Kirche und Politik: Ein Verbot ...
«Kirchenleute, haltet d’Goschen!»
Nein, so plump formuliert Dr. Pfister es nicht, wenn er der Kirche konkrete tagespolitische Stellungnahmen verbieten will. Es scheint, er möchte von ihr nur grundsätzliche, ethische Stellungnahmen hören. Doch als Intellektueller müsste er es wissen: «Die Wahrheit ist konkret.» »Für den Frieden» sind alle. Was aber ist mit der konkreten Frage, ob die Schweiz Waffen in Bürgerkriegsländer ausführen darf? Dazu hätten nach der Logik des Thinktank die «Kirchenleute» zu schweigen.
Zwischenfrage: Wer sind die offenbar politisch nicht kompetenten Kirchenleute: Gehört zum Beispiel Thomas Wallimann dazu, ein fundierter Sozialethiker, der u.a. auch im Namen der bischöflichen Kommission «Justitia et Pax» öfters hilfreiche Statements zu aktuellen (konkreten!) Fragen abgibt?
Bischöfliche Reaktionen
Erfreulicherweise haben sich unter vielen andern auch zwei Bischöfe in die Diskussion um den Thinktank eingeschaltet. Für Felix Gmür besteht die Aufgabe der Kirche darin, hinzustehen und «sich in zeitgemässer Form in gesellschaftliche und politische Themen einzubringen». Die Kirchen dürften ihr Wirken nicht auf die Feier von Gottesdiensten und die soziale Arbeit einschränken lassen.
Und Bischof Markus Büchel meinte gemäss einem Bericht von kath.ch: Der politische Schlagabtausch der Kandidaten für Nationalrat und Ständerat dürfe nicht auf Kosten der Schwächsten gehen, «die unsere Aufmerksamkeit am dringendsten nötig hätten». Der Bischof nannte Flüchtlinge, Heimatlose, Arme – Menschen also, die keine Stimme und keine Lobby hätten.
Die Kirchen und Religionen könnten sich nicht davon dispensieren, «gerade in diesen Fragen eine kritische Stimme zu erheben, auch mit der Gefahr, sich der kirchlich ungehörigen politischen Einmischung schuldig zu machen».
Wie christlich ist «christliche» Politik?
Hugo Stamm hat in den letzten Jahren in seinem Sektenblog oft masslos übertrieben, wenn er die Kirchen kritisierte. Doch äusserst lesenswert ist seine Meinung zum Thinktank:
«Die Schweiz auf dem Weg zum Gottesstaat, weil sich ein paar Geistliche gelegentlich zu politischen Fragen äussern? Meinen Sie das im Ernst, Herr Pfister?
In Wirklichkeit säkularisiert sich die Schweiz laufend weiter. Könnte es etwa sein, Herr Pfister, dass Sie Angst haben vor den Geistlichen, weil diese Sie an die christliche Ethik und Moral, an Nächstenliebe und Barmherzigkeit erinnern? Zum Beispiel, wenn Sie in der Asylpolitik Richtung SVP steuern, wenn Sie in sozialen Fragen rechtsbürgerliche Positionen vertreten, wenn Sie immer wirtschaftsfreundlicher werden und sich nicht für die Schwachen einsetzen, wenn Sie für die Lockerung der Waffenausfuhrbestimmungen sind?»
Sehr gute Fragen! Schon bevor ich sie gelesen hatte, kam mir eine Idee: einen Blog/eine Website, auf der die Möglichkeit für alle besteht, das, was C-Politiker in den letzten vier Jahren entschieden haben, mit der christlichen Soziallehre zu vergleichen. Als Wahlhilfe für die eidgenössischen Wahlen im Herbst. Wer ergreift die Initiative.
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Michael Bamberger sagt:
Walter Ludin: “Hugo Stamm hat in den letzten Jahren in seinem Sektenblog oft masslos übertrieben, wenn er die Kirchen kritisierte.”
Wann und womit hat Hugo Stamm “in den letzten Jahren masslos übertrieben”, bitte belegen Sie Ihre Behauptung mit konkreten Beispielen.
