Walter Ludin

Mit den Talenten/Begabungen «wuchern»

Im Evangelium erzählt Jesus von Männern, die fünf, drei Talente oder eines bekommen haben. Ist Ihnen aufgefallen, dass kein Beteiligter ohne Talente auskommen muss? Das heisst ja: Jeder und jede hat eine Begabung, auch der geringste und kleinste Mensch. So entdecken Eltern oder Erzieher von schwerbehinderten Kindern, wie jedes eine Fähigkeit hat, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussieht.

Nun überlegen wir uns nun, wie wir mit den anvertrauten Talenten umgehen können. Ich beschränke mich auf die Frage, was es heisst, mit den Talenten zu «wuchern». Das heisst: Man arbeitet mit ihnen, wie Jesus es ja im Evangelium erwartet. Doch da kann man scheitern, indem man es übertreibt. Ein Beispiel aus meinem Umfeld: Ein wohl mittelmässig talentierter Mitschüler im Gymnasium arbeitete fast Tag und Nacht. Sogar während der Gottesdienste hatte er meistens ein Buch auf den Knien und lernte Wörter. An der Uni studierte er Medizin. Er überarbeitete sich so sehr, dass er bei einer wichtigen Prüfung die Nerven verlor und den Professor beleidigte. Er musste das Medizinstudium aufgeben und wurde Jurist.

Zehn Jahre nach der Matura erzählte er an unserem Treffen, wie viele Sekretärinnen er beschäftigte und wie viel Millionen er verwaltete. Wiederum zehn Jahre später musste er von seinem Magengeschwür, seiner Scheidung und von den Problemen erzählen, die er mit den Kindern hatte.

Wie sehen: Man kann im beruflichen Bereich mit den Talenten wuchern und dabei die Mitmenschen vergessen.  Solche Fälle haben wohl wir alle schon mehrmals erlebt.

Es gilt, ein gesundes Mittelmass zu erreichen wir. Dafür können wir ein Wort des heiligen Ignatius abwandeln. Nämlich: Handeln wir so, als ob alles von uns abhinge. Vertrauen wir so auf Gott, als ob alles von ihm abhinge. Oder einfacher: Setzen wir uns ein, arbeiten wir intensiv. Aber denken wir daran: Nicht wir allein können und müssen die Welt retten. Ein anderer ist auch am Werk, der Geist Gottes; und ebenfalls unsere Mitmenschen.

Oder banal: Das eine tun und das andere nicht lassen. Oder nochmals anders: Ein gesundes Mittelmass zwischen Handeln und Vertrauen.

Ich versuche, dies auf unsere aktuelle Situation anzuwenden, auf die Corona-Krise:

Handeln wir so, wie es immer wieder empfohlen wir: zum Beispiel Hände waschen, Menschenansammlungen vermeiden, bei denen wir nicht Abstand halten können, usw.

Aber auch: Fallen wir nicht in Panik. Rechnen wir nicht immer mit dem Schlimmsten: dass wir angesteckt werden und die Krankheit nicht überleben. Vielmehr: Vertrauen wir darauf, dass wir die Krise überwinden können, früher oder später. Dies ist eine wichtige Massnahme, um gesund zu bleiben. Wenn wir uns zu sehr ängstigen, werden wir bestimmt krank, nicht unbedingt mit den Symptomen von Corona. Vielleicht schlägt es uns aufs Herz …

Darum: Das vorsichtige Verhalten und ein gesundes Vertrauen sind die besten Wege, um nicht angesteckt zu werden und auch nicht zu verzweifeln. Versuchen wir beides!

Predigten in Luzern: Sa 16.30 Betagenzentrum Wesemlin; So 10 Uhr Kapuzinerkloster; So 17 Uhr Kapuzinerinnenkloster Gerlisberg

Bildquellen

  • corona_kl: Walter Ludin
Leider gibt es auch eine andere, weniger sympathische Corona © Walter Ludin
17. November 2020 | 08:15
von Walter Ludin
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One thought on “Mit den Talenten/Begabungen «wuchern»

  • stadler karl says:

    Eine schöne Predigt, Herr Ludin, auch für einen Aussenstehenden! Sie beinhaltet eine weise Anleitung, Zuversicht und Vertraueun und sie erinnert einen an die Worte des Stoikers Kleanthes (264 – 232 v. Chr.): “Oh Zeus, und du, allmächtiges Schicksal, führt mich zu jenem Ziel, das mir einst von euch bestimmt wurde. Ich werde folgen ohne Zaudern. Sträubt` ich mich, ein Frevler wär ich dann, ein Feigling, und müsste doch euch folgen!”

    Ja, und in dieser Holzvitrine auf dem Bild, da befindet sich doch schmackhaftes Corona-Bier? Jetzt, wo keine Stammtische stattfinden können, muss man sich halt allein in der Abgeschiedenheit ab und zu ein solches genehmigen und dabei die Welt verbessern.

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