Gian Rudin

Esoterische Wunderwelten

Eines der unzähligen esoterischen Schlagworte lautet: Innerlichkeit. Damit kann die unhintergehbare Wichtigkeit der eignen Erfahrung im Erkenntnisprozess angesprochen sein oder auch das nur einem Kreis von Eingeweihten zugängliche Sonderwissen eines konspirativen Geheimbundes. Von zentraler Bedeutung ist die Opposition von Innerem und Äusserlichkeit. Wenn nun gewisse als esoterisch zu qualifizierende Gruppen, wie die sich selbst Reinheit bescheinigenden südfranzösischen Katharer, welche wiederum von einem sich der Reinheit der Lehre verschrieben Inquisitionstribunal verfolgt wurden, zur Ablehnung aller äusserlichen Erscheinungsformen tendieren und somit die materielle Welt insgesamt abwerten, so ist dies eine mögliche Form esoterischer Wirklichkeitsdeutung. Andererseits frönen gewisse im esoterischen Dunstkreis beheimatete Praktiken einem magischen Materialismus und suchen das Heil in der Vergöttlichung endlicher Dinge. Die entsprechenden Kenntnisse sind aber nur einer exquisiten Gruppe von Begünstigten zugänglich. Die schon lange andauernde Suche nach dem Stein der Weisen und die dazugehörigen alchemistischen Experimente sind Zeugnisse hierfür. Der Wunsch nach der Wiederverzauberung der Welt im Angesicht der zweckrationalen Funktionalisierung unserer Wirklichkeit ist ein verständliches Anliegen. Hinter dem Zählbaren das Ewige zu entdecken, diese Sehnsucht beflügelt den Menschen immer wieder. Ein weiteres Kennzeichen des esoterischen Weltbildes ist das Denken in Entsprechungsverhältnissen. Im Makrokosmos des Universums sind die mikrokosmischen Strukturen der Seele entzifferbar. Der Blick in die Sterne gewährt Aufschluss über die Verwindungen der Persönlichkeit. In diesem Sinne gab es auch christliche Versionen der Astrologie. In der Schöpfung Gottes, dem Buch der Natur, gibt es bildhafte Hinweise, die der Schöpfer darin verborgen hat, damit der Mensch sie ent-decken darf. Die Aufgabe der Aufmerksamen ist es den Schleier der Symbole zu lüften und so zu einem Verständnis der komplexen Zusammenhänge in der Welt zu gelangen. Ein Blick in die Unausweichlichkeit der Zukunft ist damit aber nicht gegeben. Die Zukunftsschau und Spekulationen über Fruchtbarkeit und Liebensglück ist kein Gegenstand der ursprünglichen Astrologie, wohl aber einer minderwertigen Effekthascherei.  

