Die Demo
Immer noch angeregt von den Diskussionen der letzten Wochen an diesem Orte schiebe ich eine zusätzliche Kurzgeschichte nach und bitte um Geduld bei denen, die sich langsam ob des zu Subjektiven nerven.
Der junge Mann, von dem «Die Aushebung» erzählte, wurde dann nach Jahren, die in meinem Büchlein nicht als Suchen und Wirren, sondern ganz umgekehrt als «Honeymoon» bezeichnet wurden, einer dieser «geliebten Söhne» von Mutter Kirche, wie es der damals schon im Amt stehende JP II so schön formulierte. Deshalb kann der etwas schlaksig wirkende Tonfall der Erzählung nicht beibehalten werden, mit 17 ist man nicht immer verantwortlich, mit 30 aber schon.
Die Versuche zur Anpassung an die bürgerliche Welt scheiterten mehrmals und jämmerlich, gesellschaftlich, militärisch und beziehungsmässig. Wir waren inkompatibel, diese internalisierte Bürgerlichkeit des katholischen Milieus und meine Ideale und Vorstellungen von der Tätigkeit. Heidi Seiler betrachtete dies von der Seitenlinie und jubelte wohl. Das Bistum machte sich daran, meine Akte zu eröffnen und zu füllen. Pfarrer Meinrad Gemperli (noch lebend) jedoch, mein «Chef», resignierte mit der Zeit und machte sich daran, die Skandale zu mildern und meine zu politischen Predigten und meine Aktionen zu decken. Ich danke ihm herzlich, auch wenn er Teil des «Systems» war. Nur als ich einst vorschlug, bei der Eröffnung des ersten McDonald in St.Gallen mit Buttersäure einen markanten geschmacklichen Kontrapunkt zu setzen, verbot er es mir kurzerhand. Ein Spass wäre es wohl geworden. Noch immer verstand ich mich irgendwie als Bestandteil der linken Szene. Doch:
Nun zur Demonstration. Die schöne Baumreihe am St.Galler Burggraben, gegenüber dem Kanti-Park, sollte verschwinden, weil darunter eine gewaltige Tiefgarage errichtet werden sollte. Alle demokratischen Initiativen, Referenden und Rechtseinsprüche hatten nichts genützt, die Bäume wurden letztendlich brutal gefällt. Der Tag X stand bevor. Die grüne Partei der Stadt St.Gallen, damals noch klein und im Aufbruch, hatte die höchst kreative Idee, eine letzte Demo gegen dieses Baumsterben als eine klassische New-Orleans-Trauerfeier zu gestalten. Hinter einer Jazz-Band, die im besten Sinn an «St.James infirmary» von King Louis erinnerte (und natürlich an die Eröffungssequenz von «Live and let die» von 1973), zogen die Trauergemeinde, die politisch Aktiven und die Schaulustigen ein letztes Mal um die Bäume und trafen sich dann zum Demo-Abschluss hinter dem Waaghaus (dem Gemeinderatssaal der Stadt). Dort war nun eine Abdankung (der Bäume) gefragt, und für eine Abdankung brauchte es ja einen Kirchenmann. Ich als Verdächtiger war schnell gefunden, und ich sagte zum Schrecken von Familie und beruflicher Umgebung zu. Selbst diese beiden Gruppen waren kritisch inspizierend dann auch vertreten.
Nun juckte es mir schon lange in den Fingern, eine meines Erachtens unglaubliche Unglaubwürdigkeit der linksgrünen Szene ansprechen zu können, und da ich von der um eine Trauerrede gefragt würde, sagte ich zu und kam schnell zur Sache: Ich sprach also über die schönen Bäume, die da dem Moloch Verkehr geopfert werden sollten, auch über die Geringschätzung der Natur, die wir überall spürten, wendete dann das Blatt und sprach über die Geringschätzung des Lebens überhaupt, speziell diejenige des menschlichen ungeborenen Lebens, das eigenartigerweise Gruppen und Parteien, die sonst jedes Blümchen schützten, nicht als schützenswert galt. Was ist schlimmer, fragte ich, der Spruch «freier Verkehr für freie Bürger» oder der Spruch «mein Bauch gehört mir». Die Gesichter versteinerten sich, die Stimmung war wirklich beerdigungsmässig. Ich ging ohne Verdankung, aber hoch erhobenen Hauptes nach Hause.
Merke: Anpassung gibt es überall, nicht nur nach rechts, sondern auch nach links.
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stadler karl sagt:
Vehementer concedo!
Daniel Ric sagt:
Vielen Dank für diese Erzählung. Ich habe auch nie verstanden, weshalb die ökologische Bewegung, die Flora und Fauna so viele Rechte einräumen will, nicht auch den Menschen in all seinen Lebensphasen verteidigt. Wenn wir es nicht schaffen, die Würde des Menschen zu achten, zweifle ich daran, langfristig Verbesserungen hinsichtlich der Ökologie zu erreichen. Dieses Beispiel zeigt aber auch die Widersprüchlichkeit des menschlichen Denkens und Handelns. Immer mehr komme ich zum Schluss, dass wir als Menschen es ohne Gottes Gnade nicht schaffen können, konsistent zu denken und zu handeln. Wir alle – mir geht es auf jeden Fall so – verstricken uns immer wieder in Widersprüche. DERJENIGE, dessen Denken, Reden und Handeln kein Widerspruch war, war ein Widerspruch für die Welt und landete deshalb ans Kreuz. Für mich ist die einzige Chance, als Christ authentisch zu leben, diese Widersprüche einzugestehen, sie auszuhalten und sie Gottes Barmherzigkeit anzuvertrauen. In diesem Sinne – Ihnen Herr Angehrn und allen anderen Lesern ein frohes Osterfest.