Celia Gomez

Zu Besuch in Zürichs Moscheen

Letzten Dienstag besuchten rund fünfzig Leute drei Moscheen in Zürich. Organisiert wurde dieser «Moscheenrundgang» vom Zürcher Forum der Religionen, das sich für den interreligösen Dialog in der Stadt engagiert.

Die «Blaue Moschee» Zürichs

Der erste Gastgeber ist die blaue Moschee an der Kochstrasse, der Name erinnert an Istanbul, doch ausser der türkischen Prägung haben die beiden Bauten wohl nichts gemeinsam. Der Präsident des Moscheevereins heisst uns willkommen und erzählt über das vielfältige Angebot der Moschee. Politik gehört nicht dazu. «Wenn jemand über Politik reden will, darf er das. Aber bitte ausserhalb der Moschee», erklärt uns der Präsident. Obwohl die Moschee türkisch geprägt ist und auch der Imam aus diesem Land stammt, versammeln sich Gläubige aus verschiedenen Nationen in diesen Räumen. «An Eid [Fest zum Ende des Ramadan] kommen um die 300 Leute, dann müssen wir hier alles freiräumen, damit alle Platz haben». Die Frauen beten nicht mit den Männern zusammen, sondern im ersten Stock. Damit sie trotzdem die Freitagspredigt hören, wird der Imam aus dem unteren Stock per Video übertragen.

Was der Präsident zum Vorschlag einer Imam-Ausbildung in der Schweiz meint? «Dies würde ich sehr begrüssen», sagt er uns enthusiastisch. Als türkischstämmiger Bürger mit Enkelkinder, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen sind, erlebt er, wie diese sich viel mehr in der deutschen Sprache zu Hause fühlen, als im Türkischen. «Der Imam sollte auch Schweizerdeutsch sprechen», findet der Präsident.

Was glauben MuslimInnen?

Die nächste Moschee ist die erste, die in Zürich gegründet wurde. Auch sie ist türkisch geprägt und der Imam ist schon seit über 40 Jahren in der Schweiz. Nach seiner Begrüssung übernimmt eine junge Muslima aus Deutschland mit türkischen Wurzeln. Sie ist Politikwissenschaftlerin und Mutter zweier Kinder. Letztes Jahr ging sie mit ihrem Ehemann auf Haddsch [Pilgerreise, eine der fünf Säulen des Islams] nach Mekka. Sie erzählt uns aus dem Alltag einer Muslima und erklärt uns die fünf Säulen des Islams.

Die fünf Säulen des Islams

Das Glaubensbekenntnis (Schahada)
Die fünf grundlegenden Pflichten des Islams werden als «Säulen» bezeichnet. Die erste ist das «Zeugnis», das Glaubensbekenntnis. Indem der/die Gläubige es ausspricht, bekennt er/sie sich zum absoluten Monotheismus und zur Sendung des Propheten Mohammeds. Der Koran gilt somit als die letzte und endgültige Offenbarung Gottes.
Der Übertritt zum Islam beinhaltet das Aussprechen dieses Glaubensbekenntnisses vor ZeugInnen – als MuslimIn gilt, wer sich wie ein/e MuslimIn verhält.

Das Gebet (Salat)
Das muslimische Ritualgebet besteht aus einer Abfolge von Körperhaltungen: Aufrechtstehen, Rumpfbeugung, Knien und Berührung des Bodens mit der Stirn. Bei jedem der fünf täglichen Gebeten wird eine unterschiedliche Zahl dieser Beugungen vollzogen. Der/die Betende orientiert sich dabei nach Mekka und benutzt einen Gebetsteppich. Vor dem Gebet muss eine rituelle Waschung vollzogen werden, die Gesicht, Hände, Kopf und Füsse betrifft. Einige sehen dies als hygienische Vorschrift, andere als symbolischen Akt der Reinigung, bevor man vor Gott tritt.

Das Ramadan-Fasten (Saum)
Der Ramadan ist der neunte Monat im islamischen Mondkalender. Das Mondjahr verschiebt sich jedes Jahr um elft Tage gegenüber dem Sonnenjahr, daher kann der Fastenmonat in jegliche Jahreszeit fallen. Solange die Sonne am Himmel steht, darf weder gegessen, noch getrunken werden. Erst bei Sonnenuntergang darf das Fasten gebrochen werden, was im Sommer viel länger dauert als im Winter. Auch sexuelle Enthaltsamkeit ist während dieses Monats geboten. Kranke, Schwangere, Alte, schwer Arbeitende und Reisende sind vom Fasten entbunden, sollten dies jedoch zu einem späteren Zeitpunkt nachholen oder dafür einen Almosen leisten.
Das Ende des Ramadans wird mit dem Fest des Fastenbrechens (Eid) gefeiert, auch Zuckerfest genannt.

