Heinz Angehrn

Mehr Inhaltliches

Einigermassen aus den Valium-Träumen erwacht, in die mich das Stationspersonal zur allgemeinen Sicherheit (meine? ihre?) versenkt hatte, komme ich auf eine weit schwerer kranke Person, als die meine es war, zu reden, und die mir damals neben anderem Relevanten, das einem so bewegt, wenn man am Abgrund torkelt, in den Sinn gekommen ist. Eine nicht medizinische Diagnose.

Wenn ich alles richtig deute, höre und lese, was in den vergangenen Monaten so zur katholischen Kirche in den Staaten des Westens mitgeteilt wurde, befindet sich diese Kirche auf der Intensivstation. Sie hat nicht nur jegliche gesellschaftliche Relevanz eigebüsst, nein schlimmer noch, ihr wichtigstes Gut, das der Glaubwürdigkeit. Schlimmer noch als Intensivstation: Liegt sie wohl im geistigen Koma?

Allen Ernstes begeben sich Kirchen-Vertreter/innen etwa in die Fraktion der Covid-Fantasten und -Verschwörungstheoretiker/innen und verschulden so zusammen mit diesen schwere Erkrankungen, ja den Tod, bei leicht beeinflussbaren Menschen. Von der jesuanischen Grundbotschaft (nicht das Gesetz, sondern der Mensch): nichts geblieben.

Allen Ernstes ereifern sich Kleriker, die bisher in Amt und Würden waren, gegen des Papstes Entscheid in Sachen vorkonziliärer Ritus, locker ausblendend, dass die innerkirchlichen Kreise, die diesem Ritus anhängen, häufig nicht nur die Neuzeit, sondern gleich auch noch die Gültigkeit der Menschenrechte beseitigen wollen. Von der jesuanischen Grundbotschaft…

Allen Ernstes verkünden Kirchenfürsten, denen eine Auszeit und ein Busschweigen verpasst wurde, weil sie in der Behandlung von schweren Missbrauchsfällen bewusst gemauschelt und vertuscht haben, dass sie wieder an ihre Cathedra zurückkehren wollen. Von der jesuanischen Grundbotschaft…

Und allen Ernstes verweigert sich ein rechter Teil der Hierarchie und Amtsträger weiterhin störrisch und laut der Forderung, die Kirche endlich zu demokratisieren, nicht nur synodale, sondern auch demokratische Instrumente (wie wärs mal mit einer Urabstimmung über im Neuen Testament so schlecht verankerte Dinge wie den Pflichtzölibat und die Zulassung von Frauen zu Ämtern?) in ihre Ordnung einzubringen. Von der jesuanischen Grundbotschaft…

Hämisch kommentiert die Rechtsaussen-Fraktion die steigende Zahl an Kirchen-Austritten, die sie ja ganz bewusst durch ihr ideologisches Verhalten befördert und hofft auf das baldige Entstehen einer zahlenmässig kleinen katholikalen Sekte.

An seinem 65.Geburtstag hatte sich Eugen Drewermann definitiv aus der Kirche abgemeldet. Ich verstehe ihn heute besser. Ich hoffe, meine finsteren Gedanken diesbezüglich waren durch das Valium bedingt.


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Miro zum Zweiten
4. November 2021 | 16:43
von Heinz Angehrn
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Ein Gedanke zu „Mehr Inhaltliches

  • stadler karl sagt:

    Ich würde alles nicht so schwer nehmen! Es wäre doch gewiss erstaunlich, wenn dieser ganze innerkirchliche Prozess nicht so harzig verlaufen würde, angesichts der gewaltigen gesellschaftspolitischen Veränderungen, die in den letzten Jahrzehnten in Gang gekommen sind. Aber auch angesichts der Tatsache, dass die Kirche während Jahrhunderten, ja Jahrtausenden, bemüht war, den Menschen “Wahrheiten” und Werte zu vermitteln, die nun teilweise verstärkt hinterfragt, ja abgelehnt werden. Es ist wahrscheinlich für viele Menschen nicht einfach, in der Kindheit und Jugend auf ganz bestimmte wertbezogene Haltungen ausgerichtet und sozialisiert zu werden, und später, im Gefolge von gesellschaftspolitischen Veränderungen, von diesen Haltungen einfach abzurücken. Hier geht es nicht ausschliesslich um Sturheit oder mangelnde geistige Wachheit und Flexibilität, als teilweise vielmehr um fundamentale existenziale Krisen, die den Sinngehalt weiter Strecken vieler Biographien in Frage stellen. Und das löst gewiss Äng
    ste aus. Vielleicht ein Aspekt, der teilweise im Zusammenhang der Diskussion und entgegengesetzten Positionen schlicht unterschätzt wird. Ich persönlich habe sehr grosse Zweifel, ob der Rekurs auf die “jesuanische Grundbotschaft” bei solchen institutionellen Krisen Abhilfe zu leisten und Orientierung zu vermitteln vermag. Der Rekurs auf diese Grundbotschaft war doch in der Kirchengeschichte immer aktuell, keineswegs weniger als heutzutage. Aber sind wir doch ehrlich: Dieser Bezug hatte sich immer der anthropologischen Konstitution der Menschen unterzuordnen und in die jeweils aktuellen geistesgeschichtlichen Entwicklungen zu integrieren und anzupasssen. Mir scheint dies eines der Grundprobleme der Kirche, aber auch anderer Bekenntnisse zu sein. Und es macht nicht den Anschein, dass sich dies heute anders verhalten würde.
    Und übrigens Ihr sehr schöner und sympathischer Hund, von dem Sie wiederum ein Bild posten: Für mich persönlich steht er für eine Anmahnung, dass wir unser kosmologisches Weltbild nicht blindlings aus anthropozentrischer Perspektive gestalten sollten.

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