Walter Ludin

Gute und weniger gute Überraschungen

(Hier das Manus meines dreiminütigen Beitrags zum Sonntag bei Radio Central, 17. Januar 2021.) Vielleicht erleben wir heute eine Überraschung, so wie es in unserem Leben schon unzählige gegeben hat, gute oder weniger gute.

Am Dienstag zum Beispiel ist mir etwas passiert, das ich nie für möglich gehalten hätte: Ich war im Operationssaal einer Schönheitspraxis – zur Behandlung. Allerdings: Als ich 18 war und als Student in einem Aroser Hotel arbeitete, gab es dort eine Praktikantin, eine Internatsschülerin aus Oklahoma, USA. Sie ging tagelang durch die Gänge mit dem Seufzer: «Schade, dass der Walter nicht schön ist.» Ich habe mich damit abgefunden und nicht im Traum dran gedacht, mich schönheitsmässig behandeln zu lassen.

Dann aber, vor einigen Wochen, hat mir meine Ärztin mitgeteilt: «Sie haben einen weissen Hautkrebs. Nur ein Schönheitschirurge kann ihn aus der Nase herausschneiden.» Und eben, am Dienstag, ist das Undenkbare passiert, dass ich in einer Schönheitspraxis gelegen bin. Dort ist mir wieder einmal aufgegangen, dass wir im Leben nichts ausschliessen können; dass wir nie sagen: «Das kann mir nicht passieren.» Wir alle haben das bestimmt schon manches Mal gesagt. Wenn jemand einen Blödsinn gemacht hat, haben wir selbstbewusst gedacht: «Nein, so Dummes mache ich nie und nimmer.» Bis es dann doch einmal passiert ist.

Ein ganz anderes Beispiel für eine böse Überraschung: Im vorletzten Sommer wartete ich mit einem halben Dutzend Personen mitten in der Stadt Luzern vor einem Fussgängerstreifen. Bei Grün – ja es war tatsächlich grün! – sind wir losgezogen. Ich war am schnellsten. Und dann – etwas Gelbes vor meinen Augen! Und ich wurde in weitem Bogen zurück auf das Trottoir geschleudert, von einem Postauto. Ich bin glimpflich davongekommen, mit einigen Schürfungen und Prellungen.

Wäre ich nur ein Zehntelsekunde schneller gewesen, wäre ich unter den Bus gekommen und heute nicht mehr da. Noch einmal Glück gehabt im Unglück – wie schon so häufig im Leben. Etliche Bekannte, die nicht besonders religiös sind, meinten, ich hätte einen Schutzengel gehabt – oder auch zwei …

Gerade auf meinen Reisen als Journalist in den globalen Süden hat es immer wieder brenzlige Situationen gegeben. Und immer ist es gut ausgegangen, und das nicht, weil ich besonders schlau reagiert habe. Wenn ich darauf zurückschaue, empfinde ich ein Gefühl von tiefer Dankbarkeit; was eigentlich eine christliche Tugend ist.

Ich möchte da auch von guten Überraschungen erzählen. Solche habe ich gerade auch im Zusammenhang mit dem erwähnten Busunfall erlebt. Sofort bin ich von Passanten auf die Beine gestellt worden. Eine Frau hat mir Wasser zum Trinken gegeben, eine andere Notfalltropfen und eine dritte hat mir im nächsten Boulevard-Restaurant einen Stuhl geholt.

Überraschend auch die Reaktion des Chauffeurs. Er hat sofort angehalten, sich entschuldigt und erklärt, dass er ältere Menschen an Bord hatte, die bereits aufgestanden sind. Bei der abrupten Abbremsung bei Gelb wären sie gefährdet gewesen. Und am andern Tag ist der junge Mann bei mir vorbeigekommen, mit Schoggi, Blumen und Wein.

Es fehlt mir da die Zeit, auch noch von den unzähligen überraschenden Begegnungen zu erzählen mit lieben Menschen, die ich Jahre oder Jahrzehnte nicht mehr gesehen hatte.

Und jetzt wünsche ich Ihnen allen viele solcher Begegnungen, vielleicht schon heute – und: E guete Sonntig.

Oft braucht man einen Engel – oder zwei … © Walter Ludin
18. Januar 2021 | 15:55
von Walter Ludin
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