Und wenn wir schon bei “den letzten Jahren” sind, wer hat wohl was “übertrieben”, um folgende Faktenlage auszulösen?:
Veränderung der Religionslandschaft Schweiz über 46 Jahre (Quelle: Bundesamt für Statistik)
1970
49.4% katholisch
46.4% reformiert
3.1% andere
1.1% konfessionslos
2016
37.2% katholisch
25.3% konfessionslos
25.0% reformiert
5.1% muslimisch
7.4% andere
Karl Stadler sagt:
Wwir haben das Heu wieder einmal nicht auf gleichen Bühne. Ich glaube nicht, dass Pfister den Kirchen einen Maulkorb verpassen will. Aber die Fragestellung, wie weit sich die Kirchen in politische Abstimmungsvorlagen einmischen soll, ist gewiss nicht neu. Ich vermag mich zu erinnern, dass unser Vater einmal, da war ich noch ein Knabe, also vor etwa sechzig Jahren, lamentierte, dass er am Sonntag nicht in die Kirche gehe, um von der Kanzel Abstimmungs- und Wahlempfehlungen entgegenzunehmen. Wahrscheinlich sah er das Kerngeschäft der Kirchen halt in andern Aufgaben. Damals ging es in katholischen Landen allerdings tendenziell immer gegen die Liberalen und die Sozialdemokraten. Heute scheint es umgekehrt zu sein. Ich bin zwar kein Christ. Aber wenn man die Stimmen der Kirchen zu politischen Fragen zur Kenntnis nimmt, geht es zumeist gegen die Bürgerlichen und nicht selten gewinnt man wirklich den Eindruck, “Christ sein” sei im politischen Bereich deckungsgleich mit linker politischer Gesinnung. Alles andere habe im Bereich authentischer christlicher Ethik keinen Platz. Diese Feststellung ist keineswegs aus den Fingern gesogen!
Es sind nicht nur kirchliche und linke Kreise, die sich bemühen, der Verpflichtung auf Wahrheit und Mitgefühl nachzuleben. Leid ist Leid, unbesehen, wem es widerfährt, und verlässliches Wissen ist Wissen, unbesehen, welche Seite darauf rekurriert. Aber manche politische Sachverhalte präsentieren sich keineswegs immer so glasklar, dass sich eine unbezweifelbare ethische Subsumtion a priori aufdrängt. Gerade wer sich mit Ethik befasst, weiss, dass zumeist, zumindest verhält es sich so in der philosophischen Ethik, nicht um grundsätzliche Normen gestritten wird, als vielmehr darüber, wie Sachverhalte zu beurteilen sind. Und das scheint auch in der Politik so zu sein.
Vermutlich nimmt niemand daran Anstoss, wenn sich die Kirchen im Bereiche der Menschenrechte äussern und Stellung beziehen. Aber es gibt dann und wann Vorlagen, wo man wirklich geteilter Meinung sein kann und wo auch ein gewissenhafter Ethiker Zurückhaltung üben würde. Ein Beispiel war die AHV plus-Initiative. Auch damals tönte es, wenn man sich ablehnend äusserte, dass einem jegliches Solidaritätsgefühl abgehe.
Oder bei der Abstimmung vom 25. November letzten Jahres: Auf der ganzen Linie, bei allen drei eidgenössischen Vorlagen, fand ich mich auf der Verliererseite. Wenn man der SBI-Initiative zustimmte, wurde man von vielen Seiten in die nationalistische Ecke gestossen, teilweise wurde einem gar der Status als Mitglied der “Zivilgesellschaft” abgesprochen, auch von kirchlichen Stimmen, obwohl mir bis heute nicht klar ist, was dieser Begriff letztlich überhaupt bedeutet. Dabei fand man sich als Befürworter, zumindest teilweise, in alter Rechtstradition, die während Jahrzehnten auch vom BGer. hochgehalten wurde. Und bei näherem Hinsehen, da bin ich heute noch überzeugt, ist diese Initiative nichts weniger als eine Bremse gegenüber internationalen neoliberalen Bestrebungen zu werten und keinenswegs lediglich als ein Hindernis für Weltoffenheit. Doch eine solche Haltung führte auch in der kirchlichen Propaganda zur Verdammnis, wegen fehlender globaler Solidarität und “Feindseligkeit” gegenüber Institutionen, die Menschenrechte hochhalten.
ludin sagt:
Herr Bamberger, Sie eröffnen hier wie schon mehrmals einen Nebenschauplatz, um ihr Hobby – Kirchenbeschimpfung – einzubringen. Es geht nicht um Stamm, sondern um Pfister und Co ….
Michael Bamberger sagt:
Herr Walter Ludin,
Danke für Ihre Antwort welche impliziert, dass Sie Ihre Behauptung bezüglich Stamms angeblich massloser Übertreibung nicht zu belegen imstande sind.
Roland Xander sagt:
Kirche muss politisch – nicht parteipolitisch – sein, sonst kann sie abdanken. Bei uns in Österreich gibt es derzeit einen schweren Konflikt zwischen der rechten FPÖ (Regierungspartei) und der Caritas, der von der FPÖ Profitgier vorgeworfen wird, einfach nur beschämend und erbärmlich. Und was macht der angeblich so christlich eingestellte Regierungspartner ÖVP? Er schweigt zu allem. Sehr erfreulich ist in diesem Zusammenhang das privatgesellschaftliche Engagement bei öffentlichen Demonstrationen, an denen sich auch die Kirche stark einbringt. Und all jene, die die Kirche aus diesem Diskurs hinausdrängen wollen, sollten wieder einmal die Bibel zur Hand nehmen und die Evangelien studieren, sie würden dann ev. ihre Haltung doch etwas revidieren.