Daniel Kosch

Heiliger Oscar Romero, bitte für uns!

Römische Impressionen

Vor kurzem war ich für einige Tage in Rom und bin mit den Impressionen prächtiger Mosaiken in den Hauptkirchen, wunderbarer Kreuzgänge, eines lateinischen Hochamtes mit zwei Kardinälen und vielen Priestern in prunkvollen goldenen Messgewändern heimgekehrt. Gleichzeitig nehme ich auch die Bilder von Bettlerinnen und Bettlern mit, die täglich auf dem selben Platz oder der gleichen Brücke auf ein paar Münzen der unzähligen Touristinnen und Touristen hoffen. Und den Blick auf manche Wohnblöcke, die ziemlich heruntergekommen sind.

Bei uns in der Schweiz ist der Kontrast zwischen der reichen Kirche und der Armut weniger offensichtlich. Wir verbauen unseren Reichtum diskreter, feiern die Gottesdienste in der Regel weniger prunkvoll und auch die Armut ist weniger sichtbar. Aber den Kontrast gibt es auch hier.

In diese kontrastreiche gesellschaftliche und kirchliche Wirklichkeit hinein fällt die Heiligsprechung von Papst Paul VI. und Erzbischof Oscar Romero aus San Salvador, der wegen seiner Kritik am ungerechten Regime während eines Gottesdienstes erschossen wurde. Sein Tod wurde in El Salvador und darüber hinaus als Martyrium wahrgenommen und er wurde im Volk Gottes spontan und ohne kirchenamtlichen Segen als Heiliger verehrt.

Paul VI – mehr als nur «Pillenpapst»

Papst Paul VI. hingegen hat zwar das Zweite Vatikanische Konzil klug zu Ende geführt und reiste 1968 als erster Papst nach Lateinamerika, um an der Versammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellin teilzunehmen. Dort entschieden die Bischöfe, der «Option für die Armen» höchste Priorität einzuräumen, was massgeblich zur Entstehung und Verbreitung der Befreiungstheologie beitrug. Schon in seiner Enzyklika «Populorum Progressio» von 1967 hatte er sich für mehr Solidarität und für den Einsatz der Kirche zu Gunsten der Armen eingesetzt. Unmissverständlich hält die Enzyklika fest: «Es eilt. Zu viele Menschen sind in Not, und es wächst der Abstand, der den Fortschritt der einen von der Stagnation, besser gesagt, dem Rückschritt der anderen trennt» (Nr. 29). Bei uns aber ist er primär als «Pillen-Papst» in Erinnerung geblieben, der gegen Ende seines Pontifikates immer einsamer und ängstlicher wurde.

Aus diesen Gründen – und weil die Heiligsprechung von Päpsten immer den schalen Beigeschmack hat, dass das Papsttum damit sich selbst sakralisiert – habe ich für die Heiligsprechung von Erzbischof Oscar Romero spontan mehr Sympathien als für jene des Konzilspapstes. Immerhin hat mich ihre gleichzeitige Heiligsprechung dafür sensibilisiert, dass Paul VI. zur Schaffung von Grundlagen und Voraussetzungen beigetragen hat, damit der zunächst konservative Oscar Romero sich im Verlauf seines bischöflichen Wirkens zu den Armen bekehren konnte.

Woran misst sich kirchliche «Reformfreude»?

Darüber hinaus ist mir deutlich geworden, dass gerade fortschrittliche Katholikinnen und Katholiken zwar regelmässig betonen, wie wichtig das soziale und politische Engagement der Kirche ist, aber die «Reformfreude» kirchlicher Amtsträger dann doch oft primär an innerkirchlichen und moraltheologischen Fragen (Ehe- und Sexualmoral, Frauenordination, Demokratisierung der Kirche etc.) messen. Dies ist wohl auch ein Grund dafür, dass die «konservative» Pillenenzyklika Humanae Vitae das Bild von Paul VI. viel stärker geprägt hat als seine «progressive»Entwicklungsenzyklika Populorum Progressio.

 Unbequeme Herausforderungen

Dieser einseitige Fokus trägt – neben der Krise wegen der Missbrauchsthematik – massgeblich dazu bei, dass hierzulande die Bedeutung und die Brisanz der von Papst Franziskus angestossenen Reformen tendenziell unterschätzt werden und sich mancherorts das Gefühl einschleicht, dass die Realität der Reformen weit hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Vor dem Hintergrund der eingangs geschilderten römischen Impressionen wird jedoch unübersehbar,

  • wie provokativ seine Kritik an einer Kirche ist, «die um sich selbst kreist» statt an die Peripherien zu gehen,
  • wie unbequem seine Forderung nach Abschied von verweltlicher Pracht- und klerikaler Machtentfaltung ist, und
  • wie irritierend ein Papst ist, der den Blick stärker auf die Bettler und Bettlerinnen als auf die prunkvollen Kirchen richtet.

Seine Sehnsucht nach einer «armen Kirche der Armen», die glaubwürdig «Nein» zu Exklusion, Vergötterung des Geldes und zur sozialen Ungerechtigkeit sagen kann, ist eine Provokation für alle, die das Bestehende erhalten möchten – sei es in Rom oder auch in der Schweizer Kirche.

Heilige können angerufen, dürfen aber auch kritisch angefragt werden

Da Paul VI. und Oscar Romero nun heiliggesprochen sind, haben sie im Gebet der Kirche einen offiziellen Platz als Fürsprecher bei Gott. Wir dürfen sie also anrufen mit der Bitte, unsere Kirche und unsere Mitglieder zu einem Lebensstil anzustiften, der ihren Optionen entspricht, und hoffen, dass sie uns zu konkreten Schritten in Richtung einer Kirche anstiften, die bescheiden lebt und solidarisch handelt.

Gleichzeitig haben wir auch nach ihrer Heiligsprechung das Recht, sie für manche Entscheidungen und Äusserungen kritisch anzufragen. Denn in seinem Schreiben «über den Ruf zur Heiligkeit in der Welt von heute» hält Papst Franziskus fest: «Vielleicht war ihr Leben nicht immer perfekt, aber trotz aller Fehler und Schwächen gingen sie voran und gefielen dem Herrn» (Nr. 3). «Nicht alles, was ein Heiliger sagt, ist dem Evangelium vollkommen treu, nicht alles, was er tut, ist authentisch oder perfekt» (Nr. 22).

Mit der Bitte «Heiliger Oscar Romero, heiliger Papst Paul, bittet für uns!» verbindet sich für mich der Wunsch, dass wir bei unseren Diskussionen über Reformen in der Kirche neben dringenden innerkirchlichen Veränderungen auch den Lebensstil der Kirche samt ihren Mitgliedern sowie ihr entschiedenes und konkret in die Realität eingreifendes politisches Engagement zu Gunsten der Armen und Benachteiligten in den Blick kommen.

Die Option für die Armen als Fundament des politischen Engagements der Kirche

Dazu hielt Oscar Romero in einer Rede über «Die politische Dimension des Glaubens und die Option für die Armen» kurz vor seinem Tod fest:

«Weil sie sich für die wirklich Ausgebeuteten und Unterdrückten entschieden hat, lebt die Kirche im Bereich des Politischen, und sie verwirklicht sich als Kirche auch im Bereich des Politischen. Das kann nicht anders sein, wenn sie sich wie Jesus an die Armen wendet».

St. Peter | © Daniel.Kosch
14. Oktober 2018 | 15:54
von Daniel Kosch
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