Markus Baumgartner

Zehn Gebote für das Internet

Im Kontext der Digitalisierung stellen sich die zeitlosen Fragen des Lebens neu: Wie gehen Menschen miteinander um? Welche Verantwortung tragen sie für Umwelt und Leben? Die Zehn Gebote gelten auch für das Internet, sagt die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD). Deshalb hat sie sie nun in einer Denkschrift auf den digitalen Raum übertragen. Sie will damit eine «Ethik der Digitalisierung» fördern.

Eine Denkschrift mit 250 Seiten gibt zu denken: Wie sieht freiheitliches und verantwortungsvolles Leben in der digitalen Gesellschaft aus? «Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten» – das Neunte Gebot – klingt im digitalen Raum so: «Unter digitalen Bedingungen Wahrhaftigkeit fördern». Das will die Kirche erreichen, indem sie angesichts der Informationsflut im Internet, Fake News, Social Bots, Trolls oder Hate Speech dazu aufruft, den Qualitätsjournalismus zu fördern. Ausserdem fordert sie vom Gesetzgeber, die Monopol-Macht digitaler Netzwerke zu begrenzen, damit eine gleiche Teilhabe aller gewährleistet werden könne. Christen selbst seien dazu aufgerufen, gegen Menschenfeindlichkeit oder Falschinformationen im Netz vorzugehen und darauf aufmerksam zu machen.

Du sollst nicht töten – Gebot Nummer sechs – lautet in digitaler Übersetzung der Kirche: «Digitalisierte Gewalt unterbrechen». Meint: Gegen Cyberterrorismus und Cyberkrieg aufstehen. Frieden zu sichern helfen – auch im digitalen Raum. Oder etwa den kritischen Blick auf autonome Waffensysteme zu wahren. 

«Gebote der Freiheit»

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) will mit ihrer Denkschrift zu einer «Ethik der Digitalisierung» beitragen, erklärte ihr Ratsvorsitzender Heinrich Bedford-Strohm bei der Vorstellung. Dazu eigneten sich die Zehn Gebote, denn sie seien kein Moralin, sondern «Gebote der Freiheit». Mit ihrer Hilfe wollten die Christen dabei helfen, Chancen des Digitalen zu nutzen und zugleich Risiken zu begrenzen. «Ich glaube, die Gesellschaft braucht das heute dringend», sagte Bedford-Strohm. Mit dem Papier will die Kirche einen Grundlagentext liefern, der gläubigen Christen Orientierung in der digitalen Welt – einen ethischen Kompass – geben soll. Die Bedeutung, die die EKD dem Papier beimisst, könnte höher nicht sein, schreibt das Onlineportal t3n.

«Kirche kann Herzen erreichen, nicht nur die Köpfe»

Der Beitrag der Kirchen sei dabei besonders wichtig, «weil sie die Herzen erreichen, nicht nur die Köpfe». Als Beispiel nannte er das Gebot der Sabbatruhe: Das Internet biete ständige Verfügbarkeit an, dem könnten die Zehn Gebote etwas entgegensetzen. Auch das Thema Ehebruch sei in der digitalen Welt «absolut zentral».  Etwa der Zugang zu Pornografie könne junge Menschen zur Abkehr von Verbindlichkeit verführen. Stefanie Hoffmann von der Stabstelle Digitalisierung der EKD sieht in der neuen Veröffentlichung einen Aufschlag für eine breite gesellschaftliche Debatte.

Zehn Gebote für den digitalen Wandel der evangelischen Kirche:

1. Gebot Freiheit im Netz: Digitalen Wandel verantwortlich und gut nutzen. (»Ich bin der Herr, dein Gott, der dich aus Ägyptenland, aus der Knechtschaft, geführt hat. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir.»)

2. Gebot Digitale Bilderwelten: Nicht vergessen, wer wir sind. (»Du sollst dir kein Bildnis noch irgendein Bildnis machen»)

3. Gebot Digitale Religiosität: Wo ist der Glaube im Internet? (»Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen.»)

4. Gebot Digitale Arbeit: Freie Zeit haben, um Freiheit zu finden. (»Gedenke des Sabbattages, dass du ihn heiligst.»)

5. Gebot Nachhaltig digital leben: Wie wir heute für Generationen-gerechtigkeit und die Umwelt sorgen. (»Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf dass du lange lebest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, geben wird.»

6. Gebot Digitale Waffen: Gerechter Frieden ist die Antwort. (»Du sollst nicht töten.»)

7. Gebot Digital und frei lieben: Aber nicht auf Kosten anderer. (»Du sollst nicht ehebrechen.»)

8. Gebot Digitale Wirtschaft: Chance für Schutz und Gerechtigkeit. (»Du sollst nicht stehlen.»)

9. Gebot Soziale Netzwerke: Mit Respekt diskutieren. (»Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wieder deinen Nächsten.»

10. Gebot Digitaler Konsum: Lebe deinen Traum – rücksichtsvoll. (»Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Du sollst nicht begehren deines Nächsten Frau, Knecht, Magd, Ring, Esel, noch alles, was dein Nächster hat.»)

Fazit zur Denkschrift des Onlineportals t3n: Wer sich unvoreingenommen mit den Texten der EKD beschäftigt, stellt schnell fest, dass die Bezugnahme auf die Zehn Gebote kein krampfhaftes Überstülpeln vorgefertigter kirchlicher Glaubenssätze auf eine moderne Realität bedeutet. Vielmehr ist es den Verfassern gelungen, eine eher philosophische als religiöse Betrachtungsperspektive einzunehmen. Den ethischen Grundsätzen, die die Denkschrift formuliert, dürften die meisten Menschen – unabhängig von ihrer oder überhaupt irgendeiner Religionszugehörigkeit – zustimmen können.

Bild Quelle ekd-digital.de
3. Mai 2021 | 22:20
von Markus Baumgartner
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