Walter Ludin

Wo wohnt Gott?

Wenn ich böswillig sein wäre, könnte ich Ihnen jetzt eine Fangfrage stellen: nämlich, welches ist die wichtigste Kirche, die so genannte Mutterkirche der katholischen Christenheit. Die meisten würden wohl den Petersdom im Vatikan nennen. Die Antwort wäre falsch. Denn es ist  nach wie vor San Giovanni im Lateran. Die Päpste residieren zwar seit dem 14. Jahrhundert im Vatikan in der Nähe des Petrusgrabes. Die Lateran-Basilika ist aber immer noch die offizielle Kathedrale des Bischofs von Rom – wie Papst Franziskus sich ja nennt. Heute fährt die ganze katholische Weltkirche das Weihefest dieser Kirche: also so etwas wie eine weltweite Kilbi.
Allerdings: So ein Kirchenfest dürfen wir nicht überbewerten. Daran hat vor einigen Wochen der neue Abt von Einsiedeln, Urban Federer, erinnert. Er sagte etwas salopp: «Eine Kirchweihe kann nicht heissen: Wir feiern, dass wir Gott in diesem Kirchenraum eingefangen haben, dass wir wissen, ‹wo Gott hockt›».»
 
Ja, wo wohnt denn Gott? Wir begegnen ihm sicher in jeder Kirche; nicht nur in der prachtvollen, goldgeschmückten Lateran-Basilika. Er wohnt auch

hier in dieser 150-jährigen Dorfkirche
oder in der kleinen Klosterkirche der Kapuzinerinnen in Stans und in der einfachen Kapelle des Pflegeheims Stans, wo ich an beiden Orten morgen Sonntag Gottesdienst feiere.

Wo wohnt Gott? Er ist überall dort, wo zwei oder drei oder mehr Menschen in seinem Namen zusammenkommen, wie wir heute Abend.
Aber auch wie ein weiser Jude sagte: «Gott wohnt überall dort, wo man ihn einlässt.»
Und schliesslich, vergessen wir nicht: Gott kommt uns in den Geringsten unserer Brüder und Schwestern entgegen, wie Jesus in seiner Rede vom Jüngsten Gericht betont hat. Damit sind wir beim 2. Thema des heutigen Sonntags.
Denn heute feiert die katholische Kirche auch den Tag oder Sonntag der Völker. Ich war etwas erstaunt und leicht irritiert, als ich im liturgischen Kalender diese beiden Anlässe gesehen habe: die Kirchweihe der Lateran-Basilika und diesen sogenannten Themen-Sonntag. Doch etwas Wesentliches verbindet die beiden: die weltweite Dimension:

«katholisch» bedeutet ja weltweit. Dies kommt heute besonders zum Ausdruck, wenn wir nach Rom schauen, ins Zentrum der weltweiten Kirche.
Im Sonntag der Völker geht es ebenfalls um eine weltweite, heute sagt man globalisierten Sicht. Wir wissen es und erfahren es jeden Tag in den Nachrichten: Menschen verschiedenster Völker werden verfolgt. Sie müssen vor Krieg und Elend ihre Heimat verlassen, um ihr Leben zu retten. Papst Franziskus hat denn auch für den heutigen Sonntag das Motto gewählt: «Migranten und Flüchtlinge unterwegs zu einer besseren Welt.»

Ich habe es bereits erwähnt: In solchen Menschen wohnt Gott. In ihnen begegnen wir Jesus Christus, weil es heisst: «Ich war obdachlos/verfolgt/hungrig und ihr habt mich aufgenommen.» Oder eben: «…. Ihr habt mich nicht aufgenommen.»
Hier ist es sinnvoll, einen Blick auf den Schluss des heutigen Evangeliums zu werfen, wo Jesus sagt: «Seid wachsam. Ihr kennt weder den Tag noch die Stunde, da der Herr kommt.»  Ja, vielleicht kommt er gerade jetzt, in der Gestalt eines vom Bürgerkrieg fliehenden Menschen.
(Grosswangen LU, Sa. 17 Uhr; Stans Frauenkloster So 9.30 Uhr; Pflegeheim Stans So 10.40 Uhr)

8. November 2014 | 20:48
von Walter Ludin
Lesezeit : ca. 2  Min.
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