Zumutung der Zeichen der Zeit
Ausgelöst von Ariccia nahm ein veritables Drama um die Zeichen der Zeit im Schema XIII seinen Lauf, das angesichts der Prominenz dieser Kategorie kaum bekannt ist.
In den Albaner Bergen hatte sich die Dogmatische Unterkommission zur Oberaufseherin der anderen Unterkommissionen gemacht, vor allem über jene zu den Zeichen der Zeit. Von dieser sei nur erwartet worden, Fakten über die damals heutige Welt aufzulisten; aber ihr wurde das Recht bestritten, auch einen eigenen Text darüber abzufassen. Darum änderte die Dogmatische Unterkommission den Text über die Zeichen der Zeit massiv. Sie hielt ihn für zu soziologisch und europäisch, für zu wenig spirituell und ethisch. Stattdessen setzte sie eine theologische Beschreibung der Gegenwart durch, die Anthropologie aufnahm, aber keine Soziologie der Zeichen der Zeit erlaubte. Selbst der Begriff kam nicht mehr vor.
Mit diesen Argumenten wurde ein Diskurs begründet, der sich während der Intersession ständig ausweiten wird und dem die Franzosen und Belgier bis zum Ende des Konzils widerstehen mussten. Er wirkt sich bis heute aus und führt zur Ablehnung oder Herabstufung der Pastoralkonstitution bei denen, die eine kirchliche Gegenwelt durchsetzen wollen.
Wie sehr der Diskurs griff, war bereits auf der Ausschusssitzung der Zentralen Unterkommission Mitte Februar zu fassen, die unmittelbar nach Ariccia in Rom stattfand. Dort wurde der Text der Dogmatischen Unterkommission für die Gegenwart als viel zu optimistisch abgelehnt. Die Kräfte, die stets gegen die Aufnahme konkreter Zeitprobleme waren, witterten ihre Chance und setzten einen hastig formulierten Text durch, der auf Kultur abhob und schon in die Analyse Wertungen einbrachte.
Dahinter stehen mehr als konzilspolitische Rangeleien. Es fällt kirchlich bis heute schwer, Kontrolle über Zeit und Welt abzugeben. Zeichen der Zeit muss man einräumen. Sie sind eine Zumutung, weil sie so sind, wie sie sind. Sie relativieren eigene Positionen, weil ihnen nicht auszuweichen ist. Erst mit dieser Demut ergeben sie Ermutigungen.
(Hans-Joachim Sander)
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