Wovon sind wir heute «besessen»?
Das heutige Evangelium böte eine gute Gelegenheit, Schauergeschichten zu erzählen von besessenen Menschen. Oder darüber zu spekulieren, ob was Besessenheit bedeutet: wie weit das, was zu biblischen Zeiten als Werk des Teufels galt, heute als erklärbare psychische Krankheit anzusehen ist.
Aber wie die Berner sagen würden: «Mer wey ned gröble.» Spekulationen wären vielleicht spannend. Aber sie würden uns ausser Nervenkitzel nichts bringen. Vielmehr soll uns heute die Frage interessieren: Was sind heute die Mächte, die unreinen Geister, welche viele Menschen beherrschen, ihr Denken und Handeln bestimmen? Wenn wir diese Frage ehrlich und vernünftig beantworten, kommen wir nicht auf irgendwelche aussergewöhnliche Phänomene, sondern schlicht und einfach auf alltägliche Begebenheiten.
Als erstes fällt mir die Macht des Geldes ein. Sicher, ohne Geld kommt heute kein Menschen durchs Leben, auch der ärmste nicht. Es ist anders als zurzeit von Franz von Assisi, der seinen Jüngern befahl, Geld als «Eselsmist» zu betrachten. Damals wurde Geld zu einem Mittel, um die Welt zu beherrschen.
Auch heute sind wir wieder einmal so weit. Fast von Jahr zu Jahr wird der Spruch wahrer: «Geld regiert die Welt.» Da werden in weltweiten Firmen Tausende von Arbeitern entlassen, damit die Dividenden steigen.
Das Denken an Gewalt beherrscht auch vielfach die einfachen Menschen. Es ist nicht überall so krass wie in einem Dokumentarfilm, den ich vor Jahren gesehen habe. Er beschreibt einen Deutschen, der durchs Land zog und es verstand, mit einem Trick Spielautomaten zu knacken. Sobald er die wichtigsten Orte besucht hatte, wo solche Automaten ihm Geld auswarfen, zog er an den nächsten Ort. Auf die Frage, ob er eine Freundin habe, meinte er: «Nein, denn dann müsste ich von Zeit zu Zeit bei ihr bleiben und könnte nicht weiterziehen und verlöre so vielleicht anderthalb Tausend Mark. Und so viel ist mir keine Freundin wert.»
Eine erschütternde Aussage: Lieber einsam sein und auf das viele Geld verzichten! Aber ist dies nicht auch die Versuchung vieler? Wie manche haben ein intaktes Familienleben oder ihre Gesundheit geopfert, weil ihnen eine gut bezahlte Stelle wichtiger war.Seien wir ehrlich: Sind wir nicht auch hie und da vom Geld fasziniert und laufen Gefahr, alles andere zu vergessen?
Nur kurz zu einem zweiten Phänomen: der Sexbesessenheit. Bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Ich möchte keineswegs die Sexualität verteufeln. Gerade die neueste Bischofssynode hat ihren Wert betont. Aber wie das Wort sagt: Es gibt auch eine Besessenheit vom Sex; nämlich dort,
wo der Körper wichtiger wird als die Seele
wo die Fassade mehr zählt als die inneren Werte
oder die Sache in einem grössern Zusammenhang gesehen: es gibt auch das Verlangen, einen Mensch völlig zu besitzen.
Seien wir ehrlich: Spüren wir in uns nicht auch die Versuchung, über einen lieben Menschen zu herrschen. Auch dazu ein krasses Beispiel:
Eine Frau aus der Ostschweiz erzählte mir, sie sei nach der Pensionierung ihres Mannes in den Kanton Luzern gezogen, dorthin, wo ihr Mann niemanden ausser einer Verwandten kennt. So könne er nicht dauernd im Restaurant sitzen. Der Mann machte mir keineswegs den Eindruck eines Beize-Höcklers. Aber die Frau wollte ihn offenbar dauernd im Haus haben, fast wie ein Haustier.
Die gleiche Frau erzählte mir, ihre gut 30jährige Tochter wolle den Beruf wechseln und sich zur Reisebüro-Kauffrau ausbilden lassen. Doch sie bete, dass Tochter die Aufnahmeprüfung nicht bestehe. Ich fand es grauenhaft, dass da Gott auch noch ins böse Spiel einbezogen wurde.
Aber seien wir ehrlich: Sind nicht auch wir versucht, über Menschen zu bestimmen und ihnen nicht den freien Willen zu lassen? Meistens meinen wir es dabei gut: Aber gut gemeint ist oft das Gegenteil von gut.
(Über die dritte Besessenheit, den Glaube an die Gewalt, habe ich hier schon öfter geschrieben. Darum überspringe ich hier diesen Predigtabschnitt.)
Gott kann auch die Besessenheiten unserer Zeit heilen, wenn wir auf seine Verheissungen glauben:
Er nimmt uns Menschen an, so wie wir sind. Auch der Besitzlose ist für ihn wertvoll.
Auch wer äusserlich nicht attraktiv ist, wird von Gott wegen seinen innern Werten geschätzt.
Auch wer nicht die Ellbogen sprechen lässt und mit Gewalt zu seinem Recht kommen will, bekommt von Gott seinen Platz zugewiesen.
Danken wir ihm in der Eucharistiefeier für diese frohe Zuversichten.
Gettnau LU, 8.45
(Ich musste einen erkrankten Mitbruder vertreten, schon um 6.45 aus dem Haus gehen und auf den freien Sonntag verzichten, den ich eigentlich nötig gehabt hätte vor einer bewegten Woche: Sitzungen in Zürich und Bern, zwei Sitzungen in Olten, Termin in Zug. Immerhin ist die übernächste Woche ruhiger, so dass ich mich dann auf die Redaktionsarbeiten für den Franziskuskalender 2016 konzentrieren kann.)
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