Christian Kelter

Arschloch-freie-Zonen!

«Impf-Gau im Thurgau!», schrieb der Boulevard. «Milliardär kriegt Piks, Bevölkerung muss warten.» «Wieder so ein Fall von: ›Ich mach’ es, weil ich es kann’», habe ich mir gedacht.

Und ich hätte die Meldung vom gepiksten Milliardär auch gleich wieder vergessen, wäre sie nicht im krassen Gegensatz zu einer anderen Meldung gestanden. Die erschien am gleichen Tag. Nur hat sie es auf keine einzige Titelseite geschafft. Erwähnenswert ist sie aber trotzdem:

Als frisch vereidigter Präsident hatte Joe Biden seinerseits Mitarbeiter vereidigt. Laut CNN tat er das mit folgenden Worten: «Wenn Sie jemals mit mir zusammenarbeiten und ich höre, wie Sie einen Kollegen respektlos behandeln, jemanden runtermachen, dann werde ich Sie auf der Stelle feuern.»

Das ist doch allemal ein Ausrufezeichen wert! Joe Biden erklärt das Weiße Haus zur Arschloch-freien-Zone. Das tönt definitiv nach einem Kulturwandel. Über das Vokabular kann man dabei noch streiten. Aber vielleicht muss man manche Dinge einfach auch klipp und klar benennen. Wo noch vor ein paar Wochen Menschen beschimpft, herabgewürdigt und bloßgestellt wurden, wo Lügen an der Tagesordnung war, halten jetzt Anstand und Respekt Einzug. Bravo!

Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, strahlen immer aus. Frauen und Männer in Leitungspositionen prägen eine Kultur – ob sie es wollen oder nicht. Wie oft höre ich über jemand: «Fachlich super! Aber menschlich…!» Das ist so tragisch! Denn Sozialkompetenz ist ebenso wichtig, wie Fachliches. Ich bin absolut überzeugt, ein gutes Arbeitsklima ist noch immer die bestmögliche Motivation. Und Unternehmen, wo Mitarbeitende Wertschätzung erfahren, sind langfristig schlichtweg erfolgreicher.  

Doch das alles gilt eigentlich ja nicht nur für Milliardäre, Präsidenten, Chefinnen und Bosse. Jede und jeder kann da etwas beitragen:  

Wenn ich auf die dumme Bemerkung gegenüber der Kollegin verzichte und auf das Augenrollen hinter dem Rücken des Anderen, dann ist schon viel passiert. Wenn ich Kritik gezielt nur da anbringe, wo das Problem auch gelöst werden kann, dann kann sich wirklich was bewegen. Wenn ich wertschätzend kommuniziere und auch mal fünfe grade sein lasse, dann baue ich Menschen auf und ermutige sie zu mehr.

Den Menschen als Menschen sehen. Den Leuten etwas zutrauen. Andere gross machen, statt sie klein zu halten. Jeder und jedem nur das Beste unterstellen. Das alles trägt Früchte. Und die kommen allen zugute.

Aktuell erlebe ich viele Menschen um mich herum als besonders angespannt und sensibel. Wir sind genervt und müde. Wir stellen uns und vieles in Frage.

Wäre das nicht auch ein gutes Projekt für uns Christinnen und Christen? Gerade jetzt in der Pandemie? Wäre nicht jetzt eigentlich der perfekte Zeitpunkt? Dafür Sorge zu tragen, dass unsere Arbeitszusammenhänge von Respekt und Wertschätzung geprägt wären. Das Fairness und Verantwortung nicht nur Worte sind, sondern Wirklichkeit werden. Dass Orte, wo Christinnen und Christen arbeiten, schlichtweg gute Orte sind. Oder wie es Joe Biden sagen würde: Arschloch-freie-Zonen.  

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1. Februar 2021 | 19:01
von Christian Kelter
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