Karin Reinmüller

Als Opfer vergeben?

Das für diesen Sonntag vorgesehene Evangelium ist ein happiges Gleichnis über Schuld und Vergebung – Matthäus-Evangelium, Kap. 18, Verse 21-35. Meine Predigt darüber habe ich hier zum Artikel umgebaut.

Ich habe viele Jahre lang im Vaterunser die Bitte «Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern» nicht mitgebetet. Und zwar deshalb, weil es Menschen gibt, denen ich nicht vergebe. Meine Kindheit war geprägt von Vernachlässigung und Verwahrlosung – viel zu viel allein gelassen, immer wieder panische Angst davor, dass meine Eltern nie wiederkommen würden. Ich war schmutzig, weil es niemanden interessierte, ob ich duschte oder meine Zähne putzte, ob ich Taschentücher benutzte oder meine Pulliärmel. In der Schule wurde ich gemobbt und hatte keinen Menschen, mit dem ich darüber reden konnte. Im Jugendlager erlebte ich einen sexuellen Übergriff eines doppelt  so alten Mannes – und wieder gab es niemand, mit dem ich hätte reden können.

Ich habe viele Jahre Hilfe und Therapie gebraucht, mit manchen Folgen dieser Zeit werde ich lebenslänglich zu tun haben. Und die Frage ist: Soll ich den Menschen vergeben, die mir das angetan haben? Muss ich ihnen womöglich vergeben?

Eine Frage, die sich nicht nur mir stellt. Sie zieht sich durch Internetforen von Überlebenden traumatisierender Kindheitserfahrungen, durch Selbsthilfegruppen und sicher auch durch viele Therapiegespräche. Kein Wunder, denn Vergebung ist «in», auch ganz ausserhalb christlicher Kreise. Es gibt Vergebungsforschung, Vergebungstrainings, Workshops, in denen Menschen hawaiianische Vergebungsrituale üben, weil sie hoffen, auf diese Weise mit sich selbst Frieden schliessen zu können. Solange ich einem Menschen nicht vergeben habe, was er mir getan hat, so die Idee, so lange kann das Geschehene nicht abgeschlossen werden. Erst mit der Vergebung kann ich mich davon lösen.

Genau das hat auch einer meiner Haupttäter gewusst. Als ich ihn vor einigen Jahren zur Rede gestellt habe, hat er mir gesagt, ich sei doch Christin, ich müsse ihm vergeben. Erst dachte ich hoffnungsvoll, er hat vielleicht ein Einsehen und fragte ihn, ob es denn Dinge gab, die er bereut. Nein, die gab es nicht, er hat in seinen Augen nichts Falsches getan. Aber ich müsse ihm vergeben, weil ich nur so meinen Seelenfrieden finden würde.

Ist eine solche Vergebung was Gott will? Kann die tatsächlich Frieden bringen? Meiner Erfahrung nach nicht, und das liegt an der Beziehung zwischen den beiden beteiligten Menschen. Im Gleichnis aus dem Evangeliums-Text geht es um Geld. Derjenige, der Schuld erlässt, der vergibt, ist der Reiche, oder der König. Der Schuldner, dem vergeben wird, ist abhängig von ihm, angewiesen darauf, dass ihm die Schuld erlassen wird, weil er sonst in Not kommt. Das gleiche griechische Wort, das in diesem Gleichnis für den Schuldner verwendet wird, kommt im Vaterunser vor – erlass uns unsere Schulden, wie auch wir denen Erlass geben, die uns etwas schulden.

Eine misshandelnde oder missbrauchende Beziehung ist völlig anders strukturiert, es gibt nicht Gläubiger und Schuldner, sondern Opfer und Täter – und zwar in genau dieser Reihenfolge, das Opfer soll dem Täter vergeben, so wie der Gläubiger Schuld erlässt. Solange die Beziehung in dieser Form besteht, ist eine sogenannte Vergebung nichts anderes als eine erneute Unterwerfung unter den Täter, der in meinem Fall konkret Vergebung gefordert hat. Andere erleben das subtiler. Aber: Wer kaum an den Ort der Tat zurückkehren kann ohne quälende Erinnerungen, wer Täter oder Täterin nicht unbefangen treffen kann – die kann sich, denke ich, schon fragen, ob die Qualität ihrer Beziehung jetzt wirklich so grundlegend anders ist, dass sie zur Gläubigerin geworden ist, die dem Täter seine Schuld erlassen kann. Erst dann ist ein Mensch aufgefordert, zu vergeben. Wenn das nicht der Fall ist gilt, der Schluss, den eine Psychotherapie-Klientin der Amerikanerin Susan Forward zog: «Vermutlich will Gott eher, dass es mir besser geht, als dass ich vergebe».  

Wo das aber der Fall ist, wo ich die Stärke habe, die mir ermöglicht, zu vergeben – da kann sie tatsächlich befreiend wirken. Da machen die Vergebungstrainings und Rituale Sinn. Aus einer Position der Stärke heraus lässt sich die Entscheidung treffen, sich nicht länger belasten zu wollen mit einer alten Rechnung, die ich noch mit jemandem offen habe. Vergebung heisst nicht, das Verhalten der anderen, des anderen in Ordnung zu finden. Im Evangelium wird nicht gesagt, wie die jeweiligen Schulden aufgelaufen sind, das kann völlig unverantwortliches Verhalten gewesen sein. Vergebung heisst, ich rechne diese Schuld nicht mehr an. Ich befreie mich selbst davon – und ich befreie unsere Beziehung davon.  So wie es der König im Gleichnis macht, der als Bild für das Handeln Gottes gilt.

Gott will nicht, dass wir Schulden bei ihm haben. Wo wir freiere Menschen werden können, indem wir selbst anderen vergeben, da lädt er uns zu diesem Schritt ein. Wo es aber nötig ist, zu respektieren, dass ich zerbrochen worden bin, wo der Schritt in die Freiheit darin besteht, nicht zur Vergebung verpflichtet zu sein – da ist es genau dieser Schritt, der macht, dass Gott Gefallen an uns findet.

Bild: Alexis/El Caminante auf Pixabay
13. September 2020 | 17:21
von Karin Reinmüller
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