Gian Rudin

Kunst = Natur – x

In der sogenannten Gründerzeit des Deutschen Reiches gegen Ende des 19. Jahrhunderts gedieh in langsamen Schüben der literarische Naturalismus. Neben den epigonenhaften Prachtbauen des Historismus gab es Tendenzen zur Verelendung an den Randzonen gutbürgerlicher Wohnquartiere. Es war auch die Zeit der Etablierung sozialwissenschaftlicher Welterklärungsmodelle. Im Positivismus des französischen Denkers Auguste Comte kommt ein Reduktionismus zur Anwendung, welcher nur der detailgetreuen Beobachtung, und einem unter dem Vorzeichen allgemeiner Nachvollziehbarkeit stehenden Experiment, Wahrheitsfähigkeit zugesteht. So sind denn Comte und seine Methodik auch für die entstehende Soziologie von leitendem Interesse. Die menschlichen Verhältnisse gehorchen bestimmten Gesetzmässigkeiten. Mit Hilfe einer Art von sozialer Physik kann man diese erfassen und gegebenenfalls verändern. Diese Auffassung hat nun auch Auswirkung auf die Betrachtung der Kultur. In der Weiterführung des Ansatzes vom Comte, fordert sodann Hippolyte Taine für die Deutung literarischer Texte die drei Komponenten «Rasse», «Milieu» und «Geschichtliche Situation» zu berücksichtigen. Diese Verfahren, welches er selbst auf die angelsächsische Literatur anwendet, bezeichnet er als naturalistisch. Deutsche Schriftsteller haben diese Vorgaben dann in ihren literarischen Erzeugnissen realisiert. Es geht dabei um die konsequente Nachahmung der Realität ausserhalb von literarischen Fantasiegebilden. Nicht eine in sich geschlossene Erzählwelt, die vorzugsweise mit der Hochzeit des Helden und dem schmachtenden Kuss vor dem Altar endet, sondern ungeschminkt-zerrüttete Wirklichkeiten, stehen im Zentrum des Interesses. Zum Bodensatz der Gesellschaft degradierte Neurotiker, anstelle von vielgereisten und mit Pioniergeist begabten Geschäftsmännern. In schmuddeligen Kellerlöchern hausende Dienstmägde anstatt verzückt lächelnder Kaffeekränzchendamen. So spielen den auch Dialekte und mimischen Details der Sprechenden eine zentrale Rolle in naturalistischen Texten. Literatur als getreuer Spiegel der Realität, jenseits aller verklärenden Überhöhung. Formelhaft tritt dies dann in der bekannten Gleichung «Kunst=Natur-x» zu Tage. Damit ist ein unparteiischer und fast schon steril anmutender Blick auf die zu beschreibenden Phänomene gemeint. Die Variable x ist dabei nicht ganz kleinzukriegen. Sie manifestiert sich beispielsweise in einem Bühnenbild oder sonstigen zu einer Inszenierung gehörenden Arrangements. Dabei gilt es aber x aufs Notwendigste zu beschränken. Durch diese sachliche Betrachtung der Wirklichkeit wird darauffolgend ein politischer Auftrag der Literatur abgeleitet.

So trägt denn auch das in den meisten Gymnasien zur Pflichtlektüre gehörenden Büchlein «Bahnwärter Thiel» von Gerhart Hauptmann im Untertitel die Bezeichnung einer novellistischen Studie. Darin kommt das Selbstverständnis des Naturalismus prägnant zum Ausdruck. Es geht nicht um ein Erzählen um des Erzählens willen. Die Selbstbezüglichkeit der Kunst (L’art pour l’art ) wandelt sich zum Megafon für die Hörbarmachung sozialer Missstände. Die politische Sprengkraft naturalistischer Texte zeigt sich auch in dem Umstand, dass beispielweise die Aufführung des Theaterstücks «Die Weber» von Gerhart Hauptmann durch einen preussischen Polizeipräsidenten verboten wurde und Kaiser Wilhelm II seine Loge im Deutschen Theater nach der skandalträchtigen Aufführung des Stückes aufgekündigt hat. Denn die aufständischen Weber werden nicht als rüppelhafte Unholde portraitiert, sondern in ihnen verschafft Verletzlichkeit sozial geächteter Menschen Gehör.  Die Regieanweisungen Hauptmanns zeugen von hoher Sorgfalt fürs Detail. So sollen die protestierenden Weber gedrückt umherstehen, mit dem beklemmten Gesichtsausdruck eines Almosenempfängers. Daneben finden sich immer wieder im schlesischen Dialekt vorgetragene Klagen der schikanierten Billiglohnarbeiter. «… im Zuchthaus is immer noch besser wie derheeme. Da ist mer versorgt; da braucht man nicht darben.» Diese bei den naturalistischen Schriftstellern entworfene Panorama sozialer Fragilität liest sich angesichts der Bedrohung gesicherter Arbeit durch Corona-Pandemie besonders intensiv.

