Wie begründen wir die Moral?
Mal argumentieren wir mit zum Beispiel mit Keuschheits-Geboten, mal mit dem Sexismus-Vorwurf. Im Verlaufe der Jahrzehnte begründen wir das gleiche Verhalten mit recht unterschiedlichen Vorstellungen. Drei Beispiele:
- Das jüngste: Eine deutsche NGO verlieh drei Kakteen für sexistische Werbung. Ich verzichte darauf, die abscheulichen Bilder der Werbeagenturen zu beschreiben. Früher hätte man sie als «unkeusch/unschamhaft» bezeichnet. Heute lehnt man sie ab, weil sie «sexistisch» sind, die Würde der Frau verletzen.
- – Wenn ich als Kind und Jugendlicher abends spät im Lampenschein las, konnte es sein, dass mein Vater intervenierte: «Wir müssen Strom sparen. Strom ist teuer.» Heute erinnert man sich daran, wie schädlich der Atomstrom mit seinen Abfällen für Tausende von Generationen ist. Also: sozusagen von einer individual-ethischen zu einer sozial-ethischen Argumentation.
- Vor etwa 30 Jahren sprach sich ein Walliser Pfarrer für ein Verbot eines Plakats aus, das für Jungschützenkurse warb. Denn darauf war eine junge Frau mit einem Minirock zu sehen (der nach heutigen Massstäben immer noch «züchtig» aussah ….). Wenn heute gegen diese Werbung protestiert würde, dann wohl aus ganz andern Gründen: Warum muss schon 15-Jährigen das Schiessen beigebracht werden? (Tatsächlich: Im Netz finde ich eine Werbung, die sich schon an so Junge wendet.)
Auch das noch: Burka-Verbot
Ich habe mal begonnen, unter dem Stichwort «Auch das noch» meinen Blog-Beiträgen aktuelle Bemerkungen hinzufügen, die sich nicht auf das behandelte Thema beziehen. Heute noch dies:
Ich fand es unerträglich, dass die Schweizerische Evangelische Allianz/SEA sich hinter das Burkaverbot stellte – unmittelbar nach Einreichen dieser Initiative (wenn ich mich nicht täusche, noch vor der SVP!). Darum wollte ich die SEA kontaktieren und rief ihre Homepage auf, um zur Mail-Adresse zu kommen. Und was sah ich als erstes? Das Testimonial: «Glaube muss sichtbar werden.»
Ich weiss: Die Verhüllung der Muslimas ist weitgehend ein Ausdruck einer bestimmten Kultur; aber zum Teil ebenso das «Sichtbarwerden» von Religion. Warum ist ausgerechnet die SEA dagegen? Wer spricht da von Inkonsequenz?
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/unkeusch-oder-sexistisch/