Cover des Berichtbandes der ökumenischen Versammlung 89 © Reinhard Verlag Basel
Walter Ludin

GFS: 3 Buchstaben – viele Aufgaben

Gerechtigkeit, Friede, Bewahrung der Schöpfung/GFS: Unter diesem Motto stand bekanntlich vor 30 Jahren in Basel die 1. Europäische Ökumenische Versammlung. Erstmals seit der Reformation trafen sich so viele Gläubige aller Konfessionen. Und erstmals begegneten einander so viele Menschen aus dem immer noch in Blöcke getrennten Europa. Manche von uns waren damals dabei.

Ich erinnere mich: Als das sehr inhaltsreiche Schlussdokument einstimmig angenommen wurde, spürte ich – obwohl ich ein eher nüchterner Christ bin! – das Wirken von Gottes Geist.

Zu wenig getan

Nach der Versammlung entstanden unzählige GFS-Gruppen, um die Basler Anregungen zu realisieren. (Ich durfte die Gruppe der Deutschschweizer Kapuziner leiten. Und noch immer bin ich Mitglied einer interfranziskanischen Gruppe, die sich allerdings darauf beschränkt, «virtuell», im Internet aufzutreten.)

Vieles wurde getan. Doch viel zu wenig! Ich versuche hier, einige der unerledigten Hausaufgaben zu skizzieren.

Friede

Wer setzt sich aus Überzeugung für gewaltfreie Lösungen ein? Ein Beispiel: Noch viel zu wenig Schweizer stellen sich die Frage, warum es (7!) Milliarden Franken, oder noch mehr, für Flugzeuge braucht. (Wenn es bislang gereicht hat, dass sie während den Bürozeiten einsatzbereit waren, mag es wohl nicht so dringend sein, dass die Schweiz eine Luftwaffe hat …)

Oder denken wir an die Waffenausfuhr. Auch CVP-Politiker haben ja vor wenigen Jahren zugestimmt, dass auch in Gebiete mit Menschenrechtsverletzungen Waffen ausgeführt werden dürfen; angeblich, um Arbeitsplätze zu erhalten. Ein Armutszeugnis für ein so reiches Land!

(Dazu mein Kapuziner-Blog: https://www.kapuziner.ch/blog/pilatus-waescht-seine-haende-in-unschuld/)

Gerechtigkeit

Nach wie vor steht die Schweiz betr. Entwicklungshilfe/Zusammenarbeit sehr schlecht da. Ich erinnere mich, wie Helder Camara schon in den 1960er/70er sich dafür eingesetzt hat, dass die reichen Länder 0,7 Prozent des BSP für Entwicklungshilfe einsetzen. Der Bundesrat hat vor paar Jahren 0,5 Prozent vorgeschlagen. Inzwischen sind bloss 0,45 Prozent vorgeschlagen. Dabei noch was Skandalöses: Die Hilfe soll vor allem auch der Schweiz nützen. Priorität haben nicht mehr jene, die es besonders nötig haben.

Insgesamt ist die Armut nicht nur im globalen Süden erschreckend gross, sondern auch in der reichen Schweiz (vgl. alleinerziehende, wenig qualifizierte). Dazu die Versammlung von Basel: «Vielen der ärmsten Länder wird die Möglichkeit genommen, auch nur die Grundbedürfnisse ihrer Bürger zu decken. Sogar in den reichen Industrienationen wächst stetig die Zahl derer, die unter dem Existenzminimum leben.» (Schlussdokument Nr. 10)

Ein trauriges Kapitel: Der Umgang mit Flüchtlingen: Immer und immer wurden Asylgesetze verschärft. Wobei die bürgerlichen Parteien die fremdenfeindlichen SVP einholen oder überholen ….

Schöpfung:

Dazu wird in diesen Tagen sehr viel geschrieben. Ich möchte hier nichts hinzufügen.

Das Basler Dokument lesen

Allgemein: Es würde uns allen guttun, das Dokument von Basel wieder einmal zur Hand zu nehmen, zu beherzigen und Konsequenzen darauf zu ziehen.

