Celia Gomez

Eat, Pray, Ecuador

Mein Vater stammt aus Ecuador, da ich aber in der Schweiz und in Italien aufgewachsen bin, sind kulturelle «Clashs» bei meinen Aufenthalten in diesem schönen Land jeweils vorprogrammiert. Diesen Sommer sind mir zweierlei Dinge besonders aufgefallen: Die Esskultur und die Religion.

Ecuador ist im Vergleich zu anderen Ländern Lateinamerikas relativ klein, jedoch fast sechs Mal so gross wie die Schweiz. Geographisch teilt sich das Land in vier «Grossregionen»: Die Küste, das Hochland, der Amazonas und die Galapagos Inseln. Obwohl Spanisch die offizielle Amtssprache ist, werden noch einige lokale Sprachen gesprochen, wie z.B. Kichwa.

Meine Familie wohnt im Hochland auf ca. 2500 m.ü.M., wie ich zu Beginn meines Aufenthaltes erschöpft feststellte, als ich bereits nach zwei Etagen Treppen steigen völlig ausser Atem war.

Die Hauptstadt Quito zählt zu den höchst gelegenen Städten der Welt und ist neben Guayaquil und Cuenca eine der kulturellen, wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Zentren.

Meerschweinchen gefällig?

Je nach Region variiert auch die Küche. Eine Spezialität aus den Anden ist «Cuy»: gebratenes Meerschweinchen. Bestimmt schmecken sie lecker, aber beim Anblick der kleinen Pfötchen brachte ich es einfach nicht über mich, davon zu probieren.

Essen ist ein wichtiges Ereignis in Ecuador, es wird viel Fleisch, Mais, Kartoffeln und Reis konsumiert. Wer dies eintönig findet, kann auf den Markt gehen und sich zwischen den fast 200 verschiedenen Sorten Kartoffel und der grossen Vielfalt an Mais entscheiden.

Vegetarische Mahlzeiten zu bekommen ist schwierig, selbst wenn einige junge Leute in Quito inzwischen vermehrt auf Fleisch verzichten. «Er ist so arm», lacht Sebastian über Carlos, als dieser am Mittag nur Reis mit Kartoffelplätzchen isst. Carlos steht jedoch schon längst darüber, nur seiner Mutter konnte er seinen Fleischverzicht noch nicht beichten. «Sie würde mich für verrückt halten!», meint er.

Es wird auch mengenmässig viel gegessen, besonders wenn man eingeladen ist. Nach einem Tag bei meiner Familie fühlte ich mich bereits kugelrund und dem gegrillten Meerschweinchen konnte ich nur knapp «dank» einer Magenverstimmung entgehen.

Sonnengott und Heiliger Johannes

«Glaubst du an Gott?» Diese Frage habe ich oft und von verschiedenen Menschen in Ecuador gehört, von meiner Tante, über Freunde bis hin zum Taxifahrer. Es ist ein Thema, das viele EcuadorianerInnen interessiert und beschäftigt. «Religion ist wichtig!», betont meine Tante. In ihrem Wohnzimmer blicken mir verschiedene Heilige aus Bildchen entgegen und auf dem Fernseher steht eine kleine Madonna.

Auf den ersten Blick wirkt Ecuador sehr katholisch und nichts scheint mehr an die vorchristliche Vergangenheit zu erinnern. Ausser am 21. Juni, am Fest für «San Juan» (Heiliger Johannes) oder, wie einige es (wieder) nennen: «Inti Raymi» (Sonnenfest). Dieses Fest stammt aus der Inka-Zeit, als dem Sonnengott Inti gehuldigt wurde. Mit der Missionierung wurde das Fest umbenannt in San Juan und bis heute ist es eines der beliebtesten Feste der Anden. Es werden Kostüme getragen, Gruppen von Musizierenden ziehen durch die Städte und Dörfer, alle tanzen die ganze Nacht durch.

Weniger sichtbar, doch immer präsent in kleineren Städten und Dörfern sind die MedizinerInnen. Sie helfen gegen alles und ihre «Praxis» ist ausgestattet mit Bildern von Jesus, inkaischen Gottheiten und den eigenen Vorfahren. Diese Art von «Volksmedizin» wird von vielen genutzt und auch mit Schulmedizin kombiniert, wie z.B. im «Hospital Andino».

Die katholische Kirche erfährt vor allem von jungen EcuadorianerInnen viel Kritik. «Heute Abend treffe ich mich mit meinen Leuten: Einer ist Atheist, einer ist homosexuell, ein anderer ist Muslim. Aber sie sind alle meine Freunde!», sagt Sebastian zu mir. Wie viele Studierende hat er die engen Konventionen der katholischen Kirche in Ecuador satt. «Ich glaube, dass da eine Kraft ist, welche uns alle erschaffen hat», meint Gaby, «aber ich kann nicht glauben, dass Priester nicht heiraten dürfen, weil sie Gott dienen». Auch die Vergangenheit ist für viele ein Thema: «Die Spanier haben uns das Christentum aufgezwungen, vorher hatten wir unsere eigene Religion, den Glauben an die Sonne», argumentiert Armando. «Die Kirche sollte sich einfach nicht in unsere Politik einmischen, Staat und Religion sind zweierlei Dinge», ist der Grundtenor bei den meisten.

Einzigartig gemischt

Trotz der harten Kritik von vielen jungen Leuten ist das Christentum ein wichtiger Teil der Identität der meisten EcuadorianerInnen. Dies ist sichtbar durch die Kathedralen, Kirchen und Ordensleute – oder durch die Inneneinrichtung meiner Tante. Dahinter verbergen sich aber dennoch Reste der inkaischen Religion: Inti Raymi, andine Medizin und Legenden über Vulkane, die sich in Seen verliebten.

Diese Mischung macht Ecuador zu etwas Einzigartigem, das ich so sehr liebe, selbst wenn ich mit meiner europäischen Prägung nicht immer alles verstehe. Die Menschen, ihre Lebenseinstellung, die Musik und das Essen begeistern mich jedes Mal so sehr, dass ich am liebsten dort bleiben würde.

Vielleicht würde mir sogar gegrilltes Meerschweinchen schmecken…

Quitos Altstadt | © Gomez, Celia
9. November 2016 | 22:40
von Celia Gomez
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