Die Seele als Tummelplatz esoterischer Spekulation

Das Konzept der Seele ist aufgrund mangelnder Veranschaulichung ein zäher Brocken für die Verdauungsarbeit der Gehirnwindungen. Eine mögliche Übersetzung aus dem Griechischen kann mit Lufthauch wiedergegeben werden, das macht die Sache nicht gerade präziser. Die Luftigkeit des Konzepts macht es zwar anschlussfähig für verschiedenste Interpretationsmöglichkeiten, darin liegt aber gerade auch dessen Achselzucken auslösendes Moment begründet. Indem man seit Sokrates davon ausging, dass die Seele sich vom materiellen Körper des Menschen abtrennen kann, erfand man dessen geistige Innenwelt. Später bei Platon verweist die Seele auf den himmlischen Ursprung des Menschen im Reich einer reinen, übermateriellen Ideenwelt. Die menschliche Seele ist von dort in die Kerkerhaft der Körperlichkeit hinabgesunken. Erinnert sei hier an das wirkmächtige Höhlengleichnis. Die philosophische Weiterentwicklung des Platonismus entwickelt daraus ein ausgeklügeltes System von Aus-und Rückflussdynamiken. Diese Vorstellungen prägen auch esoterische Vorstellungen von Erlösung. Die Seele ist hier auf Erden für ein kurzes Gastspiel, ihre eigentliche Heimat befindet sich in einem lichtdurchfluteten Empyreum. Eine weitere Station auf dem Weg des Sinnierens über die Seele war die an der Universität zu Jena um 1800 betrieben Naturphilosophie. Das Werden in der Natur führt zu Rückschlüssen über ein in ihr wirksames Prinzip, welches wiederum göttlichen Ursprungs ist. Dieses göttliche Energie gilt es nun in der gesamten Schöpfung aufzuspüren, sie ist das Band welche alles Seiende miteinander verbindet. In diesem Kontext findet sich die Rede vom Äther, jenem geistigen Kraftquell, der alles durchwirkt. Die beseelte Natur lässt auch in Goethe ein Jauchzen emporsteigen, der die Vorstellung einer zarten Empirie entwickelt und das Göttliche auch in Steinen und anderen anorganische Materialien zu finden hoffte. Die Entdeckung des unausweichlichen Zusammenhangs von Materie und Geist erhält in der Folgezeit auch durch die Entdeckung der Radioaktivität und anderen elektromagnetischen Phänomenen Auftrieb. Gerade hier knüpft dann der Okkultismus an, welcher die verborgenen und übersinnlichen Manifestationen des Seelenlebens ans Licht bringen will. Okkultistische Bestrebungen sind also ganz auf die Frage konzentriert, an welcher bereits Faust sich die Zähne ausgebissen hat: Was die Welt im Innersten zusammenhält. Das Zauberwort für die letzttragende Einheit der Wirklichkeit wird in der neueren Esoterik mit illustren Begrifflichkeiten versehen: Sei es das aus dem indischen Kulturraum stammende Prana, die eher molekular angehauchte Vorstellung einer Seelenstrahlung mittels der Od-Kraft oder die aus der Überschwänglichkeit eines Orgasmus abgeleitete Orgon-Energie des Psychoanalytikers Wilhelm Reich. Auch die im obigen Bild veranschaulichte Vorstellung eines animalischen Magnetismus als Quelle einer ominösen Heilkraft hat hier ihren Ursprung. Die Seele und deren eigentümliche Undefinierbarkeit ist ein geeigneter Ausgangspunkt verschiedenartiger esoterische Vorstellungskomplexe. Aus der intensiven Beschäftigung mit sogenannt primitiven Kulturen erlangten man auch immer mehr Einblicke in deren Weltbilder. Die Vorstellung einer den individuellen Tod überdauernden Entität schien dabei ein gemeinsamer Nenner sich ansonsten doch stark unterscheidender Denkmuster. Diese Entitäten wirken gleichsam in der ganzen Natur und damit kommt dieser als ganzer eine unantastbare Würde zu. Für die Charakterisierung wurde der Begriff des Animismus in die Wissenschaftssprache eingeführt. Die Vorstellung, dass allen Dingen eine unsichtbare Seelenkraft innewohnt kann dann auch Verhaltensweisen wie den Veganismus prägen. Die praktischen Konsequenzen im Umgang mit einer sakralen Natur äusseren sich in verschiedenen Handlungen, die wiederum mit dem Etikett des Schamanismus bezeichnet sind. Schamanische Vollzüge zielen auf eine Veränderung des Bewusstseinszustandes ab und streben danach, mit allen den Kosmos bevölkernden energetischen Geistwesen in Verbindung zu treten und damit die Befangenheit des individuellen Bewusstseins zu überschreiten. Diese Transgression kann auch mittels psychedelischer Substanzen wie Ayahuasca erfolgen.

Im Graubereich zwischen dunkelgrün und braun

Der 1962 erschienenen Bestseller Silent Spring, welcher die zerstörerischen Auswirkungen des Pestizids DDT einer breiten Öffentlichkeit vor Augen führte, ist ein Gründungsdokument der Umweltschutzbewegung. Die Kritik an der destruktiven Kraft des zivilisatorischen Fortschritts ist von einem animistischen Tiefenstrom unterspült. In der Wahrnehmung der Natur kann sich eine mystische Erfahrung einstellen. Rachel Carson, die Autorin des oben genannten Werkes, schildert in einer sehr persönlichen Betrachtung einer Küstenlandschaft in einem anderen ihrer Bücher, die Beobachtung einer kleinen Krabbe, in welcher sie in einem Augenblick spiritueller Intuition die den Kosmos durchdringende Lebenskraft ergründet. Ein weiterer Grundzug eines esoterischen Weltbildes ist die Durchmischung von Wissenschaft und Spiritualität. Wissenschaftliche Beobachtungen zu den Gezeiten mischen sich mit animistischen Deutungen der gemachten Observationen. Die Autorin gewinnt in dieser Erfahrung eine Sensibilität für die Unergründbarkeit gewisser Phänomene. Die Rede vom greening of releigion meint die stärkere Gewichtung ökologischer Problemfelder in Bezug auf religiös motiviert moralisches Handeln. Die Schöpfungsspiritualität von Papst Franziskus ist hierfür ein schönes Beispiel. Die Betonung liegt beim Menschen als höchstem Verantwortungsträger innerhalb einer hierarchisch gedachten Schöpfungsordnung. Das elendige Verrecken mancher Nutztiere zum Vertrieb von billigem Fleisch unter der Aufsicht des Menschen ist eines Wesens nicht würdig, dass sich als Krone der Schöpfung und Ebenbild Gottes verstanden wissen will. Es gibt jedoch auch eine Tendenz hin zu dem was man im Fachjargon als dark green religion bezeichnet. Hierbei wird die Natur sakral überhöht und in den Staus des Heiligen gehievt. Die Beseeltheit der Natur dient als Paradigma einer pantheistischen Frömmigkeit, die keine qualitativen Unterschiede in der Schöpfung mehr anerkennt und das Göttliche als integrierter Bestandteil eines allumfassenden Naturheiligtums begreift. Damit ist leider auch ein möglicher Abdrift in den Sumpf brauner Ideologie mitgegeben.

