Celia Gomez

Zu Besuch beim Tanzenden Jesuiten in Kalkutta

Indien ist ein Land der Gegensätze: Arm und reich, Natur und Müll, Geruch von Räucherstäbchen und verbranntem Plastik, Lachen und Weinen, strahlender Sonne und schwarzem Smog. Kein anderes Land beansprucht alle Sinne so stark wie Indien.

 

Die Fahrt durch Kalkuttas Verkehr, hinaus zu den Dörfern ist ein Abenteuer. Fahrräder, Rikschas, Tuk-Tuks, Autos, Pick-Ups, Lieferwagen, Busse und Lastwagen rasen über die Strassen. Es ist sechs Uhr morgens, die Stadt erwacht gerade. Wir, eine Gruppen von neun jungen SchweizerInnen, sitzen gut eingezwängt zwischen unserem Gepäck in einem Auto und versuchen, so viele Eindrücke wie möglich aufzunehmen.

Immer mehr Menschen strömen auf die Strassen, der Fischmarkt ist gerade in vollem Betrieb, um sieben Uhr wird er bereits wieder zu Ende sein. Unser Fahrer drückt immer wieder auf die Hupe und fährt haaresbreit an den geschäftigen Leuten, den herumstreunenden Hunden und den Marktständen vorbei. Hin und wieder sind an den Strassenrändern kleine Tempel mit hinduistischen Gottheiten zu sehen, aber auch Marienstatuen und Kruzifixe.

Nach anderthalb Stunden Fahrt erreichen wir unser erstes Ziel in Indien: Pater Saju Georges Tanzschule «Kalahrdaya».

 

Auf dem grossräumigen Areal ist vom Strassenlärm nichts mehr zu hören. Kleine rotgestrichene Steinhäuser bilden das Zentrum der Tanzschule. Rund herum befinden sich Wasserbecken, Palmen, Bananen- und Mangobäume, Gärtchen und der Grundbau einer Kirche. Eine sanfte Brise lässt uns erschaudern, die Morgenluft ist erfrischend kühl. Mit Tee aufgewärmt und gestärkt sitzen wir im Wohnzimmer in Pater Sajus Tanzschule und sind gespannt, seine SchülerInnen kennenzulernen.

 

Tanz als Mittel für interreligiösen Dialog

Pater Saju stammt aus Kerala, dem Süden Indiens. Tief berührt von Mutter Theresa ging er nach Kalkutta, wo er Jesuit und 2001 zum Priester geweiht wurde. Neben dem Studium der Philosophie und Theologie hat Saju Geroge eine Ausbildung im klassisch indischen Tanz gemacht. Er promovierte zum Thema der philosophischen und religiösen Grundlagen des indischen Tanzes. Nun begleitet er Studierende des südindischen Tanzestils «Bharata Natyam» wissenschaftlich und bildet sie aus. Zwei seiner SchülerInnen sind sogar aus Bangladesch angereist, um ihm zu erlernen.

In seinem Zentrum für Kunst und Kultur «Kalahardaya» unterrichtet Pater Saju gemeinsam mit anderen LehrerInnen Kinder der Dalit aus, der sogenannten «Kastenlosen» oder «Unberührbaren».

 

Infoblock: Das indische Kastensystem

Das Kastensystem ist die Grundstruktur der indischen Gesellschaft. Die vier grossen Kasten (Varna) sind:

  1. Brahmanen
  2. Krieger bzw. Könige (Kshatriya)
  3. Händler und Bauern (Vaishya)
  4. Dienende Berufe (Shudra)
  5. Die Kastenlosen bzw. Unberührbaren (Dalit)

Jede Kaste besteht jedoch aus unzähligen Untergruppen (Jati). Das Ideal dieses Systems war eine gegenseite Unterstützung, keine Unterdrückung. Die Brahmanen dominieren insofern, dass sie Kenntnisse der Heiligen Texte haben und die Priesterrolle beanspruchen. Die Entstehung der Kasten wird im Rigveda (einer der vier Veden, die wichtigsten Texte im Hinduismus) erwähnt, jedoch wird das System der Kasten erst von den späteren Dharmashastras vorgeschrieben. Die Bhakti-Strömungen sowie die meisten Tantra-Schulen sind seit jeher gegen dieses Kastensystem, besonders jedoch die Reformstörmungen aus dem 19. und 20. Jh. Heute ist das Kastensystem immer noch allgegenwärtig und wichtig in der indischen Gesellschaft, wobei aber langsam ein Wandel eintritt. Durch wirtschaftlichen Verdienst können sich viele Menschen ein besseres Leben leisten, als es ihre Kaste vorsähe. «Sanskritisation» bezeichnet den Prozess, in dem viele untere Kasten ihre gesellschaftliche Position erhöhen, indem sie sich die Rituale und Praktiken der Brahmanen aneignen.

