Heinz Angehrn

Die «Doktrin»

Nachdem die in Würzburg erscheinende konservativ-katholisch ausgerichtete deutsche Wochenzeitung «Die Tagespost» in unserer SKZ grosse Inserate schaltete und auch einen Werbezettel einheftete (und nebenbei in einem Artikel weit hinten auch über uns in der SKZ berichtete – übrigens schlecht recherchiert, wozu sie meinen Leserbrief aber prompt abdruckten und sich bei den Redaktorinnen sogar schriftlich entschuldigten), nutzte ich das freundliche Angebot zu fünf Gratis- und Probenummern… So werde ich bis Ende Juli hier nun immer wieder mal Bezug auf Artikel in diesem Organ nehmen, das mir bisher wenig bekannt war und sich anscheinend theologisch, ekklesiologisch und ideologisch weit entfernt von meiner Gedanken- und Ethik-Welt (als Absolvent der liberalen Luzerner Fakultät, Kantianer und GLP-Mitglied) bewegt. Gerade solche intellektuelle Konfrontation aber tut gut.

Ich nehme hier nun Bezug auf die erste mir zugesandte Ausgabe, exakt die Nummer vom 16.Mai. Erster Eindruck: Breites Spektrum der Themen, auch Beiträge zu Kultur und Theater, Rezensionen zu Lesenswertem, Und mitten drin (S.28) – man glaubt nicht recht zu lesen – ein wohlwollender Beitrag des Jesuiten Jörg Alt zu den aufsehenerregenden Thesen des Juso-Chefs Kevin Kühnert zum Thema Kapitalismus-Kritik. Ansonsten konsequent auf «kirchen-rechts» getrimmt, aber anständig im Tonfall und sauber in der Argumentation. Die Themen Christenverfolgung, Abtreibung, atheistische Gesellschaft und verbürgerlichte Religion dürfen so nicht fehlen.

All dies – bis auf die Beurteilung von Kühnert (der immerhin offen schwul lebt) – überrascht wenig. So suchte ich nach dem Zuckerl in der Ausgabe und fand es wohl: Geschickt von Chefredakteur Oliver Maksan (S.8) eingeleitet, indem er schreibt, dass Generationen deutscher Bischöfe verantwortlich dafür seien, dass in der Kirche nach Reformen von unten gerufen werde, indem zu lange ängstlich-zögernd bloss moderiert statt regiert wurde, kommt auf S.9 (Interview durch Regina Einig) Kardinal Gerhard Müller zu Wort.

Und da geht es dann heftig zur Sache. Lassen wir mal weg, dass Frau Einig den Mann mit Eminenz anspricht (ein grober Verstoss gegen die Lehre Jesu, darauf kommen wir gleich zu reden…), aber was Herr Müller (immerhin mal Professor, Bischof und Chef der Glaubenskongregation) da von sich gibt, ist ungeheuerlich. Bis dato hätte ich solche Aussagen von einem deutschen Intellektuellen des 20./21. Jahrhunderts für nicht möglich gehalten.
(Aber nun verstehe ich endlich, warum Bischof Ivo Fürer die «Doktrin» so wichtig war.)

Herr Müller nimmt Bezug auf die konservative Kritik (»Dubia») an Papst Franziskus, gibt vor, ihn zu verteidigen, aber tritt ihm subtil immer wieder hinten rein, indem er dessen «Freunde» als relativierende und «selbstsäkularisierende» Ideologen bezeichnet, denen (so liest sich durch die Blumen) Franziskus immer wieder zu viel Gehör gibt. Was ist für Herrn Müller nun die absolute Wahrheit, das depositum fidei, hinter die auch ein Papst nicht zurück darf? Um die Frage geht es doch uns allen. Das Neue Testament, die ethische Lehre des Religionsgründers? Nein, ich zitiere gerne im vollen Wortlaut: «Weil die Weisungen der kirchlichen Oberen inhaltlich in Schrift, Tradition, in der definierten Glaubenslehre der Kirche verankert sind», «die Selbstoffenbarung Gottes, der durch die Heilige Schrift, die Apostolische Tradition übermittelt und von der ganzen Kirche und besonders dem Lehramt der Bischöfe … unverfälscht und unverkürzt ausgelegt wird.» Die Katze beisst sich in den Schwanz, nicht etwa das Weiterdenken und Weiterlehren der Botschaft Jesu in neue Zeiten und Kulturen hinein schafft Zukunft und Hoffnung, sondern die ständige Repetition einer (philosophisch und sprachphilosophisch) zeitgebundenen und in vielen Teilen vor der Aufklärung entstandenen Deutung der Schriften des Anfangs. Nun, wenn jeder Bischof hoffen darf, dass derart sein Lehren gleich aus der Selbstoffenbarung des Ewigen stammt, verstehe ich einiges besser. (Übrigens auch Drewermanns These vom übergestülpten neuen Ich…)

Gnädig betont Müller schliesslich, dass Papst Franziskus wohl kein Häretiker sei. Ja: Denn der Häretiker, der hier spricht, ist auf Basis der Aussagen Jesu wohl seine Eminenz. Nur schon, weil er sich nicht gegen die Anrede wehrt!