  • Das Dokument «Frieden in Gerechtigkeit» ist wohl nur noch in Bibliotheken erhältlich oder antiquarisch: www.zvab.com
  • Leider finde ich den Volltext im Internet nicht. Vielleicht kann jemand helfen …

 

Cover des Berichtbandes der ökumenischen Versammlung 89 © Reinhard Verlag Basel
18. Juli 2019 | 10:14
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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7 Gedanken zu „GFS: 3 Buchstaben – viele Aufgaben

  • Karl Stadler sagt:

    Gewiss haben Sie recht! Es bleibt noch sehr viel zu tun. Aber tortz allen Missständen, Verzerrungen, Ungerechtigkeiten und grosser Armut, die auf diesem Globus herrschen: Gesamthaft hat sich seit dem 19. Jahrhundert weahrscheinlich bei weitem nicht alles nur zum Negativen entwickelt. Trotz gewaltiger Bevölkerungsexplosion hat sich die extreme Armut, nicht nur im Norden, sondern weiltweit im Vergleich zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts, extrem vermindert; die Kindersterblichkeit ist weltweit sehr massiv zurückgedrängt worden; der Analphabetismus ist unvergleichlich kleiner geworden als noch um 1900. Die Verbreitung von Impfungen gegen schlimme Krankheitserreger ist enorm viel grösser als noch 1950. Die Menschheit macht auch Fortschritte, trotz einer Vervielfachung der Bevölkerung seit dem 19. Jahrhundert. Diese Entwicklung auch zum Positiven wird offenbar verstärkt seit ungefähr 1950 wahrgenommen. Und das erscheint doch auch sehr erstaunlich und erwähnenswert!
    Natürlich hängt eine solche Wahrnehmung immer auch davon ab, wie einzelne ökonomische Faktoren bewertet werden, welche Methodologie bei der Berechnung angewandt wird und mit was sie verglichen werden.
    Das Paradoxe am Ganzen ist auf der andern Seite, dass die umweltbelastenden Faktoren auf diesem Globus auch ungefähr seit 1950 exponential zunehmen. Auf “Zeit online” finden sich im Zusammenhang mit Fragen von Armut, Gesundheit, Analphabetismus usw. interessante Grafiken aus Forschungsarbeiten von Prof. Max Roser, der in Oxford lehrt, die zeigen, dass die Welt sich in sechs grundllegenden Fragen sehr zum Positiven gewandelt hat. Es gibt auch andere Studien, die in die gleiche Richtung zielen.
    Allerdings, so meine persönliche Einscbätzung, würde Thomas Pogge, Professor for Philosophy and International Affaires an der Yale Universität, in gewissen Punkten Prof. Max Roser wahrscheinlich vehement widersprechen. In diesem Zusammenhang ist das Büchlein “Gerechtigkeit in der Einen Welt” von Thomas Pogge sehr interessant und lesenswert.
    Dennoch: Dass es nicht nur abwärts geht mit der Menschheit auch in Bezug auf die angesprochenen Fragen scheint schon eine Tatsache zu sein. Dass dies fast unglaublich erscheint, liegt vielleicht auch am Umstand, dass in den Medien praktisch nur die negativen Seiten der weltweiten gesellschaftspolitischen Entwicklungen vermittelt werden.

  • Karl Stadler sagt:

    Was es noch nachzutragen gälte: Wenn Prof. Max Roser von dieser Entwicklung spricht, dann äusert er sich nicht etwa in absoluten Zahlen – die wären ja nicht aussagekräftig – , sondern in Prozentanteilen der gesamten Weltbevölkerung. Beispielsweise, dass ungefähr 1820 noch 90% der Menschheit in extremer Armut (extreme poverty) lebten, während es um 1950 ungefähr 63% waren und im Jahre 2015 um die 10%. Er spricht nicht von einzelnen Ereignissen und Geschichten oder regional angesiedelten Einzelsituationen, sondern durchwegs von statistischen Durchschnittswerten, bezogen auf die Weltbevölkerung. Selbst wenn diese Werte nur ansatzweise zutreffen sollten – je nach Begriffsdefinitionen – ist dies, angesichts der demographischen Entwicklung der Weltbevölkerung in den letzten Jahrzehnten, doch ganz erstaunlich!

