Daniel Kosch

Hat in Zug etwas stattgefunden?

Mit dieser Frage begrüsste mich ein Kollege – und bezog sich damit auf die eher geringe Medien- und Öffentlichkeitswirksamkeit des ökumenischen Anlasses in Zug, der am 1. April 2017 unter dem Motto «Gemeinsam zur Mitte» stattgefunden hat.

Die Frage ist – Medienecho hin oder her – aus meiner Sicht klar mit JA zu beantworten.

  • Es geschieht nicht alle Tage, dass Spitzenvertreter der reformierten und katholischen Kirche in der Schweiz vor Gott ihre «Geschwister» um «Entschuldigung» bitten für den «Schmerz» und «Leid», das man einander zugefügt hat.
  • Es geschieht nicht alle Tage, dass in einem so feierlichen Gottesdienst im Schuldbekenntnis gesagt wird: «Wir bekennen, dass uns der Buchstabe des Rechts wichtiger war als der Hunger der Menschen nach Einheit.»
  • Es geschieht nicht alle Tage, dass in solchem Rahmen dafür gebetet wird, «dass wir alles kleinliche Argumentieren aufgeben, und nicht nur nach dem fragen, was wir dürfen, sondern auch nach dem, was wir müssen».
  • Und es geschieht auch nicht alle Tage, dass in einem solchen Rahmen in einer Symbolhandlung Brot geteilt wird im Bewusstsein, dass «die Trennung nicht gottgewollt, sondern menschengemacht» ist.

Das JA zur Ökumene bewahren und bewährt

Trotz meines überzeugten JA auf die Frage, ob in Zug etwas geschehen ist in Sachen Ökumene und Weg zur gemeinsamen Mitte, bleibt die Frage meines Kollegen wichtig. Denn ob man in einem Jahr oder in einigen Jahren immer noch sagen wird, dass in Zug wirklich etwas geschehen ist, hängt weniger von der medialen Wirkung ab, als davon, ob es – auch in den Institutionen – genug Menschen gibt, die dranbleiben. Das JA zur Ökumene und das NEIN zum «Skandal der Trennung» wird nur bewahrt, indem es sich be-währt, be-wahrheitet und konkrete Gestalt annimmt.

Ökumene ökonomisch konkretisieren

Dazu nur ein Beispiel, das meine Arbeit betrifft und mir deshalb geblieben ist: Im Rahmen eines Podiumsgespräches in Zug sagte der Präsident des Rates des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes, Gottfried Locher, sinngemäss, es gebe einen Zusammenhang zwischen Ökonomie und Ökumene. Je weniger Geld die Kirchen hätten (Ökonomie), desto mehr würden sie zusammenarbeiten (Ökumene).

Wäre dem so, müssten sich alle ökumenisch gesinnten über leere Kirchenkassen freuen. Persönlich glaube ich allerdings nicht, dass es sich bei dieser Wechselwirkung um eine Gesetzmässigkeit oder gar einen Automatismus handelt. Denn leider gibt es auch Beispiele für das Gegenteil: Dass jede und jeder um so mehr für sich schaut, sein «Profil schärft», sein eigenes «Kerngeschäft fokussiert», wenn das Geld knapper wird und der Wettbewerb damit schärfer.

Trotzdem finde ich die Aussage des Kirchenbundspräsidenten wichtig und gut. Denn unser Wille zur Ökumene wird sich auch daran zu bewähren haben, dass wir uns sein Prinzip zu eigen machen: Ökumene kann und soll auch ökonomisch wirksam werden – als gelebte Solidarität, als Bereitschaft so viel wie möglich miteinander zu machen, als Verzicht auf Konkurrenz oder auf Missgunst, wenn es der Schwesterkirche besser geht …

Beziehungen herzlich und phantasievoll pflegen

Der Frage «Hat in Zug etwas stattgefunden?» müssten wir uns auch stellen, wenn wenn die Tagesschau und die Sonntagszeitungen gross darüber berichtet hätten. Ob man sie am 1. April 2018 oder 2025 mit JA oder NEIN beantworten wird, hängt weniger davon ab, ob die eindrückliche Liturgie als Video oder PDF-Datei von Google noch mühelos gefunden wird, sondern davon, ob möglichst viele Einzelne und Gemeinschaften, aber auch die kirchlichen Institutionen «sich nie abfinden mit der Trennung, und die Beziehungen zwischen uns herzlich und phantasievoll pflegen».

3. April 2017 | 21:14
von Daniel Kosch
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