Karin Reinmüller

Erlösung für Galaxien, Viren und andere Geschöpfe

Der für diesen Sonntag vorgesehenen Lesung (Römerbrief, Kapitel 8, Verse 18-23) konnte ich als Physikerin nicht widerstehen, also gab es eine Predigt über das Universum und uns, Grundlage für diesen Artikel.

Was schätzen Sie, wie viele Menschen insgesamt schon auf der Erde gelebt haben, von der Steinzeit bis heute? Es sind etwa 100 Milliarden. Und was meinen Sie, wie viele Galaxien es im Universum gibt? Das ist etwas schwieriger zu bestimmen, aber eine geschätzte Untergrenze sind mindestens 100 Milliarden. Das heisst, für jede von uns gibt es im Universum eine Galaxie, von denen jede mehrere Hundert Milliarden Sterne enthält, von denen der eine oder andere vielleicht Planeten enthält, auf denen Wesen leben, die sich wie wir die Frage nach Gott stellen.


Wir kennen die Schöpfung, von der Paulus spricht, in erster Linie als bedrohte Natur. Wir lernen zur Zeit, dass es auch Geschöpfe gibt, die für uns bedrohlich werden. In den Lockdown-Wochen, die für mich nicht einfach waren, hat mir der Gedanke sehr geholfen, dass das Corona-Virus ein Teil der Natur ist, dass es solche Krankheitserreger immer mal wieder gegeben hat und geben wird, und dass selbst eine Pandemie, die uns so bedeutsam erscheint, im Gesamt des Universums etwas Winziges ist.


Paulus schreibt auf eine eigenartige Weise von einer Parallelität zwischen uns und der Schöpfung, nämlich folgendermassen: Wir Menschen leiden, wir fügen einander Leid zu, wir erleben Verletzung und schmerzhafte Verluste – all das Leid fasst Paulus darin zusammen, dass wir vergänglich sind, noch nicht «erlöst», wie er sagt, noch nicht offensichtlich Töchter und Söhne Gottes. Ebenso wie wir leidet auch die Schöpfung, auch sie wartet darauf, erlöst zu werden, befreit zu werden von der Vergänglichkeit. Und zwar die gesamte Schöpfung, angefangen beim Stern, der eine riesige, heisse Plasmawolke ist. Ich finde den Gedanken sehr passend, dass nicht nur wir Menschen, sondern jeder Teil der Schöpfung auch Anteil am Geist Gottes hat, entsprechend seiner Komplexität – eine Gaswolke hätte dann nicht viel, ein Virus etwas mehr, ein intelligentes Tier noch mehr. In ähnlicher Weise könnte man sagen, dass jeder Teil der Schöpfung leidet, zu einem gewissen Grad. Und zwar leidet unter Verletzung und Verlust, die durch die Naturgesetze entstehen. Das Virus, das uns gerade so viel Leid bringt, kann nicht denken, es sucht einfach einen Wirt, um sich vermehren zu können. Aber nach dieser Vorstellung leidet die Schöpfung darunter, dass sie nur funktionieren kann, indem sie anderen Leid zufügt. Paulus würde sagen, die Schöpfung leidet unter der Vergänglichkeit, genau wie wir Menschen.


Und dann entwirft er ein grossartiges Bild: Nicht nur wir, sondern auch die ganze Schöpfung soll vom Leid befreit werden. Dieses Bild steht radikal im Gegensatz zur Vorstellung, dass wir nach unserem Tod ewiges Leben in einem Himmel haben werden, der mit dieser materiellen Welt nichts zu tun hat. Denn genau diese Welt wird ebenfalls erlöst, findet ebenfalls «ewiges Bestehen», auch wenn sie nicht lebt.


Nach dem, was wir heute über das Universum wissen, sieht seine Zukunft eher düster aus – es dehnt sich immer schneller immer weiter aus, was dazu führt, dass es in vielen Milliarden Jahren noch viel riesiger als jetzt sein wird, aber nach heutigem Wissen sehr kalt und dunkel. Wobei Überraschungen möglich sind – wir kennen heute weniger als 5% des Universums, von 95% wissen wir nur, dass diese Materie bzw. Energie da sein muss, aber wir wissen nicht, was das ist.


Wie Gott die Schöpfung erlösen wird, wissen wir also nicht. Was wir wissen ist: Diese Welt ist Gott wichtig und wir sind mit ihr verbunden. Und zwar auf eine spezielle Weise verbunden: Wir sind nicht nur Geschöpfe, wir sind jetzt schon, wie Paulus schreibt, «Söhne Gottes». Es kann sein, dass Paulus, als er das geschrieben hat, wie so häufig die Frauen einfach ignoriert hat, mir gefällt jedoch ein anderer Gedanke besser: Der «Sohn Gottes» ist bei Paulus Jesus Christus – und wenn er schreibt, dass wir «Söhne Gottes» sind, was erst in Zukunft offenbar werden wird, dann gibt er uns eine Stellung, die sehr nahe an Jesus, den Sohn Gottes, herankommt, der schon bei der Erschaffung der Welt mitgewirkt hat. Und das bedeutet, dass wir nicht nur Geschöpfe sind, sondern mit-Schöpferinnen und Schöpfer sein können, dürfen und sollen. Aufgerufen, die Schöpfung zu verändern, zu der Gestalt, in der sie in Ewigkeit bestehen kann.

Die Milchstrasse – unsere Heimatgalaxie Bild: Felix Mittermeier auf pixabay
12. Juli 2020 | 20:45
von Karin Reinmüller
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