Celia Gomez

«Der Geruch des Paradieses»

Von Istanbul nach Oxford und wieder zurück. Von der pulsierenden Metropole der Türkei, dem Tor zwischen Ost und West in die jahrhundertealte Universitätsstadt Grossbritanniens. Es muss nicht immer mit dem Zug oder dem Flugzeug sein – manchmal genügt auch einfach, ein Buch aufzuschlagen, um in eine andere Welt einzutauchen. Gemütlich auf dem Sofa, mit einer Tasse Tee und einem guten Buch, das mich in unentdeckte Länder und zu unbekannten Kulturen trägt: Dies ist genau das Richtige was ich brauche nach einem langen Tag an der Universität, stundenlangen Recherchen in der Bibliothek und (un)produktivem Schreiben an der Bachelorarbeit.

Nachdem ich Elif Shafak am 15. November live im GDI-Institut des SRF «Sternstunden Philosophie» gesehen hatte, rannte ich am nächsten Tag sofort in die Buchhandlung um ein Buch von ihr zu kaufen.

Ihr jüngster Roman «Der Geruch des Paradieses» (original: Three Daughters of Eve) zog mich sofort in den Bann. Peri, Mutter von drei Kindern, wird in Istanbul urplötzlich an ihre Studienzeit in Oxford erinnert. Erinnerungen, welche sie bisher erfolgreich verdrängt hatte, kommen wieder auf: Ihre Freundschaft zu zwei sehr unterschiedlichen jungen Frauen und das Seminar «Gott» beim charismatischen Professor Azur – von einigen Studierenden vergöttert, von anderen verteufelt.

Die Sünderin, die Gläubige, die Verwirrte

An ihrem ersten Tag in Oxford trifft Peri Shirin, welche ihr die Universität und den Campus zeigt. Shirin ist Iranerin, jedoch seit ihrer Geburt viel mit ihrer Familie herumgezogen, sodass sie nicht weiss, wo ihre Heimat ist oder wo sie hin gehört. Sie ist überzeugte Atheistin und eine beständige, energische Rednerin.

Peri freundet sich auch mit Mona an. Diese ist gebürtige Ägypterin, jedoch in den USA aufgewachsen. Sie hat sich aus freien Stücken entschieden, ein Kopftuch zu tragen und engagiert sich für feministische Anliegen. Islam und Feminismus sind für sie kein Widerspruch.

Als die «Verwirrte», steht Peri in ihren religiösen Ansichten zwischen ihren beiden Freundinnen, wie sie auch schon immer zwischen ihrer religiösen Mutter und ihrem säkularen, kemalistischen Vater gestanden hatte. In hitzigen und leidenschaftlichen Diskussionen zwischen Mona und Shirin geht Peri unter und kann sich weder auf die eine, noch auf die andere Seite stellen. Sie stellt sich ihren Fragen über Identität, Religion, die Türkei und Gott, dabei fühlt sie sich immer mehr zu ihrem Professor Azur hingezogen. Als sie mit ihren beiden Freundinnen Mona und Shirin in einer Wohngemeinschaft landet, entdeckt sie ein Experiment Azurs dahinter.

Das letzte Abendmahl des türkischen Grossbürgertums

Diesen Titel gibt die 35jährige Peri in Istanbul der Party, zu welcher sie eingeladen ist und sich währenddessen an ihre Studienzeit in Grossbritannien erinnert. In einem Nebeneinander verschiedener Stimmen – die PR-Frau, der Schönheitschirurg, der Architekt und ein US-amerikanischer Manager – zeichnet sich ein Portrait einer elitären Festgesellschaft, die bei üppigem Essen über Demokratie als Zeit- und Geldverschwendung diskutiert. Die Gäste sehnen sich nach einer klugen und starken Führerfigur und einer milden Diktatur.

Als «Verwirrte» verkörpert Peri die heutige türkische Gesellschaft, welche zwischen dem säkularen Kemalismus und dem unter Erdogan wieder gestärktem Islam zerrissen ist, meint Elif Shafak. Als türkische Autorin über Politik oder Religion zu schreiben, ist ein riskantes Unterfangen. Von Orhan Pamuk als beste Autorin gelobt, welche die 90er Jahren hervorgebracht hat, wird Shafak von Nationalisten nicht mehr anerkannt, da sie inzwischen auf Englisch schreibt. Sie wurde sogar angeklagt wegen Verunglimpfung des Türkentums. Erdogan-treue Medien warfen ihr vor, dass sie als Kritikerin der türkischen Regierung von westlichen Mächten gesteuert werde.

Immerwährende Fragen, Suchen als Weg

Shafaks Buch gibt keine direkten Antworten auf alle Fragen, welche sich Peri stellt. Vielmehr regt es den Leser/die Leserin an, sich selbst mit diesen Fragen zu beschäftigen. «Es ist die Aufgabe eines Autors, Fragen zu stellen», meint Elif Shafak, «schwierige Fragen über schwierige Themen – um dann die Antwort dem Leser zu überlassen.»

Obwohl ich selbst keine Verbindung zur Türkei habe, reflektiere ich seither dennoch über das Thema Religion und Staat, Frauenrechte, Demokratie und Politik. Vor allem angesichts der Präsidentschaftswahlen in den USA, denke ich, dass sich viele Menschen nach einer starken Führungsperson sehnen, wenn sie unzufrieden sind, sich verloren und machtlos fühlen, egal welcher Gesellschaftsschicht sie angehören.

Als Studentin der Religionswissenschaft bin ich jeden Tag mit dem Thema Religion beschäftigt. Ich analysiere die Auswirkungen, welche Religion auf einzelne Personen, Gruppen oder die ganze Gesellschaft hat. Ich betrachte die Rolle von Religion im Japan des 19. Jh. und beschäftige mich mit religiösen Bildtraditionen. Doch die Frage nach Gott gehört nicht in mein Studium. Der Frage nach Gott gehe ich nach, wenn ich die Universität verlasse, im Zug fahre oder an einem kühlen Nachmittag durch den Wald laufe. Eine Antwort habe ich nicht gefunden, meine Ansichten ändern sich häufig und über die Jahre gesehen auch drastisch.

Ein fragender Geist ist letztendlich das, was nach der Lektüre des Romans bleibt. Es wäre übertrieben, wenn nicht sogar völlig irrsinnig zu glauben, eines Tages alle Antworten gefunden zu haben. So suchen wir immer weiter – nach Identität, Gott und Heimat…

Istanbul | © pixabay.com CC0
23. November 2016 | 18:47
von Celia Gomez
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