein totalitäres und darum mit anderen totalitären Systemen vergleichbar. Darum gebe ich dem neuen Bischof nichts anderes mit, als es Wolf Biermann damals im DDR-Staat formulierte (Auszüge):

«Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen
Die allzu spitz sind, stechen
Und brechen ab sogleich
Und brechen ab sogleich

Du, lass dich nicht erschrecken
In dieser Schreckenszeit
Das woll’n sie doch bezwecken
Dass wir die Waffen strecken
Schon vor dem großen Streit
Schon vor dem großen Streit

Du, lass dich nicht verbrauchen
Gebrauche deine Zeit
Du kannst nicht untertauchen
Du brauchst uns und wir brauchen
Grad deine Heiterkeit
Grad deine Heiterkeit»

Also: Meine Kriterien wären: Authentizität, Widerstandskraft, Ehrlichkeit, Einfachheit, Treue zum jesuanischen Ursprung.

(PS drei Tage später: Ich hatte vergessen, die Kommentar-Funktion zu aktivieren. Sorry!)

Bildquellen

  • : pixabay.com CCO
20. November 2020 | 10:52
von Heinz Angehrn
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0 thoughts on “Nochmals: Kriterien für einen guten Bischof

  • Michael Bamberger says:

    Die Kriterien für einen guten Bischof sind Neutestamentarisch äusserst präzise ausformuliert, doch den Katholen scheinen diese Instruktionen nicht besonders verpflichtend zu sein:

    «Deshalb soll der Bischof ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal verheiratet, nüchtern, besonnen, von würdiger Haltung, gastfreundlich, fähig zu lehren; er sei kein Trinker und kein gewalttätiger Mensch, sondern rücksichtsvoll; er sei nicht streitsüchtig und nicht geldgierig. Er soll ein guter Familienvater sein und seine Kinder zu Gehorsam und allem Anstand erziehen.» (1 Tim 3,2 – 3,4)

  • Heinz Angehrn says:

    Glücklich! Besser hätte es nicht laufen können.
    Nun kann der oberste Chef ganz allein entscheiden, ohne Beistand aus South Dakota. Da kommt mehr als ein Kompromiss raus.
    Nun wage ich mich aus meiner wohl gehüteten Deckung, entweder:
    a) Martin Werlen aus St.Gerold wieder abzuberufen und nach Chur zu senden,
    oder (noch besser)
    b) den Basler Bischof nach Chur zu versetzen.
    Glückauf!

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