Die «Grossen Fürbitten» des Karfreitags
Wir erinnern uns: Mit der liturgischen Erneuerung im Gefolge des Zweiten Vatikanums ging auch eine recht radikale Neuordnung der Liturgie der heiligen Woche, der «settimana autentica» in der Sprache der ambrosianischen Liturgie, einher. Die Feiern der Chrisammesse am Morgen des Hohen Donnerstags, die Abendmahlsliturgie an ihrem Abend und vor allem die üppig neu gestaltete Feier der Osternacht als einer quasi «Monster-Vigil» zum Sonnenaufgang am Ostermorgen haben seitdem ganze Generationen von Gottesdienstbesuchern (und auch von kleinen Ministranten, wie ich es damals war) geprägt und fasziniert.
Eine Sonderstellung im Gesamt der Liturgie der Karwoche nimmt nun der Karfreitag ein. In dominant katholischen Gebieten (wie hier im Tessin) ist er gar kein Feiertag, sondern gewöhnlicher Arbeitstag (dementsprechend wird während des Tages nur an wenigen Orten ein Gottesdienst gefeiert und dafür am Abend eine Kreuzweg-Andacht gehalten). Wo er aber aus Rücksicht auf die Bedeutung dieses Tages in den evangelischen Kirchen ebenfalls Feiertag ist, wird er zum Mittelstück des «Triduum Paschale» und brachte eine der eigentümlichsten Liturgien der Kirche hervor. So wurde lange Zeit in ihr auch eine Kommunionfeier eingebettet, die bei uns in der Deutschschweiz aber wohl nicht mehr üblich ist.
(Der hier Schreibende ist übrigens der inzwischen gefestigten Überzeugung, dass es weit sinnvoller wäre, an diesem Tag überhaupt auf eine liturgische Feier in grösserem Ausmass zu verzichten und statt dessen in grossen Kirchenräumen Bachs Johannes-Passion und in kleinern Kirchen diejenige von Heinrich Schütz aufzuführen. Doch das ist nur die private Meinung eines Pensionärs, der auch die Auffassung vertritt, dass manche Werke der Musikgeschichte – insbesondere die erwähnten Passionen, die Sinfonien Anton Bruckners, der «Parsifal» von Richard Wagner und viele der Requiems, etwa von Verdi, Brahms, Dvorak und Britten – auch Liturgie sind.)
Ein ganz heikler Teil der neuen Karfreitagsliturgie sind nun die so genannten «Grossen Fürbitten», die üppigsten und längsten des ganzen Kirchenjahres. In ihnen wird quasi für das «Gesamte», also für alles, was der Kirche wirklich wichtig ist, gebetet. Und da gab und gibt es immer eine eigene Bitte für das Judentum. Die Tradition ist bis heute geblieben, und sie tangiert ein ganz heikles Thema, ja ist in der Diskussion mit der Piusbrüderschaft zum eigentlichen «status confessionis» geworden. Wurde nämlich bis zur Erneuerung noch für die Juden als besonders Verworfene und Abgefallene (in der Nachfolge des Redens von den «Gottesmördern») gebetet:
«Lasset uns auch beten für die treulosen Juden, dass Gott, unser Herr, wegnehme den Schleier von ihren Herzen, auf dass auch sie erkennen unsern Herrn Jesus Christus … Allmächtiger ewiger Gott, du schließest sogar die treulosen Juden von deiner Erbarmung nicht aus; erhöre unsere Gebete, die wir ob der Verblendung jenes Volkes vor dich bringen: Möchten sie das Licht deiner Wahrheit, welches Christus ist, erkennen und ihrer Finsternis entrissen werden. Durch ihn, unseren Herrn.»
so erkannte man im Verlauf der Jahrzehnte den abscheulichen Gehalt dieser Bitte und revidierte ihre Formulierung radikal:
«Lasst uns auch beten für die Juden, zu denen Gott, unser Herr, zuerst gesprochen hat: Er bewahre sie in der Treue zu seinem Bund und in der Liebe zu seinem Namen, damit sie das Ziel erreichen, zu dem sein Ratschluss sie führen will … Allmächtiger, ewiger Gott, du hast Abraham und seinen Kindern deine Verheißung gegeben. Erhöre das Gebet deiner Kirche für das Volk, das du als erstes zu deinem Eigentum erwählt hast: Gib, dass es zur Fülle der Erlösung gelangt. Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.»
Ein Vorschlag von Papst Benedikt XVI. aus dem Jahr 2008, wieder darum zu beten, dass die Herzen der Juden «erleuchtet» werden, damit sie den wahren Retter Christus «erkennen», wird bis heute sehr kontrovers diskutiert.
Wir merken uns: Antisemitismus und Antijudaismus sind noch nicht überwunden, sie gehören wohl leider zu unserer christlichen DNA.
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Karl Stadler sagt:
Ja, dieser Geist gehört zu unserer DNA. Und er scheint neuerdings auch wieder in verstärktem Masse zur DNA Europas, keineswegs nur des politisch rechts stehenden Europa, zu gehören. Dieser Geist wurde uns von klein auf in subtiler Weise eingetrichtert, ganz in der Denktradition, die das Christentum über all die Jahrhunderte beherrschte.
Ratzinger hat sich auch letztes Jahr in einer kleinen Publikation über das Verhältnis von Juden und Christen teilweise etwas verfänglich geäussert. Und selbst wenn man die jüdischen theologischen Begründungen nicht mitträgt, es zählt nicht zwingend zu seiner Aufgabe, sich aus theologischer Warte zur Existenzbegründung des Staates Israel in Palästina zu äussern, wie er das auch schon getan hat. Er soll sich auf die völkerrechtliche Begründung beschränken und zur theologischen schweigen!
Es ist im Grunde überhaupt nicht einzusehen, warum Christen am Karfreitag eine Fürbitte explizit für die Juden, wie auch für andere Glaubensrichtungen, einlegen sollten, sind doch Gebete nicht selten mit einer auf Wahrheit ausgerichteten, und damit gegenüber andern Glaubensrichtungen abwertenden Konnotation behaftet.
Ob überhaupt messianische Erwartungen, in Verbindung mit eschatologischen Vorstellungen, unbesehen religiöser oder säkularer Herkunft, in der Geschichte nicht mehr Unheil verursachten statt den Menschen bei der Bewältigung der Kontingenz Hifestellung zu bieten?