Der tamilische Luzerner Klosterkoch Moorthy
Walter Ludin

Fasten = Umdenken

(Meine etwas spät gepostete Predigt zum 1. Fastensonntag 2019)

Was können wir tun, um die Fastenzeit sinnvoll zu nutzen? Eine erste Antwort, die wohl viele von uns geben, heisst «Verzicht». Die einen oder andern von uns haben als Kinder bis Ostern auf Süssigkeiten verzichtet – und sie dann mit umso mehr Genuss verspeist.

Auch die diesjährige Kampagne von Fastenopfer schlägt Verzichte vor: und zwar unter dem Stichwort «mal richtig ›abschalten’». Gemeint ist der vollständige oder teilweise Verzicht auf Medien und andere Kommunikationsmittel wie Fernsehen, Handy oder Computerspiele. Sicher sinnvoll. Aber ich kann mir vorstellen, dass manche von uns diese Mittel ohnehin nicht in Übermassen gebrauchen. Die andern können es ja versuchen.

Als wir uns im Kloster über eine sinnvolle Gestaltung der Fastenzeit unterhielten, sagte ich: «Wir sollen auf das verzichten, was wir gerne tun. Ich zum Beispiel predige gerne. Also verzichte ich am kommenden Wochenende auf eine Predigt!» Es war selbstverständlich nicht ernst gemeint. Sonst stünde ich nicht hier.

—–

In der Fastenzeit sind wir eingeladen zum «Umdenken» (genau dies meint das biblische Wort meta-noia, das wir gewöhnlich mit «Busse» übersetzen. Ich möchte einen Impuls zum Umdenken geben mit Blick auf eines der grössten Probleme, dem wir uns in der heutigen Gesellschaft befassen müssen: dem Umgang mit Fremden: mit Migranten und Asylsuchenden.

Beim Umdenken mit diesen Fragen half mir kürzlich eine Fernsehsendung und ein Zeitschriftenbeitrag:

Ich stiess zufällig auf eine Dokumentarsendung des Bayerischen Rundfunks. Am Anfang stand die Behauptung: «Die vielen Fremden, die zu uns kommen, nehmen unsern Wohlstand weg.» Es ist wohl eine Meinung, die nicht nur in Bayern und im übrigen Deutschland oft geäussert wird.

Die Sendung fuhr fort mit der Frage: «Woher kommt eigentlich unser Wohlstand? Wer erarbeitet ihn?» Dann ging die Kamera in die Grossküche eines bayerischen Hotels. Die Chefin stellte ihre zehn Mitarbeiter vor: «Der kommt aus Afghanistan, der aus dem Iran, jener aus dem Irak.» Und so weiter. Der einzige Deutsche in der Küche kam aus Sachsen, was für viele Süddeutsche schon fast Ausland bedeutet.

Die Botschaft war klar: Ohne Ausländer könnte das Hotel dichtmachen. Der Wohlstand am Ort würde gemindert.

Der tamilische Luzerner Klosterkoch Moorthy | © GFX

Auch in Spitälern, in Alters- und Pflegeheimen würde vieles unmöglich die ausländischen Pflegerinnen, Ärzte und – ebenso wichtig – Putzfrauen. Eine Bekannte von mir, die in einem Pflegeheim arbeitet, erzählte mir folgendes: Ein alte Dame regte sich auf, dass sie von einer Dunkelhäutigen gepflegt wurde. Ganz zornig reif sie aus: «Wann gehen die Neger endlich nachhause?» Meine Bekannte antwortete ganz ruhig: «Liebe Frau Meier. Wenn die ›Neger» heimgehen, wer pflegt Sie dann?»

Und noch zu meiner zweiten Quelle, einem Artikel im SPIEGEL. Dieser  ging der Frage nach: Wo gab es die ersten Menschen? Wohin  sind sie gewandert? Wir könnten nun stundenlang darüber reden. Nur ganz kurz dies: Die «Wiege der Menschheit» stand mit grösser Wahrscheinlichkeit in Afrika. Von dort wanderten im Laufe der Jahrtausende Menschen in den Nahen Osten, nach Zentralasien in Länder wie Usbekistan oder dann nach Rumänien,  schliesslich in unsere Region.

Fällt Ihnen bei dieser Aufzählung etwas auf: Afrika, nahöstliche Länder wie Irak, Zentralasien, Rumänien. Aus allen diesen Gegenden kommen Flüchtlinge und Migranten zu uns. Sie nehmen den genau gleichen Weg unter die Füsse wie vor 10 00 oder 15 000 Jahren unsere Vorfahren. Die ersten Schweizer entstanden nicht auf dem Rütli, auch wenn uns dies gefiele.

Der Verfasser des Artikels zog die ebenso originelle wie kühne Schlussfolgerung: Die Migrations- und Flüchtlings-Bewegungen von heute sind im Grunde Familienzusammenführungen. Im Klartext: Manche  Verwandte unserer Vorfahren, die damals in Afrika, Zentralasien usw. geblieben sind, kommen heute zu uns. Es sind unsere Verwandten.

Es lohnte sich, einmal darüber nachzudenken. Vielleicht gerade in der Fastenzeit.

(Predigt. Allweg  und Pfarrkirche Ennetmoos NW)

Der tamilische Luzerner Klosterkoch Moorthy | © GFX
13. März 2019 | 21:15
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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Ein Gedanke zu „Fasten = Umdenken

  • Othmar Noggler sagt:

    Lieber Walter,
    Hauptsache, die angetönte Verwandtschaft sind keine welschen Fascisten; das wäre echte Buße.
    Herzlich
    Othmar

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