Walter Ludin

Ist Israel-Kritik antisemitisch?

«Die Gleichsetzung von Israelkritik mit Antisemitismus ist in deutschen Institutionen längst gang und gäbe». So las ich in der diesjährigen Juniausgabe von Palästina-Info.

Und nun befürchte ich, dass wir auch in der Schweiz bald so weit sind. Denn gemäss dem Antrag eines SP(!)-Ständerates soll hier die Antisemitismus-Definition der International Holocaust Remembrance Alliance übernommen werden. Dort wird – vereinfachend gesagt – Antisemitismus als Hass gegenüber den Juden definiert. So weit so gut. Aber wie es in der Meldung von kath.ch weiter heisst, «kann auch der Staat Israel, der dabei als jüdisches Kollektiv verstanden wird, Ziel solcher Angriffe sein».

Wie eine vielfache Praxis in Deutschland zeigt, liegt hier ein Freibrief, jede Kritik an der Politik des israelischen Staates als antisemitisch zu denunzieren. Dagegen wehrt sich ausgerechnet eine Jüdin, Kind von Holocaust-Überlebenden und Wissenschafterin, die sich mit dem israelisch-palästinensischen Konflikt befasst: die US-amerikanische Politökonomin Sara Roy. In einem Brief an den deutschen Bundestag, der in der erwähnten Ausgabe von Palästina-Info dokumentiert ist, schreibt sie:

«Ihre Verpflichtung besteht nicht darin, aus Israel und dem jüdischen Volk einen Sonderfall zu machen oder eine Ungerechtigkeit selektiv zu entschuldigen, nur weil sie von Juden begangen wurde. Sie liegt darin, an Israel und Juden den gleichen ethischen und moralischen Massstab anzulegen, den Sie bei jedem Volk anwenden würden, einschliesslich ihrem eigenen.»

Eine gravierende Ungerechtigkeit, die der Staat Israel gerade zurzeit in besonders erschreckendem Ausmass betreibt, ist die Torpedierung der Zwei-Staaten-Lösung (wie sie ja von der Staatengemeinschaft gefordert wird, einschliesslich der UNO, welcher der Staat Israel ja sein Existenzrecht verdankt!)

Dazu ein Versprechen, das Ministerpräsident Netanjahu kürzlich mit Blick auf die Wahlen vom kommenden 17. September in einer jüdischen Siedlung gemacht hat:

«Mit Gottes Hilfe werden wir die jüdische Souveränität auf alle Siedlungen ausweiten, als Teil des biblischen Landes Israel und als Teil des Staates Israel.»

Dazu gilt sicher, was kürzlich ein christlicher Bibelkundiger in einem anderen Zusammenhang festgestellt hat:

Man kann nicht so einfach «von der Bibel her auf heutige gesellschaftliche Verhältnisse schliessen.» Und doch wird es noch und noch von Israelis getan, bekanntlich auch von solchen, die sonst mit Religion nichts am Hut haben …

Müssen Palästinenser und Israeli für immer Gegner sein? © Stefan Klaffehn/pixelio.de
13. September 2019 | 16:55
von Walter Ludin
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One thought on “Ist Israel-Kritik antisemitisch?

  • Roland Xander says:

    Netanjahu will sich Teile des widerrechtlich besetzten Palästinenser-Gebietes endgültig einverleiben, ein Skandal. Wo bleibt da der notwendige Protest der westlichen Staaten? Ich bin ein Freund des jüdischen Volkes, aber derzeit nicht des Staates Israel!

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