Zeitgeist?
Jener des I. (!) Vatikanischen KonzilsJetzt wird sie im Zusammenhang unserer Pfarrei-Initiative wieder abgespielt: Die alte Platte, wir seien dem «Zeitgeist» verfallen. Im April nahm Helmut Schüller anlässlich der Herbert-Haag-Preisverleihung dazu Stellung. Ein Ausschnitt:
Als Thema meines Vortrages zu diesem festlichen Ereignis habe ich «Zeichen der Zeit statt Zeitgeist von gestern» gewählt. Die Idee dazu ist der Debatte mit unseren Kritikern entsprungen, die uns immer wieder unterstellen, als «Opfer des Zeitgeistes» nicht offen genug für die Führung durch den Geist Gottes zu sein. Ganz abgesehen davon, dass man sich natürlich immer fragen lassen muss, ob das, was man denkt und anstrebt, nicht weniger dem Heiligen Geist Gottes und vielmehr dem eigenen Vogel entspringt: bei eingehenderer Auseinandersetzung hat sich in mir doch auch der Verdacht verstärkt, dass so manches von der Kritik, die wir zu hören bekommen, selbst eher einem bestimmten innerkirchlichen «Zeitgeist» entspringt, – nämlich dem rund um das I. Vatikanische Konzil. Der Frage, was uns der Geist Gottes durch unsere Zeit hindurch sagen will, kann aber nicht mit den Antworten auf Fragen des vorvorigen Jahrhunderts allein begegnet werden. Und dass der Geist Gottes durch Menschen und Ereignisse von «außerhalb» der Kirche in die Kirche hineinsprechen kann (und manchmal offensichtlich auch muss), gehört zum Erfahrungsschatz der Kirche durch deren ganze Geschichte hindurch, – ja bis zurück in die Zeit des Jüngerkreises Jesu. Mitten in den Evangelien würdigt Jesus den Glauben von Menschen, denen man abspricht, überhaupt Glauben zu haben (und wenn, dann den falschen).Und Johannes XXIII. hat – wenn ich es richtig zuordne – sinngemäß einmal gesagt oder geschrieben, dass nicht nur die Geschichte von der Kirche lerne, sondern auch die Kirche von der Geschichte. Hier trage ich wohl «Eulen nach Athen», wenn ich die Einleitungssätze der Pastoralkonstitution des II. Vatikanischen Konzils zitiere (aber Sie und ich hören es wohl trotzdem immer wieder gern): «Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi…»(Gaudium et spes 1). Die «Menschen von heute», von denen das Konzil noch mit Respekt und dem Willen, sich in sie einzufühlen, spricht, diese Menschen von heute bekommen von unserer Kirche inzwischen meistens zu hören, dass ihnen etwas fehle: der Wille zum Widerstand etwa gegen die Gefahren und Versuchungen der modernen Zeit. Vor allem aber auch der Glaube fehle ihnen zunehmend. Meistens ist damit gemeint, dass Menschen nicht mehr alles in der Weise glauben, wie es ihnen das Lehramt der Kirche vorlegt. Und auch nicht in den Formen, die die Kirche dafür vorgesehen hat. Und rasch wird in eine «Glaubenskrise» umgedeutet, was eigentlich eine Kirchenführungskrise ist.
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