Ausweitung der Kampfzone

Auch wenn heutzutage in unserer Weltgegend weitgehend kein Lumpenproletariat mehr existiert, wo sich Unhaltbarkeit eines sozialen Staus an Äusserlichkeiten festmacht, ist soziale Unsicherheit dennoch ein brandaktuelles Thema. Es gibt hilfreiche Typologien zur Veranschaulichung der Lohnarbeitergesellschaft. Im Bereich der Integration kann von gesicherten Arbeitsverhältnissen gesprochen werden. Unbefristete Arbeitsverhältnisse und gute Sozialleistungen ermöglichen Gelassenheit und Zukunftsplanung. Am anderen Ende befindet sich die Zone der Entkoppelten, wobei sich die dort im äussersten Bereich befindlichen mit ihrer Langzeitarbeitslosigkeit abgefunden haben und glücklicherweise im Netz des Sozialstaates abgefangen werden. Dazwischen ist das Territorium der Unsicherheit mit einer spannungsgeladenen Situation der permanenten Unsicherheit. Hier waltet eine durch Instabilität geprägte Tendenz zur Prekarität. In dieser Zone befinden sich zwar auch Hoffende, welche den sozialen Aufstieg als Möglichkeit stets auf dem Radar haben, aber auch die grosse Menge der Desillusionierten, die sich mit window shopping und bettwanzenbefallenen Matratzen in Billigherbergen abgefunden haben. Man könnte meinen, das seien klassische first-world-problems, aber auch in einer Wohlstandsgesellschaft, lauert die Gefahr eines Zerbröckelns des sozialen Zusammenhalts. Durch die Corona-Pandemie und die damit einhergehenden wirtschaftlichen Erosionen, weitet sich der Bereich der Abstiegsbedrohten und Verunsicherten massiv aus. Aber auch für die Selbstmanager, die insbesondere von den Vorzügen eines kognitiven Kapitalismus profitieren, entstehen neue Unsicherheiten. Im Gegensatz zum klassischen Industriekapitalismus beruht der kognitive Kapitalismus auf immateriellem Kapital. Nicht mehr Maschinen und Produktionsstätten sind von zentraler Bedeutung, sondern in Netzwerken angewendetes Wissen und gekonnte Selbstvermarktung des eigenen Potentials. In der Theoriesprache des norditalienischen Postmarxismus hat sich für diese Phänomen der Begriff der fabbrica diffusa eingebürgert. Die Fabrik und die darin stattfindende klar umgrenzte Akkordarbeit ist einer omnipräsenten Weise des Arbeitens gewichen. Freizeit, Weiterbildung und geleistete Arbeitszeit verschmelzen zunehmend. Abgrenzungen sind schwieriger möglich. Immer mehr Menschen arbeiten für eine Honorar, geregelte Einkommen werden zur Ausnahmeerscheinung. Kurzarbeit und flexible Gewinnbeteiligungen sind im Jahr 2020 zu einer teilweise bedrohlichen Realität geworden. Die Kampfzone hat sich ausgeweitet. Die sicheren Gefilde der beruflichen Absicherung und gesellschaftlichen Integration werden schrittweise von weniger Leuten bewohnt. Prekarisierung ist somit eine latente Bedrohungssituation für einen grossen Teil der Bevölkerung. Diese stürmische Unsicherheit im Wellengang des Lebens wird wohl noch grosse Herausforderungen bereithalten.

Zur Sensibilisierung könnte eine noch zu schreibende naturalistische Novelle beitragen: Nach seiner fristlosen Entlassung sehnt sich K nach aufrichtigem Trost. Die gütigen Arme seiner Grossmutter waren seit dem gesundheitsbehördlichen Umarmungsverbot tabu. Die unsichtbare Allgegenwart des Virus legte sich allmählich wie eine muffige Dunstwolke über alle Lebensbereiche. Wie ein Unheiliger Geist inspiriert es die Menschen zu lähmender Schwermut…

9. Januar 2021 | 23:18
von Gian Rudin
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