Walter Kirchschläger mit seiner Frau Heidi und dem Wiener Weihbischof Helmut Krätzl © Archivbild Walter Ludin, Wien 2008.
Walter Ludin

Die Bibel erklärt

Lebendige Pfarreien trotz Priestermangel

(Dieses Jahr predige ich nicht am Hohen Donnerstag. Ich reise nach Kreta, um für vier Sonntage für Touristen mehrsprachige Gottesdienste zu halten. Im Blog bin ich trotzdem voraussichtlich wöchentlich präsent.)

Er versteht es ausgezeichnet, die Aussagen der Bibel für die Lösung aktueller Probleme fruchtbar zu machen: Walter Kirchschläger, der ehemalige Professor für Neues Testament an der Uni Luzern. Im vergangenen November hielt der gebürtige Wiener in seiner Heimatstadt ein ausführliches Referat über die Frage, wie Pfarreien in den Zeiten des Priestermangels lebendig bleiben/werden können. Hier einige Abschnitte und meine Kurzkommentare dazu.

«Die Kirche in Korinth»

Zuerst eine persönliche Erinnerung: Walter Kirchschläger war mehrmals als Lektor tätig, in Eucharistiefeiern, denen ich in der Agglo Luzern vorstand. Er leitete die Perikopien der Paulusbriefe ein mit: «Aus dem Brief des Apostels Paulus an die Kirche in Korinth …»

In seinem Vortrag sagte er: «Es ist Ihnen vielleicht aufgefallen, dass ich die Bezeichnung ›Kirche’ im Singular und im Plural verwende. Das ist keine Zufälligkeit, sondern es verdankt sich dem neutestamentlichen Befund. Paulus adressiert sein Schreiben ›an die Kirche Gottes, die in Korinth ist’ (1 Kor 1,2) …

Die Pluralanrede im Galaterbrief (›an die Kirchen Galatiens’) einerseits und die Verwendung des Kirchenbegriffs im Philemonbrief (›an die Kirchen deines Hauses’) zeigt das vielfältige Verständnis von ekklesia, vor allem aber das Strukturprinzip der frühen Ortskirchen, die sich aus mehreren Hauskirchen zusammensetzen und jeweils  dort, an ihrem Ort,  kirchliches  Leben  entfalten.  Die Kirchen der neutestamentlichen Frühzeit sind nicht top-down (von oben nach unten), sondern bottom-up (von unten nach oben) organisiert.

Die jeweilige Grösse einer Hauskirche folgt vermutlich den örtlichen Vorgaben, sprich: den Möglichkeiten des Versammlungsraumes. (…)

Der Alltag, der Gottesdienst am Ersten Tag der Woche, geschieht in der Hauskirche, ebenso wie die soziale Sorge untereinander, das Teilen und Mitteilen von ›Freude und Hoffnung, Trauer und Angst’ im Leben der einzelnen Christinnen und Christen.»

Dazu zwei Zwischenbemerkungen:

  • Für Kirchschläger ist es logisch, dass man auch hierzulande eine Pfarrei als «Kirche» anreden darf: «An die Kirche in Luzern …». Damit wird deutlich, dass die christlichen Gemeinden eine eigene Würde haben und nicht bloss Filialen einer Filiale (Diözese) Roms sind.
  • Als ich vor Jahren den Vorschlag machte, Messen in Häusern oder Gemeinschaftszentren eines Quartiers zu feiern, fand eine fromme Ordensschwester dies als eine teuflische Eingebung, da ich die Leute aus der Kirche (den Kirchengebäuden) herausholen wollte.

Überall Konflikte

«(…)Dass dies alles nicht immer so klappt, wie es soll, wissen Sie. Es wäre in der Kritik des Paulus an den korinthischen Kirchen an Parteiungen und Streit nachzulesen, die schon den Briefanfang in 1 Kor 1, weitergeführt in Kap. 3 und sodann 1 Kor 11 bestimmen. Uneinigkeit und Streit sind so gewichtige Störfaktoren, dass Paulus mit schwerem Geschütz argumentiert …»

Walter Kirche fügt hinzu, die oben erwähnte Kirchenstruktur sei keineswegs die einfachste Strukturform. Doch sie passe zur «Bekenntnisgemeinschaft um den Kyrios Jesous Christos passt! Denn nur sie ermöglicht unmittelbare Kommunikation untereinander, Sorgfalt und Beziehungspflege.»

Persönliche Bemerkungen

Der Referent tönt es an: Konflikte gehören nicht erst in der «Neuzeit» zur Kirche. Schon ihre Anfänge sind davon geprägt. Als ich einmal hintereinander drei zufällige Stellen des Neuen Testaments aufschlug, handelten alle drei von Konflikten …

Zu den eingangs erwähnten Gottesdiensten mit Walter K.: In einer Messe sass er mit zwei kleinen Enkelkindern. Eines davon schrie öfters laut. Als ich Walter einige Monate später traf, sagte er: «Seit diesem Gottesdienst wollte ich dich eigentlich anrufen.» Ich fragte mich, ob ich in meiner Predigt einen exegetischen Blödsinn verzapft habe. Nein: «Ich wollte dir danken, dass du meinen Nachwuchs ertragen hast.»

Fortsetzung mit Auszügen aus dem Referat folgt.

Walter Kirchschläger mit seiner Frau Heidi und dem Wiener Weihbischof Helmut Krätzl © Archivbild Walter Ludin, Wien 2008.
18. April 2019 | 07:14
von Walter Ludin
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