Markus Baumgartner

Der Westen hat aufgehört, seinen Glauben zu verlieren

Nach Jahrzehnten des steigenden Säkularismus hält das Christentum seinen Boden und gewinnt bei den jungen Menschen. In Grossbritannien spricht man sogar von «Quiet Revival» – einer stillen Erweckung. Die Trendwende ist auch in anderen europäischen Ländern feststellbar. Interessant ist, dass die Pandemie ein Auslöser für mehr Bekehrungen und Taufen bei den Jungen war. Erste Anzeichen für diesen Trend gibt es auch in der Schweiz. 

Die etablierten Kirchen im Westen verlieren ganz nach dem R.E.M-Hit «Losing my religion» seit Jahren an Bedeutung im gesellschaftlichen Leben. Doch zum ersten Mal seit einem halben Jahrhundert hat der Säkularismus gestoppt. Der plötzliche Stillstand und die mögliche Umkehr in einigen Ländern sind unerwartet. «Gemäss Umfrageinstituten in den USA, Kanada, Grossbritannien und Frankreich hat der verlangsamte Säkularisierungsprozess weniger damit zu tun, dass Menschen das Christentum verlassen. Der Grund liegt in der überraschenden Zunahme christlichen Glaubens unter jüngeren Menschen, insbesondere aus der Generation Z, die zwischen 1997 und 2012 geboren sind», schreibt das liberale Magazin «The Economist» in einem doppelseitigen Artikel. 

Sinnsuche der jungen Menschen
«Ich habe Alkohol ausprobiert, ich habe Partys ausprobiert, ich habe Sex ausprobiert… nichts davon hat funktioniert», sagt Eric Curry von der Pace University im «Economist». Er erzählt, was seine Altersgenossen über den Versuch sagen, Depressionen, Apathie und Einsamkeit zu überwinden: «Junge Menschen suchen intensiv nach der Wahrheit.» Eric Curry sagt, die kürzliche Taufe sei die beste Entscheidung seines Lebens gewesen. Den Grund für die Trendumkehr beschreibt der «Economist» so. «Die plausibelste Erklärung für den Wechseltrend ist die Covid-19-Pandemie. Lockdowns, soziale Isolation und wirtschaftliche Schocks betrafen fast alle Länder und Altersgruppen genau zu dem Zeitpunkt, als die Daten zu religiösem Glauben einen Wendepunkt erreichten. Dies galt insbesondere für die Generation Z, deren frühe Erwachsenenjahre gestört wurden und viele junge Menschen einsam oder depressiv zurückliessen und nach Sinn suchten. «Die Pandemie war wirklich ein Katalysator», sagt Sarah, eine 20-jährige Studentin an der Liberty University zum «Economist». Sie wuchs ausserhalb der Kirche auf und hat sich nach der Teilnahme an einer Bibelstudiengruppe über Zoom während des Lockdowns bekehrt. «Wahrscheinlich sind über 75 Prozent meiner Freunde, die Christen sind, seit der Pandemie Christ geworden.»

Covid-Pandemie als Beschleuniger
Der Trend scheint über die Turbulenzen der Covid-19-Pandemie hinaus fortzuwirken: In drei Umfragen von 2023 bis 2024 stieg der Anteil junger Amerikaner, die sich als Christen identifizieren, von 45 auf 51 Prozent. Die Nicht-Gläubigen fielen um vier Punkte auf 41 Prozent. An der Harvard-Universität, einem progressiven Bastion, nahmen in diesem akademischen Jahr die Hälfte der Studierenden an einer von einem Seelsorger geleiteten Veranstaltung oder religiösen Zeremonie teil. Tammy McLeod, eine Seelsorgerin an der Universität seit 25 Jahren, sieht in Covid-19 ebenfalls einen Wendepunkt: «Die Menschen hatten genug davon, allein zu sein.» Seitdem sind «unsere Zahlen höher und brechen nach dem Semesterbeginn nicht ab.» Seelsorger an anderen Universitäten beobachten Ähnliches. In allen 14 westlichen Ländern, die vom Meinungsforschungsinstitut Pew untersucht wurden, gaben mehr Menschen (oft doppelt so viele) an, dass ihr Glauben durch die Pandemie gestärkt und nicht geschwächt wurde. 

Trendwende in ganz Europa
Ähnliche Kräfte wirken auch anderswo. In Spanien, Portugal, Italien und Finnland sind die Menschen heute nicht weniger christlich als 2019, zeigt die Economist-Analyse von grossen europäischen Umfragen. Der Anteil der Menschen im Westen, denen Religion in ihrem täglichen Leben gemäss Meinungsforschungsinstitut Gallup wichtig ist, fiel zwischen 2006 und 2019 stetig. Doch in den letzten fünf Jahren hat sich dieser Wert stabilisiert. Wie in Amerika ist der Rückgang der religiösen Austritte und die Erneuerung unter den Jungen dafür verantwortlich. Die aktiven Austritte aus der Schwedischen Kirche sind in den letzten fünf Jahren gesunken, und Taufen unter jungen Erwachsenen haben sich seit 2019 mehr als verdoppelt, erklärt Andreas Sandberg, der das Kirchenregister führt. Eine Umfrage «The Quiet Revival» (Die Stille Erweckung) von YouGov und der Bibelgesellschaft zeigt, dass die Generation Z in England und Wales das Interesse am Christentum und den Kirchgang wiederbelebt. Besonders junge Menschen zwischen 18 und 34 Jahren – also Gen Z und Millennials – interessieren sich neu für den Glauben. Sie wollen nicht nur zur Kirche gehören, sondern auch beten, die Bibel lesen und sich sozial engagieren. Laut der Studie gehen vor allem junge Männer wieder vermehrt in die Kirche, weil sie dort Gemeinschaft finden und neue Freundschaften entstehen. 

