Gian Rudin

Alter, ich schwöööööör!

Von der Sehnsucht nach Unverbrüchlichem

Neulich in irgendeinem stadtzürcherischen Tram. Eine Gruppe Jugendlicher unterhält sich lauthals über Themen, die ihre Leben bewegen. Ein phonetisch mild modifiziertes Wort erklingt dabei über-überdurchschnittlich oft: Ich schwöööhöör, ich schwöre! Die sprachmelodisch ungewöhnliche Überbetonung des Umlauts ö könnte als expressiv-affirmativer Akt verstanden werden. Dem Schwörenden ist wichtig, dass seine Aussage einen wirklichen Wahrheitswert transportiert. Der Schwur ist ein metaphysisches Relikt, dass sich in einer durch Säkularisierung und Agnostizismus geprägten Gesellschaft noch am Leben erhält. Der Eid leistet einen wichtigen Beitrag zur menschlichen Gemeinschaftsbildung. Neben einer Verpflichtung gegenüber einer überweltlichen Instanz, gibt es den zivilreligiösen Schwur auf die Flagge oder andere politisch aufgeladene Symbolträger (pledge of allegiance in den USA). Der fehlbare Mensch versucht angesichts der Erfahrung der eigenen Unverlässlichkeit mittels des Schwures auf eine ihn übersteigende Autorität zu verweisen. Dies kann verschiedene Formen annehmen. Wo keine Bürgschaft für die eigene Aufrichtigkeit aufzubringen ist, dient die beschworene Instanz als Garant für Zuverlässigkeit. Um die Ernsthaftigkeit des Unternehmens zu signalisieren weisen die klassischen Schwurformeln meist die Struktur einer Selbstverfluchung auf: «So soll mich der Blitz treffen». Auch gewisse fetischisierte Gegenstände helfen dem Schwörenden seine Glaubwürdigkeit zu untermauern. Der sprichwörtlich gewordene Bart des Propheten bietet dafür gutes Anschauungsmaterial.

Doch gerade im Zuge der Entkoppelung von einem religiösen Bedeutungszusammenhang verlor der Eid etwas von seiner geheimnisumwitterten Erhabenheit. Eine Psychologisierung ist der Aura des Schwurs abträglich, macht ihn durchschaubar und matt. Man könnte sich fragen ob ein Fake-Schwur die Wirkung eines Placebo-Effekts generieren kann. Leider sind beim Einbezug von übersinnlichen Parametern empirische Quantifizierungsverfahren nicht erkenntniserweiternd. Wie einige Stellen im Neuen Testament, so standen auch manche Theologen der Eidleistung kritisch gegenüber. Insbesondere der promissorische Eid, der ein Versprechen für die Zukunft ablegen will, hat aufgrund der allseits bekannten menschlichen Willensschwäche eine grosse Hypothek. Im Eid wird Gott als Zeuge angerufen. Dieser allein mag die Wahrhaftigkeit des Gesagten letztgültig zu beglaubigen. Daher sollte der Eid nicht zur alltagssprachlichen Floskel verkommen. Arthur Schopenhauer, eine zynischer Beobachter menschlicher Verhältnisse, hat den Schwur einst als «die metaphysische Eselsbrücke für Juristen» bezeichnet. In diesem Satz offenbart sich auch die Tragik und Herausforderung der gesamten menschlichen Rechtssprechung: Legalität und Legitimität müssen nicht notwendigerweise deckungsgleich sein. Durch die Entbindung des Rechts von der Sphäre des Übernatürlichen ist man zwar dem totalitären Anspruch des Gottesgnadentums und anderer Auswüchse des Naturrechts entkommen, man man hat sich jedoch auch der Tyrannei der Mehrheiten und Meinungen ausgesetzt.

Doch kommen wir zurück zu den Jugendlichen. In der Zeit als das Bürgertum zu einer gesellschaftsprägenden Kraft aufgestiegen ist, hat sich auch das bürgerliche Ehrenwort etabliert. Es kommt ohne übernatürliche Spekulationen aus. Die Gutbürgerinnen und Gutbürger befolgen einen impliziten Ehrenkodex, daher ist auf ihr Wort Verlass. Aufrichtigkeit und Treue sind auch ohne Bezug zu religiösen Weltanschauungen wichtige Werte im menschlichen Zusammenleben. So ist denn auch eine der wohl schlimmsten Beleidigungen im Kontext derzeitiger Jugendsprache die Beschimpfung als ehrenloser Schlawiner. Nein, das Wort Schlawiner ist definitiv nicht dem Jargon Jugendlicher zuzurechnen, aber es mag als Platzhalter für manch grobe Worte dienen, die mit dem Adjektiv ehrenlos attribuiert werden könnten. Der teilweise exzessive Gebrauch dieser altertümlich anmutenden und mit einer gewissen Aura umgebenen Worte verdeutlicht in meinen Augen die Grundsehnsucht des Menschen: Eine Gewissheit zu haben, die die Enttäuschungen der Sterblichen überflügelt. Und so ist es auch für Theologen angemessen, sich am Gerede des Alltags zu orientieren. Auch manche Plattitüde enthält zu entdeckende Tiefendimensionen. Gerade die teilweise schroffe und banal-brutale Sprache von Jugendlichen kann so als Barometer allgemeinmenschlicher Hoffnungen gelesen werden.

16. Oktober 2019 | 23:31
von Gian Rudin
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