 

Katalonien
20. Mai 2019 | 10:00
von Heinz Angehrn
Lesezeit : ca. 2  Min.
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Ein Gedanke zu „Die “Doktrin”

  • Karl Stadler sagt:

    Audiatur et altera pars! Ein kurzer Zwischenruf zugunsten von Gerhard Müller, obwohl sich dieser sicher selber bestens zu wehren wüsste, mag hier angebracht sein. Rede und Gegenrede, das gehört sich doch auf einer kirchlichen Plattform, wenn es um Anklagen geht.
    Mich dünkt, Sie gehen als Ankläger recht hart mit Müller ins Gericht, Herr Angehrn. Ich kenne das Interview zwar nicht (keine “Aktenkenntnis”), weiss daher nicht, was er alles über Franziskus oder die Fortschrittlichen gesagt hat. Dass er teilweise eher dem konservativen krichlichen Lager zuzurechnen ist, und damit für manche wohl ein wenig als rotes Tuch gilt, gerade auf dem Hintergrund der brennensten innerkirchlichen Konflikte wie Eucharistie und geschiedene Wiederverheiratete, kirchliche Sexualmoral, Pflichtzölibar, Frauenordination, Homilie usw., wird sicher zutreffen. Dass manche dieser offiziellen kirchlichen Lehramts-Haltungen quer zur derzeitigen gesellschaftlichen Entwicklung in der westlichen Welt liegen, ist wohl trivial.
    Ihr Zitat aus Müllers Interview: “Weil die Weisungen der kirchlichen Oberen inhaltlich in der Schrift, der Tradition, der definierten Glaubenslehre verankert sind”, “die Selbstoffenbarung Gottes, die durch die heilige Schrift und die apostolische Tradition übermittelt und von der ganzen Kirche und besonders vom Lehramt der Bischöfe…unverfälscht und unverkürzt ausgelegt wird”. Es will scheinen, dass solche Meinungsunterschiede und Dispute ganz allgemein eine Herausforderung, vor die sich jede Religion, zumindest jede Offenbarungsreligion gestellt sieht, ist! Der Unterschied zwischen Müller und den progressiven Schrift-Interpreten liegt doch wohl letztlich einzig darin, dass der Kardinal für das Sanctum officium die kirchenrechtlich normativ festgelegte Lehrautorität in Anspruch nimmt. Anderseits wäre mir noch nie eine Publikation, die in der fortschrittlichen Denkungsart beheimatet ist, unter die Augen gekommen, die nicht ebenso mit demselben autoritativen Anspruch auf Wahrheit an die Leute gerichtet ist. Das war ja bereits beim Juden Jesus so, der die Schriftgelehrten, aber auch die Bewegung der Pharisäer, teilweise massiv anfeindete, weil deren Denken und Lehren nicht gänzlich seinen Auffassungen entsprach. Und solche immer wiederkehrenden Konflikte, welche vielleicht einer menschlichen Universalie entsprechen, haben sich bereits in der frühesten christlichen Kirchengeschichte genauso herausgebildet wie analog in andern Religionen.
    Es erscheint vielleicht als gewagt, Müllers Denken deswegen hauptsächlich als “voraufklärerisch” zu verorten. Man muss nicht einmal intensiv recherchieren, um festzustellen, dass auch der Begriff “Aufklärung” in keiner Weise weniger umstritten ist. Das Beispiel der aktuellen gesellschaftspolitischen Diskussion um gewisse Fragen im Kontext von Integration und Migration zeigt dies überdeutlich. Aber auch, wie klassische Aufklärungsdenker wie Kant, Mendelssohn, Shaftesbury, Diderot, Voltaire u.a. heute zum Teil verschieden gelesen und interpretiert werden, legt ein beredtes Zeugnis dafür ab.
    Und gehen Sie nicht ein bisschen weit, wenn sie Müller implizit bereits ins Lager der Häretiker verstossen, bloss weil er offenbar im von Ihnen zitierten Interview die Anrede “Eminenz” , ein Relikt aus dem frühen Mittelalter, nicht abwehrte? Daraus irgendwelche persönlichen Rückschlüsse zu ziehen erscheint doch etwas voreilig. Zu seinem Buch “Armut. Die Herausforderung für den Glauben”, erschienen 2014, wo Müller auch auf den Begriff der menschlichen Person zu reden kommt in einer Interpretationsart, die schwerlich als voraufklärerisch gewertet werden kann, hat Franziskus ein bedenkenswertes Begleitwort geschrieben, das den letzten Absatz so beginnt: “Ich bin deshalb Seiner Eminenz Gerhard Ludwig Kardinal Müller, Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, dankbar, der mit dem vorliegenden Buch uns an all das erinnern will….”

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