  • Walter Ludin sagt:

    Ich kann Kari nur zustimmen. Ein weiteres Beispiel wäre das Gesundheitswesen. Ein Blick in meine Familiengeschichte zeigt, dass wir hier Fortschritte gemacht haben:
    Mein ältester Bruder, Jahrgang 1944, hatte eine Lungenentzündung. Der Hausarzt kam, machte ihm eine Spritze – und ein paar Stunden später war Seppeli tot.
    Mein Mutter hatte Mitte ihrer 40er-Jahre eine schwere Herzattacke. Der Hausarzt (ein anderer kam), machte ihr eine Spritze und liess sie liegen. Keine weitere Behandlung, nix von Reha. Die Mutter war nachher die allermeiste Zeit bettlägerig, alle paar Jahren wegen plötzlich auftretenden Herzbeschwerden dem Tode nahe….
    Wenn man dies alles nicht vergisst, bezahlt man heute gerne Krankenkassen-Prämien

  • Baselbieter sagt:

    Frustrierend allerdings ist, dass die Milliarden, die in den letzten Jahrzehnten in die Entwicklungshilfe — vor allem nach Afrika — geflossen sind, relativ wenig bewirkt haben.

    Ein Gutteil des Geldes floss in den Konsum, statt in Infrastrukturprojekte (Wasser- und Abwasserversorgung, Verkehrswege, Gesundheitseinrichtungen).

    Die Bevölkerungszahl im afrikanischen Kontinent hat sich zwar von 224 Mio im Jahr 1950 auf 854 Mio im Jahrs 2018 erhöht, und sie wird sich weiter erhöhen. Die Geburtenziffer liegt in Afrika derzeit bei 46 Geburten je 1000 Einwohner jährlich. In Europa dagegen kommen auf 1 000 Personen nur 14 Geburten.

    Die hohe Geburtenrate bzw. das rasche Bevölkerungswachstum verhindern eine Besserung der Lebensverhältnisse in allen Bereichen.

  • Karl Stadler sagt:

    Walter Ludin hat schon recht, wenn er wahrscheinlich denkt, dass die von mir zitierten Graphiken und Aussagen von Prof. Roser letztlich halt nur ein schwacher Trost für die Betroffenen, ein kleines Pflästerchen sind. Man muss sich natürlich vor Augen halten, was es bedeutet, der “extremen Armut” zu entkommen. Das heisst vielleicht, irgendwo auf diesem Globus, je nach lokalen Bedingungen, mit ungefähr zwei Dollar im Tag auskommen zu müssen. Wir alle können uns leicht vorstellen, was dies letztlich bedeutet, selbst wenn die Kaufkraft um vieles höher ist als bei uns.
    Aber die Beschreibung dieser Entwicklung durch Prof. Roser könnte halt dennoch ein Beleg dafür sein, dass die Lösung des Armutsproblems nicht eine völlige Utopie bedeuten muss.
    Ich bin zwar ein Aussenstehender. Aber die Enzyklika “lautado si” von Bergoglio muss nicht notwendig eine völlig unerreichbare Utopie sein. Vielleicht ist sie halt doch ein möglicher Leitfaden, gewissen Idealen näher zu kommen.
    Übrigens auch die “UN-Agenda-2030 für nachhaltige Entwicklung”, welche durch die UN-Versammlung im Herbst 2015 einstimmig verabschiedet und auf den 1. Januar 2016 in Kraft gesetzt wurde (www.un.org./depts/german/gv-70/a70-l1). Ein fast 40-seitiges Papier, das sehr wohl als Leitfaden dienen könnte, solchen Idealzielen etwas näher zu kommen.
    Aber Herr Ludin, dass wir unseren Luftraum freischalten sollten für unbefugtes Eindringen oder im Ernstfall für unbedarfte Luftangriffe, nein, so viel Idealismus wäre ich doch nicht im Stande, aufzubringen. Darin unterscheiden wir uns offenbar grundlegend! Unter den drei Buchstaben, die Sie als Logo für Ihren Beitrag wählten, GFS, lese ich unter S neben Schöpfung auch Sicherheit.

  • Stadler Karl sagt:

    “laudato si” natürlich, nicht lautado si! Diese ewigen Tipfehler sieht man immer zu spät, wenn alles schon abgeschickt ist. Der Ausdruck führt sich ja auf laudare zurück, was jedem Erstgymeler bekannt ist.

  • Roland Xander sagt:

    Geben wir doch den Afrikanern einen Teil von dem zurück, was wir ihnen über die Jahrhunderte gestohlen haben und auch heute noch tun. Sie könnten damit einen blühenden Kontinent aufbauen!!!

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