Heinz Angehrn

ein Jahrhundert ge-/ver-schlafen ?

Die katholische Kirche und die soziale Frage

Nächsten Donnerstag erscheint unsere zweite Nummer des Jahres, also die SKZ 02/2020, zum Oberthema «Die Arbeiterfrage». Mehrere Spezialisten/innen (T.Wallimann, Ethik / C.Dora, Schweizer Kirchengeschichte / B.Degen, Schweizer Sozialgeschichte / M.Bauer, Biographie D.Day) beschäftigen sich mit einer spannenden Epoche der Kirchengeschichte, den Umbrüchen rings um die Jahrhundertwende 19./20.Jh., als die katholische Kirche realisierte, dass sie mit der rasant wachenden Anzahl an in städtische Gebiete zugezogenen und nun dort lebenden Arbeitern (wie die Artikel aufzeigen, arbeiteten nach dem Umzug vom Land in die Städte fast nur noch die Männer, und das traditionelle ländliche Familienbild mit seinen Rollen änderte sich abrupt) einen grossen Teil ihrer traditionellen «Klientel» verlor, ja noch schlimmer, dass diese Menschen von der Kirche zunächst fast unbemerkt teilweise in Armut, Elend und Alkoholismus absanken. Die Enzyklika «Rerum novarum» entstand 1891, die Bemühungen der St.Galler Bischöfe Egger und Schweiwiler um katholische Arbeiterorganisationen folgten ihr.

Unsere Spezialisten formulieren im Wesentlichen eine These mehrmals: Die katholische Kirche hatte fast ein halbes Jahrhundert ver/geschlafen und die dramatischen sozialen Veränderungen nicht zur Kenntnis genommen. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts waren nämlich Pioniere der sozialen Forschung noch auf klar biblisch-christlichem Fundament stehend, erst mit Marx und Engels entstand eine explizit religionskritische, ja -feindliche, Deutung. Erst wie es ihnen ideologisch an den Kragen ging, begannen de Oberhirten zu reagieren und zu schreiben. T.Florentini und A.Kolping etwa waren noch einsame Rufer in der Wüste gewesen. Warum dieses nicht Realisieren und Reagieren, das so gar nicht zum neutestamentlichen Grundbotschaft des Achtens auf die Randständigen und Bedrängten passte? Die Biographie von Dorothy Day, von Moni Egger aufgearbeitet, illustriert diese Frage.

Ich erlaube mir eine These in den Raum zu stellen, die von den Autoren/innen auch angesprochen wird. Im Gefolge des Machtverlustes, den die Kirche einerseits durch die Französische Revolution materiell-politisch und andrerseits durch die aufkommenden freien Human- und Naturwissenschaften geistig-ideologisch erlitt, war sie wieder einmal in der Geschichte damit beschäftigt, die Reihen zu schliessen, Irrlehren abzuwehren (Syllabus) und den eigenen Machtanspruch (Vaticanum I) auzubauen, ohne darauf zu achten, wie es ihrer Basis eigentlich ging.

Und so realisierten katholische Arbeiter um die Jahrhundertwende, dass es die nicht kirchlich-religiös getragenen Gewerkschaften waren, die sich für ihre Belange einsetzten. Die «Hirten» hingegen waren mehrheitlich damit beschäftigt, Machtpositionen und Alleinigkeitsansprüche zu verteidigen, die nichts, aber rein nichts, mit der Lebenswelt ihrer «Schäfchen» zu tun hatten. (Selbst ich durfte dies noch erleben: Es war der VHTL, die linke Gewerkschaft, die meinen Eltern half, das erste Geld für meine Ausbildung aufzutreiben. Der Präses der KAB hatte beim Hausbesuch entrüstet die Stube verlassen, wie er von der Zugehörigkeit meines Vaters zur Gewerkschaft hörte…)

PS: Um es klar zu formulieren: In der evangelischen Kirche war es ja fast noch schlimmer, hier paktierte der grössere Teil der Pfarrerschaft mit den liberal-materiellen Gewinnern der wirtschaftlichen Entwicklung. Man lese nur etwa Gottfried Keller – «Das verlorene Lachen» von 1874 – und Jakob Bosshart – «Ein Rufer in der Wüste» von 1921. Einsame Rufer wie L.Ragaz wurden als marxistische Abweichler beurteilt. Aber wir sind hier unserer Geschichte verpflichtet.

Da der Zweck von Geschichte ja nicht Selbstzweck ist, sondern dazu dient Vergangenheit zu verstehen und so Zukunft zu gestalten, erlaube ich mir die abschliessende Frage:
Welche gesellschaftlich relevanten , sprich den Menschen direkt betreffende Fragen und Entwicklungen, verschläft die Kirche wohl zu Beginn des 21.Jahrhunderts, weil sie wieder einmal damit beschäftigt ist, Machtpositionen abzusichern?



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26. Januar 2020 | 12:00
von Heinz Angehrn
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