Leere Kirchen, oder: Kirche ohne Zukunft? © Walter Ludin
Walter Ludin

Kirche ohne Zukunft?

Schon vor Jahrzehnten bekam ein mit mir befreundeter Immenseer Missionar von einem Jugendlichen ein zwiespältiges Kompliment. Nämlich: «Sie sind ein toller Typ. Nur schade, dass Sie als Priester ein Auslaufmodell sind.»
Dass heutzutage auch die Kirche für viele ein Auslaufmodell ist, habe ich hier in meiner Predigt vor einigen Wochen gezeigt. Zum Beispiel mit der Statistik, dass mehr Gläubige sterben als es Getaufte gibt, da nur noch ein Viertel der Kinder getauft werden.
Wie kann es unter diesen Umständen mit der Kirche weitergehen? Was kommt auf uns Gläubige zu? Dies ist auch eine adventliche Frage, da Advent ja das bedeutet, was auf uns zukommt.
Es überrascht nicht, dass es ganz unterschiedliche Antworten gibt. Die einen sagen es ungeschminkt und brutal: Unsere Kirche liegt auf dem Sterbebett. Doch die meisten, die sich mit der Frage befassen, geben der Kirche noch eine Chance. Sie wird sicher kleiner, wird aber keineswegs verschwinden. Wir müssen uns um kreative Gedanken bemühen, um sie auf das Kleinerwerden vorzubereiten.
Dies wird nicht ohne schmerzliche Verluste vor sich gehen. Die neue Gestalt der Kirche wird aber auch ihre Vorteile haben. Der Zusammenhalt der kleinen gewordenen Herde wird viel stärker sein als in der Zeit der Massenkirche. Man fühlt sich mehr füreinander verantwortlich.
An die Stelle der Nachwuchskirche, in die man selbstverständlich hineinwächst, kommt die Überzeugungskirche, zu der wir dank eigenem Entscheid gehören. Damit gleicht die Situation jener in den damaligen Missionsländern. Auf meinen Besuchen im ostafrikanischen Tansania habe ich ganz gezielt meine Mitbrüder Missionare gefragt: Warum entschliesst sich jemand, Christ, Christin zu werden? Alle Antworten waren ganz ähnlich: Die Menschen sehen, wie die Gläubigen liebevoll miteinander umgehen; wie sie in Zeiten der Not füreinander da sind. Und sie sagen: «So möchten auch wir leben!»
Ebenso sieht der neue Bischof von St. Gallen, Beat Grögli, die Zukunft unserer Kirche. Er fragt: «Wie sind wir auch in dieser neuen Situation Zeuginnen und Zeugen der frohen Botschaft für die ganze Welt?»
Zu dieser frohen Botschaft gehört die Überzeugung: Jeder Mensch bekam von Gott die gleiche Würde, egal ob er ein starker Leistungsträger ist und ein schwaches Geschöpf ist; ganz gleich, ob er eine helle oder eine dunklere Hautfarbe hat.
Diese Botschaft wurde von Jesus ganz besonders betont. Er identifizierte sich sogar mit den Schwächsten, den Geringsten. Und er sagte das uns allen sehr bekannte Wort: «Was ihr diesen geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, habt ihr mir getan.»
Bei vielen von Ihnen lag am Freitag das Pfarrblatt im Briefkasten. Über einem sehr lesenswerten Artikel steht der Titel: «Die Kirchen sind leer – Was machen wir jetzt?» Am Schluss wird Papst Leo zitiert mit Worten, die zu unserem Thema sehr gut passen: «Wir müssen von einer demütigen Kirche träumen und sie aufbauen. Von einer Kirche, die nicht wie die Pharisäer triumphierend dasteht, auf die andern herabblickt; sondern von einer Kirche, die sich herabbeugt, um den Menschen die Füsse zu waschen.»
Schliesslich wünscht der Papst sich eine Kirche, «die ein Ort der Gastfreundschaft ist für alle und jeden». Ich wage zu behaupten: Gerade in unserem Kanton müssen wir noch viele Schritte tun hin zu einer solchen Kirche, die Fremde nicht als Bedrohung unseres Wohlstandes sieht; sondern als Menschen, die auf unsere Mitmenschlichkeit angewiesen sind. Und wir müssen kritische Stimmen sein, die unsere Gesellschaft so weit bringt, dies auch in politischen und alltäglichen Entscheidungen zu leben.
Zum Schluss nur noch die Überzeugung des berühmten Wiener Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner. Er betont, dass die Kirche der Zukunft stark vom Engagement der Ehrenamtlichen lebt. Denn das Geld fehlt, um so viele Hauptamtliche wie jetzt zu bezahlen. Zulehner bleibt optimistisch und schreibt: Es entsteht eine «neue Art, Christ zu sein, die Freude macht und wo die Leute sagen: Das tut mir auch menschlich gut.»
Predigt in der Kirche des Kapuzinerklosters Schwyz, 7. Dezember 2025

Leere Kirchen, oder: Kirche ohne Zukunft? © Walter Ludin
8. Dezember 2025 | 09:28
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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6 Gedanken zu „Kirche ohne Zukunft?

  • Hansjörg sagt:

    Die kath. Kirche vergrault ihre Gläubigen selbst und schreckt mit unhaltbaren Regeln grosse Menschengruppen ab. So wird der Abwärtstrend der Gläubigen in der westlichen Welt logischerweise immer weiter gehen.