Das Spektrum der völkischen Esoterik gleicht einem unzähmbaren Wildwuchs. Die im postsowjetischen Raum entstandenen Anastasia-Bewegung atmet ebenfalls einen kruden Ökospiritualismus. Propagiert wird die Heilkraft des heimatlichen Bodens, welcher von den Verunreinigungen des Fremden geschützt werden muss. Natürlich hat in diesem Weltbild der Jude als Parasit unter den Nationen die bekannte negative Statistenrolle. Die Ruhelosigkeit des umhervagabundieren Judenvolkes und die Verantwortung für die kapitalistische Misshandlung der Erde sind nur zwei von vielen nicht todzukriegenden Ressentiments, die in den unzähligen antisemitischen Welterklärungsformeln umhergeistern und immer wiederkehren. Auch ein Blick auf den relevantesten Nazi-Ideengeber Alfred Rosenberg fördert Schauerliches zu Tage. Im Ringen um die deutsche Identität im Zuge deren permanenter Infragestellung seitens des französisch-linksrheinischen Gegenparts wurde seit der Romantik um ein artgerechtes Verständnis der germanischen Seele gerungen. Die Eigenständigkeit des Deutschen beruhte anfangs vor allem auf der gemeinsamen Sprache und dementsprechend krampfhaft erwies sich die Suche nach einer wirkmächtigen Symbolsprache zur Konstituierung nationaler Einheit. Der Wald wurde dabei zu einem mystischen Ort deutscher Selbstvergewisserung. Die Eiche als Sinnbild teutonischer Wiederstandfähigkeit hat auch einen prominenten Platz in der Bonifatius-Überlieferung. Als dieser auf seiner Wanderschaft durch Nordhessen die dem Gott Thor geweihte Donareiche fällen lässt, will er wohl das Ende der menschlichen Knechtung unter die willkürlichen Naturgewalten ausdrücken, welche durch die germanischen Gottheiten in Erscheinung treten. Rosenberg begründet in seiner Lehre das Ideal eines in den Vaterlandsboden eingewurzelten Menschen, wobei die Rassengeschichte als Verzahnung von Naturkunde und Seelenmystik erzählt wird. In einem weiten Ausgriff auf die Naturgeschichte der menschlichen Entwicklung entwirft er das Bild des deutschen Seelenadels. Die Tendenz des deutschen Geistes zur innigen Naturbetrachtung und die Befähigung zum mystischen Vitalismus grenzen den fälschlicherweise mit den Ariern identifizierten Germanen von dem verweichlichten Semiten in aller Schärfe ab und begründen ein Unterwerfungsverhältnis, welches sich in den Verbrennungsöfen von Auschwitz konsolidiert hat. Natürlich hat der rassistische Antisemitismus seine Wurzeln unter anderem auch in der christlichen Judenfeindschaft. Mit dem von der SS zelebriertem Neuheidentum kommt im Dritten Reich eine weitere Spielart des Judenhasses auf, welche bis heute Nachwirkungen zeigt. So lassen sich dann auch die sich in der National Socialist Black Metal-Szene grosser Beliebtheit erfreuenden T-Shirts mit dem Aufdruck Odin statt Jesus auf die esoterische Urversuchung hin verstehen, das Geschaffene mit dem Ewigen gleichzusetzen. Bei allem Verständnis für die Leidenschaft esoterischer Welterklärung, eine theologische Prüfung der Inhalte lohnt sich allemal.

Animalischer Magnetismus
4. Juli 2020 | 14:31
von Gian Rudin
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