Warum sollen wir Strom sparen? ©Cisco Ripac_pixelio.de
Walter Ludin

«Unkeusch» oder «sexistisch»?

Wie begründen wir die Moral?

Mal argumentieren wir mit zum Beispiel mit Keuschheits-Geboten, mal mit dem Sexismus-Vorwurf. Im Verlaufe der Jahrzehnte begründen wir das gleiche Verhalten mit recht unterschiedlichen Vorstellungen. Drei Beispiele:

  • Das jüngste: Eine deutsche NGO verlieh drei Kakteen für sexistische Werbung. Ich verzichte darauf, die abscheulichen Bilder der Werbeagenturen zu beschreiben. Früher hätte man sie als «unkeusch/unschamhaft» bezeichnet. Heute lehnt man sie ab, weil sie «sexistisch» sind, die Würde der Frau verletzen.
  • – Wenn ich als Kind und Jugendlicher abends spät im Lampenschein las, konnte es sein, dass mein Vater intervenierte: «Wir müssen Strom sparen. Strom ist teuer.» Heute erinnert man sich daran, wie schädlich der Atomstrom mit seinen Abfällen für Tausende von Generationen ist. Also: sozusagen von einer individual-ethischen zu einer sozial-ethischen Argumentation.
  • Vor etwa 30 Jahren sprach sich ein Walliser Pfarrer für ein Verbot eines Plakats aus, das für Jungschützenkurse warb. Denn darauf war eine junge Frau mit einem Minirock zu sehen (der nach heutigen Massstäben immer noch «züchtig» aussah ….). Wenn heute gegen diese Werbung protestiert würde, dann wohl aus ganz andern Gründen: Warum muss schon 15-Jährigen das Schiessen beigebracht werden? (Tatsächlich: Im Netz finde ich eine Werbung, die sich schon an so Junge wendet.)

Auch das noch: Burka-Verbot

Ich habe mal begonnen, unter dem Stichwort «Auch das noch» meinen Blog-Beiträgen aktuelle Bemerkungen hinzufügen, die sich nicht auf das behandelte Thema beziehen. Heute noch dies:

Ich fand es unerträglich, dass die Schweizerische Evangelische Allianz/SEA sich hinter das Burkaverbot stellte – unmittelbar nach Einreichen dieser Initiative (wenn ich mich nicht täusche, noch vor der SVP!). Darum wollte ich die SEA kontaktieren und rief ihre Homepage auf, um zur Mail-Adresse zu kommen. Und was sah ich als erstes? Das Testimonial: «Glaube muss sichtbar werden.»

Ich weiss: Die Verhüllung der Muslimas ist weitgehend ein Ausdruck einer bestimmten Kultur; aber zum Teil ebenso das «Sichtbarwerden» von Religion. Warum ist ausgerechnet die SEA dagegen? Wer spricht da von Inkonsequenz?

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20. September 2017 | 18:08
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 1  Min.
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2 Gedanken zu „“Unkeusch” oder “sexistisch”?

  • Karl Stadler sagt:

    Sie haben mit der Frage “Wie begründen wir Moral” eine sehr grundsätzliche Frage aufgeworfen, die ja auch philosophisch sehr interessant ist. Vermutlich ist die Geltungsbegründung einer Ethik, stringent logisch betrachtet, nicht zu leisten. Letztlich ist man auf die Normen irgendeiner einer Offenbarungsreligion, das kann neben andern z.B. das Christentum, der Islam oder das Judentum sein, oder dann auf irgendwelche humanistische Ideale zurückverwiesen. Eigentlich handelt es sich dabei immer um normative Festsetzungen, geformt durch die jeweils herrschenden historisch sozio-kulturellen Bedingungen und immer ein Stück weit zufällig geprägt.
    Sie sprechen auch das Thema “Energie sparen” an. Vor sechzig Jahren bildete das Strom sparen, bezogen auf das Haushaltsbudget vieler einfachen Leute, einen relevanten Kostenfaktor. Heute wird das Thema “Energie sparen” zurecht unter ökologischen Gesichtspunkten abgehandelt. Früher frassen Elektrogeräte mehr Strom, heute sind sie zwar sparender, dafür finden sich in einem Durchschnittshaushalt für alles und jedes derart viele elektronische Geräte, dass unter dem Strich das Sparpotential wieder vernichtet wird. Ja, Sie haben völlig recht: Mittlerweile sind Fragen wie des Energiesparens, des Verbrauchs von nicht erneurebaren Ressourcen Bestandteil auch von ethischen Überlegungen geworden, ungeachtet ob in einem religiösen oder säkular-humanistischen Kontext. In welch paradoxe und widesprüchliche Gegebenheiten wir uns in unseren Zivilisation verstricken, war ganz zufällig gestern aus zwei voneinander unabhängigen Beiträgen auf der Bluewin-Website zu sehen. Der eine Beitrag berichtete über den in dieser Saison bereits dritten ungestümen Hurrikan “Maria”, der mit gewaltiger zerstörerischen Kraft über die Karibik hinwegfegt. Der andere Beirag handelte über einen sich stark entwickelnden Tourismuszweig, die Kreuzfahrtindustrie, welche immer mehr Meeresriesen für den Massentourimus über die Meere gleiten lässt, Kreuzfahrtriesen, die eigentlich nicht viel mehr als luxuriöse Dreckschleudern sind.
    Sie weisen zurecht darauf hin, dass die Islam-Debatte derzeit eigentlich nicht glücklich verläuft. Zwar kann ich mich für Niqab und Burka keineswegs begeistern, aber ein entsprechendes Verbot gar in die Verfassung zu schreiben, ist doch weit übertrieben. Dass man die Beeinflussungsversuche der saudischen Wahhabiten oder der türkischen Religionsbehörde auf hiesige Moscheevereine im Auge behält und beobachtet, scheint gewiss richtig. Aber dann sollten die hiesigen Vertreter des Abendlandes sich nicht mit stetiger Regelmässigkeit dagegen wehren, wenn es darum geht, an unseren Universitäten islamische theologische Ausbildungsstätten für Imame einzurichten. Im Übrigen ist bezüglich unserer kulturellen Identität, wenn wir denn überhaupt eine besitzen, mehr der Einheitsbrei von global sich ausbreitenden ökonomischen und digitalen Funktionalitäten zu fürchten als eine Islamisierung unserer vertrauten heimischen Gefilde.

    • Walter Ludin sagt:

      Kari spricht hier ein problem an, das im touristen jubel-trubel-heiterkeit völlig untergeht: die Kreuzfahrtschiffe, die unvorstellbare dreckschleudern sind. danke…

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