    – Frauen werden innerhalb der kath. Kirche nicht als gleichberechtigte Menschen gesehen, so dürfen sie nicht alle Berufe ausüben.

    – Junge Menschen werden zu Sündern gestempelt, weil Sex vor der Ehe verboten und eine schwere Sünde sei. Was vor 100 Jahren eventuell noch gut war ist heute nicht mehr angebracht, weil Junge meist erst um die 30 Jahre heiraten.

    – Verhütung ist verboten und eine schwere Sünde. Somit werden verantwortungsvolle Mütter und Väter ihren Jugendlichen wohl die Sünde empfehlen. Selbst verheiratete Paare müssen sündigen, wenn sie keine weiteren Kinder möchten.

    – Masturbation ist verboten und eine schwere Sünde. Mediziner empfehlen diese aber als gute Entspannung und als zum Leben gehörend.

    – Geschiedene, die eine neue Liebe gefunden haben, werden als schwere Sünder und permanente Ehebrecher verurteil.

    Die Anzahl Menschen, die nun gemäss all den obigen Regeln aus dem Katechismus nicht als Sünder oder Sünderin gelten, bewegt sich wohl unter 1%.

    • Michael sagt:

      Vielen Dank! Das sind genau meine Argumente auch ( und noch einige mehr). Jedesmal fällt mir auf, wenn sich „offizielle“ Menschen der Amtskirche über den Mitgliederschwund äußern, dass sie nicht erkennen (wollen?), dass viele Gläubige, die austreten nicht vom Glauben abgefallen sind. Ganz im Gegenteil, sie treten aus, weil sie es nicht mit ihrem Glauben vertreten können, wie unbeweglich und starrsinnig die Amtskirche agiert. Darunter befinden sich auch viele Menschen, die sich sehr gerne in der Kirche einbringen würden. Ich warte nun schon über 50 Jahre, dass sich Kirche endlich bewegt. Statt dessen erlebte ich, wie viele hoffnungsvolle Ansätze des Konzils wieder abgewürgt wurden.

    • Daniel Ric sagt:

      Lieber Hansjörg, Sie schreiben ja immer wieder, welche Änderungen Sie sich von der Kirche erhoffen. Ich habe auf diesem Portal und auf anderen Portalen immer wieder meine Meinung dazu gesagt. Aber eine Frage, der Sie immer aus dem Weg gegangen sind, ist diejenige, wer Jesus Christus für Sie ist. Wessen Geburt feiern wir am 25. Dezember? Ist Jesus Sohn Gottes für Sie, also Gott selbst, der Mensch geworden ist, um uns Menschen zu erlösen? Um eine ehrliche Antwort wäre ich sehr dankbar.

  • Hansjörg sagt:

    Lieber Daniel Ric, ich kritisiere vor allem die unhaltbaren und nicht menschfreundlichen Regeln der kath. Kirche. Diese Regeln wurden alle vor hunderten von Jahren nur von Menschen erfunden. So können diese Regeln, oder Verbote auch durch Menschen geändert werden. Die Welt und das aktive Leben verändern sich nun mal im Verlauf der langen Zeit.

    Nur ein kleines Beispiel: Hätte die kath. Kirche 50% Frauen als Priesterinnen, hätte diese Kirche in den letzten Jahrzehnten 40% weniger Missbrauchsfälle und Missbrauchsverbrechen generiert.

    • Daniel Ric sagt:

      Lieber Hansjörg, weshalb fällt es Ihnen schwer, auf meine Frage zu antworten? Wer ist für Sie der an Weihnachten geborene Jesus?

  • Sabine Zgraggen sagt:

    Der sog. “Klerus” besteht genauso aus Menschen, wie jeder andere Getaufte auch. Folglich wandert diese “Kirche” mit allen Getauften auch “nur” durch diese Zeit. Ein Gesamt-Organismus. Die Einen behaupten “Dies” und haben gewisse Macht und Ämter, die anderen behaupten etwas anderes, haben andere Aufgaben und leben andere Realitäten. Und auch die Ernannten glauben nicht alle dasselbe. Jede/r wie er/sie eben kann oder zu müssen glaubt. Allesamt mit unendlichen Mängeln, Schwacheit und Versagen gebürstet. Manche geben es zu. Andere nicht. Egal auf welcher “Seite”. Nur “Gott” weiss warum und wozu das alles nötig oder eben NOT-wendig war und ist. In der Reibung und Auseinandersetzung entsteht Bewusstsein, Reifung, Abkehr, Zuwendung, Zerwürfnisse. Die Story geht weiter, neue “Wahrheiten” gehen durch alle Herzen und übrig bleibt … das Ewige, das HEUTE im mir selbst beginnt. Wer den Zugang zum Glauben an Christus finden durfte – egal wo und wie – ist selig. Und alle anderen, die Seligkeiten oder Bitterkeit gefunden haben, leben ihre Erkenntnis. Der Zugang zur Mystik und daraus die Freude am Leben, sind unbezahlbar und haben mit Heiligem Geist zu tun. Ich habe viel erlebt und studiert und heute weiss ich… wir sind Mit-Schöpfer:innen – so oder so. Es kommt auf jeden Atemzug an und wie er gefüllt ist.

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