Heinz Angehrn

Beobachtung zur SKZ 20/2021

Als Präsident der Redaktionskommission der Schweizerischen Kirchenzeitung (SKZ) beobachte ich auch die Reaktionen, die bei uns publizierte Artikel auslösen. Und da fällt in neuerer Zeit insbesondere die Reaktion kirchlicher Rechtskreise (kath.net, Katholische Wochenzeitung) auf den Artikel «Wie Doppelmoral und Tabus wirken» in der SKZ 20/2021, S.480f, verfasst von Karin Iten und Stefan Loppacher, auf. Der Artikel erschien im Gesamt des Oberthemas «Kirchliche Sprache». Unser Auftrag an die Verfassenden war eine Analyse, inwiefern unsere kircheninterne Sprache die Aufarbeitung von sexuellen Übergriffen im kirchlichen Kontext beeinflusst/fördert/behindert.

Halten wir zunächst fest, wen die Redaktion der SKZ um diesen Beitrag gebeten hat. Frau Iten und Herr Loppacher sind die Präventionsbeauftragten im Bistum Chur und leiten zudem seit dem 1.Oktober im Auftrag der Schweizerischen Bischofskonferenz die Geschäftsstelle «Sexuelle Übergriffe im kirchlichen Umfeld», eine Aufgabe, die vorher seit 2002 vom jetzigen Bischof Joseph Bonnemain wahrgenommen wurde. Man kann also ganz sachlich festhalten, dass zwei kirchliche und von der offiziellen Kirche beauftragte Insider, die schon unter Bischof Vitus Huonder im Amt waren, angefragt wurden, keine ausserhalb der Kirche arbeitende und kämpfende Kritiker/innen.

Wenn nun diese beiden Gutachter in ihrem Text zu teilweise verheerenden Schlussfolgerungen gelangen, ich zitiere gerne im Original:

– «Mit den Pflichtzölibat setzt sich die Kirche … über sexuelle Menschenrechte ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hinweg.»
– «Grenzverletzungen und Übergriffe werden mit religiösen Argumenten verschleiert.»
– «Durch den eigenen Tunnelblick wurden und werden wissenschaftliche Erkenntnisse der Biologie, Medizin und Psychologie … selbstgefällig ignoriert.»
– «Die eigenen Wissenslücken werden hinter einem (vermeintlich) göttlichen Wissen versteckt oder mit, aus dem Kontext gerissenen , Bibelstellen getarnt.»
– «Göttliche Legitimation führt zu Immunisierung und Unantastbarkeit. Sie schafft den idealen Boden für Missbrauch.»
– «Definitionsmacht über die eigene Sexualität darf nicht von einer Institution beansprucht werden – sie gehört in die Hände der Menschen.»
u.v.m.

so sind dies offizielle Aussagen der von der katholischen Kirche in der Schweiz angestellten und beauftragen Fachpersonen.

Logisch, dass da die konservativen Organe schäumen und kritisieren. Damit aber bestätigen sich die Thesen und Beobachtungen der Verfassenden nur noch einmal schärfer. Diese Parallel- und Untergrundkirche, die hier (und gegen den Kurs von Papst Franziskus) am Entstehen ist, will ja an einer Organisation und einer Ideologie festhalten, in der die Menschenrechte der Neuzeit nicht gelten und die herrschende männliche Klerikerwelt absolutistisch an der Macht bleiben kann (apropos: ähnlich dem System, wie China seine Bürger/innen in Orwell’scher Manier gleichschalten will).

So wundert die Kritik nicht. Wahr bleiben die Aussagen von Loppacher/Iten trotzdem. Doch ist es wie mit dem Virus: Die Realitätsverweigerer, die sich abgehängt haben und nun in ihren Parallelwelten leben, sind zurzeit weder erreichbar, geschweige denn pädagogisch beeinflussbar!

Bildquellen

  • : pixabay.com
28. November 2021 | 06:00
von Heinz Angehrn
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0 Gedanken zu „Beobachtung zur SKZ 20/2021

  • Hansjörg sagt:

    Und, wie gelangt nun dieses Gutachten mit den verheerenden Aussagen in die einzelnen Kirchenräte?
    Ich bin überzeugt, dass eine Anpassung der bestehenden kath. Lehre an die heutige Zeit nur von unten kommen kann. Die gewachsene Blase der jetzigen Führung der kath. Kirche wird sich keinen Millimeter bewegen, vor allem nicht in den Fragen der Frauen und Sexualität.

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