Celia Gomez

Wohnen bei Opus Dei

Opus Dei ist eine der umstrittensten katholischen Institutionen, die vor allem wegen ihren Bussübungen und politischen Ausrichtungen Schlagzeilen machte. Dass die 1928 in Spanien gegründete Organisation, inzwischen eine Personalprälatur der katholischen Kirche, auch Wohnhäuser für Studierende in der Stadt Zürich unterhält, mag daher vorerst irritieren.

Ich möchte mehr darüber wissen und treffe mich mit der Schweizer Studentin Sonya*, die selbst zwei Jahre lang im Haus Sonnegg gewohnt hat, um mit ihr über ihre Erfahrungen zu sprechen. Sonya studiert an der Universität Zürich und lernte als Teenagerin das Haus Sonnegg kennen, als sie im Sommer in dessen Küche aushalf.

 

Keine Partys, optimales Lernen und christliche Werte

Am Studentinnenhaus Sonnegg schätzte Sonya den strukturierten Alltag, der ihr eine optimale Lernatmosphäre geboten hat. «Es ist ein Haus, das eine Struktur für den Alltag gibt und wo es ein paar Regeln einzuhalten gibt. Zum Beispiel kann man unter der Woche nicht bis zwei Uhr nachts wegbleiben.» Die Haupttüre ist dann geschlossen, die Studentinnen besitzen keinen Schlüssel. Es hat immer jemand Türdienst, um auf die letzten Studentinnen zu warten. Wer zu spät kommt, halst der Mitbewohnerin mehr Arbeit auf. «Wenn ein längerer Ausgang geplant ist, bleibt man über die Nacht weg und übernachtet bei Freunden. Das sollte man aber ankündigen.»

Das Haus besitzt ein Leitungsteam, das aus Mitgliedern von Opus Dei zusammengesetzt ist. Die Mitglieder der Laienorganisation bemühen sich um eine regelmässige Glaubenspraxis, die aus Messen, geistlicher Lektüre und Besinnungsstunden besteht.

Im Haus Sonnegg gibt es eine Hauskapelle und ein Angebot an Glaubenskursen, an denen die Studentinnen freiwillig teilnehmen können. «Obwohl die meisten Bewohnerinnen nicht viel mit Glauben anfangen können, werden christliche Werte im Haus vermittelt und gelebt», erzählt mir Sonya. Für sie bedeutet dies Familiarität, gemeinsames Essen und Rücksicht auf die anderen. Diese Faktoren begeistern auch viele Eltern, die ihre Töchter im Haus Sonnegg sicher aufgehoben wissen.

 

Ein Raum für Frauen

Eine Reihe kultureller und sozialer Aktivitäten findet im Haus statt. Nicht alle Studentinnen sind gleichermassen motiviert, doch die Grundidee des Hauses sieht vor, dass die Studentinnen sich neben der Universität als Menschen bilden und ihre Kommunikation erweitern sollten. Somit sind diese Veranstaltungen grundsätzlich freiwillig, doch eine Studentin, die sich gar nicht engagieren möchte, sei fehl am Platz, erklärt Sonya.

Im Haus Sonnegg wohnen nur Frauen, für männliche Studenten unterhält Opus Dei das Haus Allenmoos. «Ich persönlich habe es lieber so. Ich finde es gut, dass es einen Raum gibt, wo nur Frauen sind – ein bisschen Frauenpower», schmunzelt Sonya. Männer habe sie ja im Studium genug um sich, erklärt sie mir. Auch nach ihrer Zeit in Sonnegg hat Sonya nur in Frauen-WGs gewohnt.

Mit dem Angebot an Glaubenskursen haben die Studentinnen die Möglichkeit, Opus Dei und dessen Spiritualität und Praktiken kennenzulernen. Das Haus sei offen für alle Religionen und Weltanschauungen, heisst es zumindest auf der Webseite. Es ist ein erster Kontaktpunkt zur Opus Dei, selbst wenn viele Bewohnerinnen anscheinend ohne Interesse an Religion durch ihre Studienzeit gehen. Das Haus Sonnegg mag den Eindruck eines Klosters hinterlassen, doch scheint gerade diese Atmosphäre für viele Studentinnen angemessen für ihre Studienzeit.

 

Idyllische Oase? Aber unter wessen Obhut?

Trotzdem bleibt das Haus Teil einer Organisation, die einerseits schwer durchschaubar ist – Namen von Mitgliedern sowie Aktivitäten sind grösstenteils unbekannt – und andererseits konservative bis reaktionäre christliche Ideale vertritt. Insbesondere in den letzten Jahren geriet Opus Dei durch die Medien, aber auch innerkirchlich unter Beschuss. Die Organisation spricht von einer Hetzkampagne und ungerechtfertigten Vorwürfen, KritikerInnen sehen in der Prälatur mafiaähnliche Strukturen, Geheimhaltung bzw. Vertuschung der Fakten, Unterdrückung interner Kritik, Abschottung der Mitglieder und Fundamentalismus. Ein Dialog ist zunehmend schwierig bis unmöglich geworden.

Definitiv zwielichtig ist die Vergangenheit von Opus Dei, die sich der Franco-Diktatur gegenüber loyal verhalten hat – GegnerInnen sprechen ausdrücklich von Kollaboration. Während nicht alles eindeutig nachgewiesen werden kann, steht fest, dass die Prälatur keine Freundin von demokratischen Strukturen ist und gerne vermögende, einflussreiche, politisch rechts stehende Persönlichkeiten für sich gewinnt.

Ob und was die Bewohnerinnen des Studentinnenheims alles über Opus Dei erfahren, bleibt schleierhaft. Sonya ist begeistert von der Organisation, nirgendwo in der katholischen Kirche wird für sie die Verbindung von Alltag und Spiritualität so gut gelehrt wie bei Opus Dei. Wo es der einen zu eng ist, fühlt sich die andere geborgen. Dies mag nicht nur auf das Haus, sondern auch auf die ganze Organisation zutreffen.

 

*Name wurde von der Autorin geändert

Zimmer | © pixabay.com CC0
12. Juli 2017 | 22:16
von Celia Gomez
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