Der Sprung ins Wasser
Da es heutzutage weniger «Tauf-Christen» gibt, identifizieren sich viele Generation Z zum ersten Mal in ihrem Leben damit. Einige tauchen direkt ein – im wahrsten Sinne des Wortes. In der Osternacht dieses Jahres wurden in der katholischen Kirche in Frankreich über 10’000 Erwachsene (+45 Prozent) und über 7400 Jugendliche im Alter von 11 bis 17 Jahren getauft – eine Verdoppelung gegenüber 2019. Die Taufen in Österreich und Belgien stiegen ebenso an. Auch in Norwegen verdoppelten sich die Zahl der Kircheneintritte auf 4000. In der Schweiz ist der neue Trend noch zaghaft zu spüren: Wie die kürzlich vom Bundesamt für Statistik veröffentlichte Studie «Sprache, Religion und Kultur» zeigt: Bei den Personen unter 25 Jahren ist der Glaube an einen Gott in den vergangenen zehn Jahren kaum zurückgegangen. Die regelmässige Lektüre heiliger Schriften aber auch spiritueller Inhalte ist bei der jüngsten Altersgruppe etwas gebräuchlicher als in den übrigen. Zudem glaubt die junge Bevölkerung am häufigsten an ein Leben nach dem Tod (57 Prozent). Zwei Beispiele von der Trendwende bei den Jungen zeigen die Abendgottesdienste des ICF mit 2000 und die Blessthun-Veranstaltungen in Thun mit über 700 jungen Leuten. Auch dort auch tauchen viele junge Menschen ein. 

Taufe_Copyright michael-glazier-IOQ6odpP-Y0-unsplash
1. Juli 2025 | 06:00
von Markus Baumgartner
Lesezeit : ca. 3  Min.
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2 Gedanken zu „Der Westen hat aufgehört, seinen Glauben zu verlieren

  • Michael Bamberger sagt:

    “Die Bedeutung von Religion hat einer Studie zufolge in jüngster Zeit weltweit dramatisch abgenommen. Betroffen sind auch bisherige religiöse Hochburgen wie Polen, die USA, Südkorea und Japan, wie der Münsteraner Religionssoziologe Detlef Pollack als einer der Autoren am Dienstag erklärte. Auch in den muslimisch geprägten Staaten in Nordafrika sowie der Türkei und dem Iran sei der Rückgang religiöser Bindungen zu beobachten.” (katholisch.de 1.7.25)

  • René Seydoux sagt:

    Ich bezweifle sehr, dass dieser Trent sehr lange anhält. Das Problem ist doch, dass die herkömmlichen Religionen einem kritischen Denken nicht gerecht werden. Bei den Juden ist es seit jeher ein ungeschriebens Gesetz, die Religion, das Wort Gottes nicht zu hinterfragen. Es gibt kaum ein “Gläubiger” der seine Religion auf Herz und Nieren geprüft hätte. Man Glaubt in der Regel weil es die Anderen auch tun oder weil es einem von Kindsbeinen so beigebracht wurde. Das hat während jahrhunderten, jahrtausenden bestens funktioniert. Mit der Aufklärung wurde den Menschen beigebracht, dass das keine gute Sache ist. Dass wir den kritischen Verstand erhalten haben um alles zu hinterfragen – auch die Religion. Ich glaube nicht, dass sich dieser Prozess jemals auhalten lässt. Auch die Menschen in den, vorwiegend südlichen Ländern, werden früher oder später zu dieser Einsicht gelangen! Wer die Religionen einer näheren Prüfung unterzieht, wird unweigerlich die Feststellung machen, dass all die vielen Aussagen, z.B. der Bibel oder auch des Korans auf äusserst wackeligen Füssen stehen. Praktisch alle Ereignisse haben praktisch ohne jeglichen Zeugen stattgefunden. Von allem Anfang an wurde nicht hunterfragt – was z.B. Jerusalem Priester damals sagten, behaupeten war einfacg war, pasta! Glaubt tatsächlich irgend ein Mensch, dass der mächtige Gott von uns heutigen Menschen auch so etwas erwartet? Für mich ist das schon fast eine Gotteslästerung. All das ändert jedoch nicht an der Tatsache, dass Gott uns Menschen das Leben geschenkt hat um seinem Willen gerecht zu werden. In gewisser Weise dreht sich alles einzig und alleine um die Tora, nicht um die Tora im wortwörtlichen Sinne. Wie alles hat auch sie sich verändert und muss den heutigen Umständen angepasst werden. Das wichtiste Gebot bleibt aber nach wie vor das Liebesgebot. Wir täten gut daran es über alles andere zu stellen und nicht immer wieder andere Prioriäten zu setzen. Religionen hin oder her, bis heute hat sich eigentlich nie jemand so richtif daran gehalten – alles andere war irgendwie wichtiger!

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