Kirche ohne Zukunft?

Schon vor Jahrzehnten bekam ein mit mir befreundeter Immenseer Missionar von einem Jugendlichen ein zwiespältiges Kompliment. Nämlich: «Sie sind ein toller Typ. Nur schade, dass Sie als Priester ein Auslaufmodell sind.»
Dass heutzutage auch die Kirche für viele ein Auslaufmodell ist, habe ich hier in meiner Predigt vor einigen Wochen gezeigt. Zum Beispiel mit der Statistik, dass mehr Gläubige sterben als es Getaufte gibt, da nur noch ein Viertel der Kinder getauft werden.
Wie kann es unter diesen Umständen mit der Kirche weitergehen? Was kommt auf uns Gläubige zu? Dies ist auch eine adventliche Frage, da Advent ja das bedeutet, was auf uns zukommt.
Es überrascht nicht, dass es ganz unterschiedliche Antworten gibt. Die einen sagen es ungeschminkt und brutal: Unsere Kirche liegt auf dem Sterbebett. Doch die meisten, die sich mit der Frage befassen, geben der Kirche noch eine Chance. Sie wird sicher kleiner, wird aber keineswegs verschwinden. Wir müssen uns um kreative Gedanken bemühen, um sie auf das Kleinerwerden vorzubereiten.
Dies wird nicht ohne schmerzliche Verluste vor sich gehen. Die neue Gestalt der Kirche wird aber auch ihre Vorteile haben. Der Zusammenhalt der kleinen gewordenen Herde wird viel stärker sein als in der Zeit der Massenkirche. Man fühlt sich mehr füreinander verantwortlich.
An die Stelle der Nachwuchskirche, in die man selbstverständlich hineinwächst, kommt die Überzeugungskirche, zu der wir dank eigenem Entscheid gehören. Damit gleicht die Situation jener in den damaligen Missionsländern. Auf meinen Besuchen im ostafrikanischen Tansania habe ich ganz gezielt meine Mitbrüder Missionare gefragt: Warum entschliesst sich jemand, Christ, Christin zu werden? Alle Antworten waren ganz ähnlich: Die Menschen sehen, wie die Gläubigen liebevoll miteinander umgehen; wie sie in Zeiten der Not füreinander da sind. Und sie sagen: «So möchten auch wir leben!»
Ebenso sieht der neue Bischof von St. Gallen, Beat Grögli, die Zukunft unserer Kirche. Er fragt: «Wie sind wir auch in dieser neuen Situation Zeuginnen und Zeugen der frohen Botschaft für die ganze Welt?»
Zu dieser frohen Botschaft gehört die Überzeugung: Jeder Mensch bekam von Gott die gleiche Würde, egal ob er ein starker Leistungsträger ist und ein schwaches Geschöpf ist; ganz gleich, ob er eine helle oder eine dunklere Hautfarbe hat.
Diese Botschaft wurde von Jesus ganz besonders betont. Er identifizierte sich sogar mit den Schwächsten, den Geringsten. Und er sagte das uns allen sehr bekannte Wort: «Was ihr diesen geringsten meiner Brüder und Schwestern getan habt, habt ihr mir getan.»
Bei vielen von Ihnen lag am Freitag das Pfarrblatt im Briefkasten. Über einem sehr lesenswerten Artikel steht der Titel: «Die Kirchen sind leer – Was machen wir jetzt?» Am Schluss wird Papst Leo zitiert mit Worten, die zu unserem Thema sehr gut passen: «Wir müssen von einer demütigen Kirche träumen und sie aufbauen. Von einer Kirche, die nicht wie die Pharisäer triumphierend dasteht, auf die andern herabblickt; sondern von einer Kirche, die sich herabbeugt, um den Menschen die Füsse zu waschen.»
Schliesslich wünscht der Papst sich eine Kirche, «die ein Ort der Gastfreundschaft ist für alle und jeden». Ich wage zu behaupten: Gerade in unserem Kanton müssen wir noch viele Schritte tun hin zu einer solchen Kirche, die Fremde nicht als Bedrohung unseres Wohlstandes sieht; sondern als Menschen, die auf unsere Mitmenschlichkeit angewiesen sind. Und wir müssen kritische Stimmen sein, die unsere Gesellschaft so weit bringt, dies auch in politischen und alltäglichen Entscheidungen zu leben.
Zum Schluss nur noch die Überzeugung des berühmten Wiener Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner. Er betont, dass die Kirche der Zukunft stark vom Engagement der Ehrenamtlichen lebt. Denn das Geld fehlt, um so viele Hauptamtliche wie jetzt zu bezahlen. Zulehner bleibt optimistisch und schreibt: Es entsteht eine «neue Art, Christ zu sein, die Freude macht und wo die Leute sagen: Das tut mir auch menschlich gut.»
Predigt in der Kirche des Kapuzinerklosters Schwyz, 7. Dezember 2025

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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