Dreizehn gute Jahre
Rückblick auf die Intendanz von Andreas Homoki
Nachdem er von 2002 bis 2012 als Nachfolger von Harry Kupfer an der Komischen Oper in Berlin viel beachtete Arbeit geleistet hatte, wechselte Andreas Homoki 2012 an das Opernhaus Zürich. Diese Ära wurde vor einer Woche festlich beendet und Homoki im Alter von nun 65 Jahren verabschiedet. Ich erlaube mir als emsiger Besucher des Opernhauses einen Rückblick und eine Würdigung, die sich im Unterschied zu anderen meiner Texte hier um möglichst hohe Objektivität bemühen. Alles andere wäre unseriös, nachdem ich in meiner Eigenschaft als redaktioneller Mitarbeiter der Schweizerischen Kirchenzeitung Herrn Homoki sowohl zum Start seines «Ring»-Projekts interviewt (SKZ 21/2022) wie nach Abschluss desselben auch eine Rezension (SKZ 14/2024) geschrieben habe.
Homoki trat 2012 die Nachfolge eines Business-Intendanten an. Alexander Pereiras Intendanz (1991-2012) war geprägt von einer gewaltigen Anzahl an Neuinszenierungen pro Saison, von Mäzenatentum und von Starkult, so dass der Rubel rollte, die berühmten Gäste sich die Klinke in die Hand gaben und notgedrungen eine gewisse Beliebigkeit – «anything goes» – aufkam. Mit der Personalie Homoki war dies vorbei, zumal man mit ihm die seltene Spezies des selber inszenierenden Intendanten engagiert hatte. Stil und Inhalte der Arbeit am Haus änderten sich bald, die Anzahl der Neuinszenierungen wurde reduziert (im Schnitt zwei pro Saison vom Chef selber), die Sänger/innen hatten mit der Regie zusammenzuarbeiten, es wurde mehr riskiert (auch mit speziellen Werken der Moderne und des Barock) und das Ballett (zuerst unter Christian Spuck, dann neu unter Cathy Marston) war absolut gleichberechtigter Partner.
Natürlich gab es auch einzelne Missgriffe, die Namen Tatjana Gürbaca (mit zwei szenisch hässlichen Verdi-Inszenierungen, «Rigoletto» und «Aida») und Calixto Bieito (mit seinem Blut- und Maso-Stil, etwa in «Eligobalo» und «L’incoronazione di Poppea») stehen dafür. Doch solche üblen Erlebnisse waren unter Homoki in der Minderzahl. Die Mehrheit der Inszenierungen und Choreographien waren stilbildend und brachten Zürich aus dem Ruf des Beliebigen und zu internationalem Renommee. Trotz der gestiegenen Erwartungen an die Solisten gab es Sternstunden zu hören, etwa mit Michael Volle, Diana Damrau, Piotr Bezcala und Elina Garanca. Allerdings gestattete es leider auch Homoki einigen wenigen Stars, die sich für unersetzlich halten, höhere Gagen einzustreichen (der Herr Flores und die Damen Bartoli und Netrebko). Die Operette erhielt wieder ihren gebührenden Platz im Repertoire und dies auf hohem NIveau.
Wenn ich nun von einigen Höhepunkten der Ära berichte, ist dies subjektiv und nicht abschliessend. Zunächst verbinde ich es mit drei Namen: Christian Spuck, Barrie Kosky und Andreas Homoki himself. Spucks Choreographien waren liebe-und humorvolle Fortführungen der grossen Tradition, nicht ins hässliche Gezappel der Postmoderne, sondern Anfragen an die Jetztzeit, etwa «Romeo und Julia», «Dornröschen» und «Winterreise». Andreas Homoki zeigte sich im Barock (»Iphigénie en Tauride»), in der Moderne (»Wozzeck», «Lunea»), im klassischen Fach (»Carmen», «Nabucco», «Fidelio», «Salome») und in der Operette (»Land des Lächelns») als intelligent-hinterfragender und nie zu Eskapaden neigender Universalgebildeter. Seine Wagner-Inszenierungen (»Der fliegende Holländer» und der ganze «Ring») waren darum die Höhepunkte der Intendanz. Und schliesslich Barrie Kosky! Was dieser Magier auch in die Finger nahm, wurde zu Gold, das immer wieder anders glänzte (»Eugen Onegin», «Macbeth», «Boris Godunow», «Die lustige Witwe» u.v.m.).
Dann gab es viele einzelne Sternstunden, etwa «The turn of the screw» (B.Britten/W.Decker, 2014), «Platée» (JP.Rameau/J.Mijnssen, 2024) und «Arabella (R.Strauss/R.Carsen, 2020) und und und …
Zum humorvollen Abschluss: Am Rand meines Interviews sagte Herr Homoki, dass er mit dem Belcanto als Epoche nicht allzu viel anfangen könne. Wie ich zurückfragte, warum er denn Bellinis «I puritani» (einer der schlimmsten Opern-Handlungen überhaupt mit einer mehrfach in den Wahnsinn fallenden Koloratur-Dame) inszeniert habe, antwortete er betrübt, er habe dies aufgrund eines Ausfalls tun «müssen». Die Inszenierung war dann auch eine seiner wenigen fragwürdigen; unter einem Hamsterrad wurde geliebt, gezürnt und geköpft.
(Seine Würdigung titelt Christian Wildhagen, der NZZ-Kritiker, im Beitrag vom 15 d.M. mit «Mission erfüllt».)
Foto: Die Götterfamilie in Homokis «Rheingold» im nicht trauten Zusammensein, der Filou-Bruder Loge im Element, Zürich 2022
Die Rechte sämtlicher Texte sind beim Katholischen Medienzentrum. Jede Weiterverbreitung ist honorarpflichtig. Die Speicherung in elektronischen Datenbanken ist nicht erlaubt.