 

Wir werden von Saju, den TanzlehrerInnen und seinen SchülerInnen begrüsst. Nach indischer Tradition bekommen wir eine Kette aus orangen Marigold-Blumen um den Hals gelegt und einen orangefarbenen Punkt auf die Stirn gemalt. Die ältesten SchülerInnen führen einige der erlernten Tänze vor: Anmutig und hochkonzentriert stampfen sie rhythmisch auf den Boden, ihre Hände formen verschiedene Mudras (Handzeichen). Sie drehen und biegen sich elegant und drücken mit ihren Augen Freude, Furcht, Liebe und Hass aus. Die Tänze erzählen verschiedene Geschichten von Gottheiten und Menschen, von Liebe und Kampf.

Mit faszinierender Leichtigkeit tanzen die jungen Frauen und Männer, doch steckt jahrelange Arbeit, Disziplin, Durchhaltevermögen und Übung hinter ihrem Können.

 

Hinduismus und Christentum?

Steht der klassisch, hinduistisch geprägte Tanz nicht im Gegensatz zu seinem Beruf als Jesuit und Priester? Pater Saju sieht dies nicht so. Er will mit dem Tanz eine sehr alte, indische Tradition weitergeben. In den getanzten Geschichten geht es um Liebe und um die Suche nach dem Göttlichen. Im Klassenzimmer steht eine Figur der Maria, daneben eine Statue der tanzenden Erscheinung Shivas, Nataraya. Seine SchülerInnen – die meisten ChristInnen und Hindus – sollen ihrer Ishtadevata (persönliche Gottheit) huldigen.

Der Tanz Bharata Natyam existiert in der heutigen Form seit ca. 200 Jahren, in der ursprünglichen Form ist er jedoch 2000 bis 3000 Jahre alt. Damals führten Tempeltänzerinnen diese Kunstform auf und sie genossen in der Gesellschaft grosses Ansehen. Während der britischen Kolonialzeit änderte sich dies: Die Tänzerinnen wurden verachtet und sogar als Prostituierte bezeichnet. In den 20er bis 30er Jahren des letzten Jahrhunderts entdeckten einige Personen der Brahmanenkaste den Tanz wieder für sich. Bharata Natyam wurde in der Gesellschaft wieder akzeptiert und die Brahmanen führten ihn auf seine religiösen Wurzeln zurück.

 

Als Studentin der Religionswissenschaft wusste ich bereits vor meiner Reise nach Indien, dass aus diesem Land besonders viele Religionen entstanden sind und heute immer noch nebeneinander leben. Jedoch waren mir die religiösen Konflikte aus dem 20. Jh. sehr präsent: Die Massaker während der Teilung von Indien und Pakistan oder die Ermordungen von Sikhs nach dem Attentat auf Indira Gandhi.

Nun bin ich so vielen Menschen begegnet, die in Frieden mit ihren NachbarInnen leben wollen, interreligiöse Freundschaften haben und jeglichen Fundamentalismus ablehnen. Eine christliche Nonne, deren beste Freundinnen der Schulzeit Musliminnen und Hindus waren; Pater Saju, der tanzende Jesuit; Hindus, die Jesus als ihren persönlichen Gott folgen; Muslime, die an Karfreitag die Kirche besuchen; Marienfiguren im Sari, Jesusdarstellungen in Meditationshaltung auf Lotusblüten, bunte Gesichtsschleier muslimischer Frauen.

Das Zusammenleben verschiedener Religionen scheint heute für viele InderInnen persönlich kein Problem zu sein.

Indien ist der Beweis, dass das friedliche und respektvolle Zusammenleben verschiedener Religionen wunderbare Realität sein kann.

 

Mehr zu Saju Georges Projekt (auf Englisch) hier

Sajus SchülerInnen (gross und klein) in einer Tanzaufführung hier

Fahrt im Taxi | © Celia Gomez
5. März 2017 | 17:41
von Celia Gomez
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