Walter Ludin

Es gibt auf der Welt noch andere Probleme als Corona

«Wenn Sie eine Mutter wären in der zerbombten syrischen Stadt Idlib, was würden Sie tun?» Helmut Prantl, lange Zeit Mitglied der Chefredaktion der «Süddeutschen Zeitung/SZ», München, stellte diese Frage vor einigen Tagen in seinem Newsletter. Es scheint mir wichtig, dass wir die katastrophale Lage der Asylsuchenden in den Zeiten der Corona nicht vergessen.

Prantl erinnert daran, wie die Menschen in Idlib leben. Einst gab es dort 160’000 Einwohner; nun leben hier eine Million Menschen «im Chaos». Das Regime betrachtet die Menschen in Idlib als Landesverräter, auch die Zivilisten, auch Frauen und Kinder. Angst geht um, schreckliche Angst.

Prantl stellt dann nochmals die Frage: «Wenn Sie eine Mutter wären, was würden Sie tun? Sie würden, irgendwie, irgendwo, mehr Sicherheit suchen. So viel Sicherheit wie möglich. Vor allem für Ihre Kinder.»

Ich möchte diese Fragen weitergeben an I.P.. Sie hat kürzlich in einem Leserinnenbrief dringendst dazu aufgerufen, endlich die Hilfe für Flüchtlinge einzustellen. Wir hätten ja mehr als genug zu tun im Kampf gegen Corona. Ich fand diese Argumentation herzlos, egoistisch.
Frage an die Väter
Herbert Prantl, nach wie vor einer der profiliertesten deutschen Journalisten, stellt eine Frage an die Väter:
«Was würden Sie tun, wenn griechische und europäische Sicherheitskräfte Sie mit Tränengas beschiessen? Wenn scharf geschossen wird, um Sie am Überqueren der Grenze zu hindern? Und was würden Sie hoffen, wenn Sie auf der Flucht ihre Kinder verloren haben? Was würden Sie hoffen, wenn Sie Kinder irgendwo in dreckig-unsicherer Sicherheit glauben, in einem Lager auf den griechischen Inseln Lesbos, Kos oder Samos? Was wären Ihre ersten Gedanken, wenn Sie überhaupt nicht mehr wüssten, ob und wo Ihre Kinder leben? Was wären Ihre letzten Gedanken, wenn Sie, als Familie zersprengt, spüren, dass es mit Ihnen selbst Ende geht nach all den Strapazen?»

Sehr gute Fragen! Ich habe ähnliche schon öfter in meinen Predigten gestellt. Etwa: «Wenn Sie in Afrika Vater von fünf Kindern wären, arbeitslos. Die Kinder hungern. Würden Sie nicht daran denken, sich in ein Land zu begeben, in dem Überfluss herrscht. Und wenn Sie dort wären und schnöde als Wirtschaftsflüchtling bezeichnet würden; als einer der es auf Kosten der Schweiz ein schönes Leben machen will. Ja, wie würden Sie sich dann fühlen?»

© Rainer Sturm/pixelio.de
25. März 2020 | 12:40
von Walter Ludin
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