Die Armensteuer (Zakat)
Die gesamte Gemeinschaft der MuslimInnen (umma) wird als eine Solidargemeinschaft aufgefasst, in der sich die Menschen umeinander kümmern. Ursprünglich wohl als eine Art «Reinigung» von materiellem Besitz gedacht, wird die «Zakat» heute auf 2,5% des Gesamtvermögens einer Person berechnet. Die meisten modernen Ländern erheben jedoch keine Armensteuer – somit muss die einzelne Person, die ihrer religiösen Pflicht folgen will, die Spende an eine religiöse Institution oder direkt an Bedürftige zahlen.

Die Pilgerfahrt (Haddsch)
Das Ziel der Wallfahrt ist die Kaaba in der Stadt Mekka in Saudi Arabien. Die Kaaba ist ein würfelförmiges Gebäude aus dunklem vulkanischen Gestein mit ca. 15m Höhe. In der vorislamischen Zeit war die Kaaba ein polytheistischer Tempel, der u.a. den Stadtgott Hubal enthielt. Nachdem Mohammed die Stadt eingenommen hatte, entfernte er die Götterfiguren aus dem Tempel. Der Koran berichtet von Abraham, Hagar und Ismael als Erbauende des würfelförmigen Gebäudes.
Die Pilgerreise ist auf einen fixen Termin beschränkt: Der Beginn ist am siebten Tag des Monats Dhu I-hiddscha und das Ende ist am dreizehnten Tag des gleichen Monats. Die Wallfahrt hat eine ganz genau Abfolge von Orten, die zu bestimmten Zeitpunkten besucht werden müssen. Das siebenmalige Umkreisen der Kaaba ist dabei der Hauptbestandteil.
Die Haddsch ist für jede gläubige Person Pflicht, sofern sie die finanziellen Mittel dazu hat. Zurückgekehrte geniessen hohes Ansehen und trägt einen besonderen Segen. Für viele MuslimInnen ist die Pilgerfahrt der Höhepunkt ihres religiösen Lebens.

Der Orient in der Schweiz

Unser letztes Ziel des Rundgangs ist das Forum des Orients nahe des Museums für Gestaltung. Als wir ankommen, verlassen gerade einige Gläubige die Moschee, viele von ihnen scheinen aus Afrika zu stammen. Im oberen Stock werden wir vom Imam und dem Vereinssprecher empfangen, beide sind Marokkaner. Sie erzählen über die Geschichte der Moschee und ihrem breiten Angebot, das Deutsch- und Integrationsunterricht miteinbezieht. «Viele Leute, die neu in der Schweiz sind, brauchen Hilfe mit der Krankenkasse oder den Steuern. Wir erklären ihnen, wie alles in der Schweiz funktioniert und unterstützen sie.» Auch Geflüchtete besuchen die Moschee für das Gebet und um mit dem Imam über ihre Sorgen zu sprechen. Auch einige Musliminnen stossen zu uns, sie sind Teil des Vorstandes und engagieren sich für die Frauen. Weiter sind zwei VertreterInnen der Jugendlichen im Vorstand. Neben marrokanischstämmigen MuslimInnen wird das Forum der Orients auch von PakistanerInnen, InderInnen und verschiedenen arabischen Nationalitäten besucht. Offenheit ist ihnen sehr wichtig und sie betonen, dass BesucherInnen jederzeit willkommen seien.
Bei einem wunderbaren marokkanischem Buffet lassen wir den Abend ausklingen, persönliche Gespräche kommen zustande und die Begeisterung für das Essen und den Tee wird von allen geteilt.

Kennen lernen anstatt vor-urteilen

Dieser Abend hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, einander zu besuchen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Daher mein Aufruf an alle: Hört auf, Eure Meinung über MuslimInnen nach undifferenzierten Medienbeiträgen zu bilden. Wenn Ihr Fragen habt oder sie kennen lernen möchtet, geht zu ihnen. Die Türen der Moscheen sind rund um die Uhr geöffnet, die Menschen sind unglaublich gastfreundlich und sie freuen sich immer über Besuch. Die Zukunft unserer Gesellschaft liegt in der Begegnung.

 

Moschee | © pixabay.com CC0
3. April 2017 | 00:35
von Celia Gomez
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