Gian Rudin

Die Ambivalenz des Predigens

Papa don’t preach – Madonnas emanzipativer Gestus

Im Spätherbst 2009 resümiert die Queen of Pop im Rolling Stone Magazine ihre damaligen Beweggründe zur Wahl des obigen Titels, der Mitte der 80er zu einem Hit avancierte, und macht den starren (katholischen) Konservativismus ihres Vaters für den illustren Titel verantwortlich. Der Text soll hier jetzt nicht in eine Stellungnahme bezüglich Abtreibungskontroverse ausufern, er will vielmehr Grundsätzliches zum delikaten Thema des Predigens sagen. Was ist das eigentlich, predigen? Ein sonderbarer kommunikativer Akt, der vorgibt von einer Metaperspektive her, von der abeghobenen und über-heblichen Warte einer Vogelsperspektive aus, die Dinge zu überblickend und adäqauterweise kategorisieren zu können. Belehrungen, Zeigerfingermoralität und gutgemeinte Verschlimmbesserungsvorschläge haben seit jeher einen schweren Stand. Niemand soll sich anmassen zu glauben, irgendwann im Leben in einen Weisehietsbrei gefallen zu sein und sich daher einbilden, er würde nun wie eine unausschöpfliche Quelle Scharfsinn sprudeln. Kritk ist ein wichtiger Bestandteil unserer aufgeklärten Kultur und die Zurückweisung von totalitären Bevormundungen ist überlebensnotwendig, dennoch: Gottesglaube impliziert Autorität. Keine autokratische Befehlshaberei, aber charismatische Potenz. Wenn es im 4. Gebot heisst, Vater und Mutter gebühren Ehre, dann ist dies auch eine Aufforderung zum Gehorsam. Gehorsam gegenüber Gott im Gehorsam gegenüber Sterblichen. Nicht alle menschliche Autorität ist diabolische Verblendung. Die heilsame Akzeptanz menschlicher Autoritätsfiguren hilft uns in der Zurücknahme unserer eigenen Machtgelüste. Predigen ist ein Anspruch, Wahrgaftiges zu verkündigen, der Aufrichtigkeit eine Stimme zu leihen. Auch wenn von der Kanzel her über die Jahrhunderte hinweg schändlichster Schabernack fabuliert wurde, so bleibt die transformative Kraft des Predigtwortes dennoch eine unverzichtbarer Horizont für den Glauben an die Auferstehung der Toten. Dieses Hoffnungswort kann nicht mit derselben gleichgültigen Nüchternheit in der Artikulation einer naturwissenschaftlich eruierten Tatsach erfolgen, es muss von Oben herab gepredigt werden, von dort oben wo Sternnenglanz schimmert anstatt Todesfäule modert.

Son of a Preacher Man – Dusty Springfields Wissen um die charmante Attraktivität des Predigens

preach me – reach me. Jemanden erreichen ist oft verbunden damit, jemandem etwas Neues, Ungehörtes oder immerhin Aufmunterndes zuzusprechen. Nicht einfach monotoner Informationsaustausch ist gefragt, sondern (Selbst)-Mitteilung. Das spornt an und betört. Dusty Springfield ist betört von sweet-talkin des Pastorensöhnchens. Komplimente sind prophetisch. Sie weisen dem Menschen einen Wert zu und stehen somit im Dienst der Schöpferkraft Gottes. Als Individuen sind wir allesamt unvergleichliche Unikate. Eine rein evolutionsbiologische Betrachtung unseres Menschseins kann uns diesen Zuspruch nicht geben und dies liegt auch nicht in ihrem Kompetenzbereich. Sie stellt fest und nicht auf. Die Sprache der Liebe ist predigend, indem sie dem Menschen mehr über sagt, als eigentlich gesagt werden kann. Predigen in diesem Sinne ist dynamisch, charismatisch, geist-getrieben. Und es ist charmant, denn es zaubert uns ein Lächeln ins Gesicht. So gleicht denn auch ein Prediger einem Magier, er vermag es mit Worten Realitäten zu erschaffen.

Grosse Freiheit, Hamburg © Gian Rudin
10. Juni 2017 | 06:37
von Gian Rudin
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